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Sauerstoffwasser – Fallen Sie nicht auf pseudowissenschaftliche Beweise rein

Während viele noch über Sinn oder Unsinn von isotonischen Getränken philosophieren, gibt es schon wieder eine neue Sorte

Wasser mit Sauerstoff-Sprudel-Blasen© Karin & Uwe Annas - Fotolia
Sportgetränk, die Ihnen zur absoluten Höchstleistung erhelfen soll: Mineralwasser, angereichert mit reinem Sauerstoff. …

Dem im Handel erhältlichen Sauerstoffwasser wird je nach Hersteller bis zu 70 mg reiner Sauerstoff zugesetzt. Der Sauerstoffgehalt gewöhnlichen Leitungswassers liegt bei einem Zehntel davon. Mit dieser Botschaft richten sich Anbieter besonders an Sportler, denn durch körperliche Aktivität wird die Sauerstoffaufnahme am effektivsten gesteigert. Wird diese erhöht, resultiert daraus mehr Leistung, insbesondere bei Ausdaueranforderungen. Glaubt man den Versprechen der Hersteller, dann ist Sauerstoffwasser sogar noch mehr als ein reines Power-Elixier. Zahlreiche günstige Einflüsse auf die Gesundheit machen es angeblich auch für den Nichtsportler interessant. Zu diesen Vorteilen zählen unter anderem:

  • Stärkung des Immunsystems,
  • Steigerung der Durchblutung,
  • Optimierung des Stoffwechsels,
  • Verbesserung der Fettverdauung,
  • höherer Energiestatus, dadurch verbesserte Belastbarkeit und Ausgeglichenheit,
  • Optimierung der antioxidativen Kapazität.

Zu guter letzt sollen Sie mit einem regelmäßigen Konsum von nur 1,0 – 1,5 Liter Sauerstoffwasser schon bald mehr Frische, mehr Elan, mehr Kraft und Lebensfreude verspüren, heißt es in einer Produktbeschreibung. Da kann selbst der bekannte „isotonische Durstlöscher“ nicht mithalten. Die Löslichkeit von Sauerstoff in Wasser ist sehr begrenzt und hängt hauptsächlich von der Temperatur und vom Druck ab.

Ist diese Kapazität erschöpft, bezeichnet man das Wasser als mit Sauerstoff gesättigt. Besitzt ein Wasser Kühlschranktemperatur ist es bei 1024 m bar atmosphärischem Druck mit ca. 12 bis 13 mg/l gelöstem Sauerstoff gesättigt. Um die gewünschten 70 mg/l Sauerstoff in die Flasche zu bringen, muss also der Druck erhöht werden. Nachteil: Wird die Flasche einmal geöffnet, sinkt der Druck und Sauerstoff entweicht. Sie sollten sich also mit dem Genuss des Sauerstoff-Cocktails beeilen, wenn Sie annähernd die volle Dosis erhalten wollen.

Mit Sauerstoff-Wasser machen Sie nur Ihren Goldfisch fit

Es stellt sich die Frage, inwieweit der menschliche Organismus von Sauerstoffwasser profitieren kann und wie haltbar die Versprechungen der Vertreiber sind. Der Sauerstoffgehalt im Wasser ist vor allem für Fische von Bedeutung. So leben z. B. Forellen mit hohem Sauerstoffverbrauch in kalten und Karpfen mit niedrigem Sauerstoffverbrauch in wärmeren Gewässern. Wenn Sie also Ihren Goldfisch fit für den Marathon machen wollen, macht es sicher Sinn, ihn in Sauerstoff-Wasser schwimmen zu lassen. Da der Mensch keine Kiemen, sondern eine Lunge besitzt, profitiert er mit Blick auf die sportliche Leistungsfähigkeit nicht von den Vorteilen einer höheren O2-Sättigung im Wasser.

Betrachtet man sich die Physiologie des menschlichen Körpers etwas näher, muss man die angepriesene Wirksamkeit des Sauerstoffwassers erheblich infrage stellen. Die Sauerstoffaufnahme erfolgt hauptsächlich über die Lunge. In den Lungenbläschen wird Kohlenstoffdioxid (CO2) ab- und Sauerstoff eingeatmet. Dieser wird an Hämoglobin (Hb) gebunden und zu einem kleineren Teil physikalisch im Blutplasma gelöst.

Im Durchschnitt enthält ein Liter Blut 150 Gramm Hb, an das maximal ca. 200 ml O2 angelagert werden können. Ist dieser Wert erreicht, spricht man von einer 100 %igen Sättigung des Blutes. Diese Sättigung sinkt mit Abnahme des O2-Partialdrucks in der Atemluft. Dies ist z. B. im Gebirge der Fall. Die Folge ist die, dass Leistungen im Ausdauerbereich sinken. Unter normalen Bedingungen auf Normalnull (NN) beträgt die Sauerstoff- Sättigung des Blutes 97 bis 98 %.Durch die orale Aufnahme von Sauerstoffwasser kann die Sättigung des Blutes nicht nennenswert erhöht werden.

Eine positive Wirkung auf Ausdauerleistungen ist somit aus physiologischer Sicht ausgeschlossen! Der Hinweis eines Herstellers, ein Teil der Bevölkerung leide an Sauerstoffarmut im Körper, ist ebenso wenig haltbar. Wenn dies so wäre, könnte diese Sauerstoffarmut auch nicht über ein Getränk ausgeglichen werden.

Es gibt keinen „neuen Weg“ der Sauerstoffaufnahme

Die „Extraportion Sauerstoff“, wie es in einer Werbung heißt, lässt die Verdauungsorgane in geradezu undankbarer Weise unberührt. Dieser „neue Weg der Sauerstoffaufnahme“ könne im Magen-Darm-Trakt Stoffwechselvorgänge fördern bzw. positiv beeinflussen, so wird Ihnen versprochen. Mit Blick auf die derzeitige Befundlage gibt es keinen physiologischen Vorgang im Intermediärstoffwechsel, der sich durch sauerstoffhaltigen Speise- und Getränkebrei beschleunigen ließe. Nährstoffe, die im Magen und im Dünndarm resorbiert werden, werden über die Pfortader zur Leber transportiert. Aus den Speisen können keine größeren Mengen an Sauerstoff aufgenommen werden.

Und selbst wenn dies möglich wäre, kann die Sauerstoffversorgung der resorbierenden Organe nicht auf die Pfortader reduziert werden. Der Magen-Darm-Trakt wird zum großen Teil über entsprechende Arterien mit Sauerstoff versorgt. Dieses sauerstoffreiche Blut stammt aus der Aorta und wurde vorher in der Lunge mit Sauerstoff angereichert. Würde tatsächlich Sauerstoff aus Magen und Darm in die Pfortader abgegeben werden, dann würde er zur Leber transportiert werden und von dort aus über die Hohlvene zum Herzen gelangen. Vom Herzen passiert das Blut zuerst die Lunge und wird dort eh zu fast 100 % mit Sauerstoff gesättigt, bevor es wieder in den Körperkreislauf gelangt.

Ob sich ein erhöhter Sauerstoffgehalt im Pfortaderblut signifikant auf Stoffwechselprozesse in der Leber auswirkt und sich dieser wiederum in einer der oben genannten Wirkungen niederschlägt, muss vor dem aktuellen wissenschaftlichen Hintergrund infrage gestellt werden. Eine Studie aus dem Jahre 2001 hat gezeigt, dass durch Sauerstoffwasser der O2-Partialdruck in der Pfortader und in der Bauchhöhle steigt. Allerdings ist diese Studie nicht unabhängig und wurde an Mäusen durchgeführt, was die wissenschaftliche Bedeutung im Hinblick auf eine leistungsfördernde Wirkung beim Menschen hinfällig macht.

Verlassen Sie sich nicht auf die Angaben der Hersteller

Wer die Aussagen der Hersteller auf den Prüfstein stellt, kann sämtliche Vorteile widerlegen. Mit Sauerstoff angereichertes Wasser hat keine leistungsfördernde Wirkung auf den Stoffwechsel und stärkt auch nicht das Immunsystem. Um zu prüfen, ob sich der „Energiestatus“ des Körpers verändert, müsste man wissen, was unter diesem Begriff tatsächlich verstanden wird. Teilweise liegen angeblich wissenschaftliche Studien vor, die zeigen, wie sich Sauerstoffwasser positiv auswirkt – aber eine unabhängige Studie, die wissenschaftliche Gütekriterien erfüllt, gibt es derzeit nicht.

Ob es sich um Fehlinformationen oder Betrug handelt, sei dahingestellt. Der Zusatz:„ Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass…“ ist allzu oft irreführend. Dies ist nicht nur im Fall von Sauerstoffwasser so, sondern in der Sport- und Fitness-Branche weit verbreitet. Es scheint, als unterliege der Hinweis auf wissenschaftliche Absicherung einer gewissen Inflation. Sie als Verbraucher können sich nur dahin gehend absichern, indem Sie Wert auf unabhängige Studien legt.

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Dr. Michael Spitzbart
Über den Autor Dr. med. Michael Spitzbart

Dies ist das Profil von Dr. med. Michael Spitzbart, dem Chefredakteur von "Dr. Spitzbart´s Gesundheits-Praxis". Hier gibt‘s alle Infos.

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