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Liebsein auf Rezept: Wenn Eltern ihre Kinder ruhigstellen

Bis zu 12 % aller Kinder – in Deutschland also mindestens eine halbe Million – zählen nach Expertenschätzungen zu den „Hypies“. Sie sind leicht erregbar, unkonzentriert und können einfach nicht stillsitzen.

Früher nannte man sie Zappelphilipp. Heute lautet die Diagnose ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom.

Schuld an diesem chaotischen Verhalten soll – so sagen Neuro-Wissenschaftler – eine Art genetisch bedingter „Kurzschluss“ im Gehirn sein. Der Stoffwechsel der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin ist gestört.

Diese beiden so genannten Neurotransmitter braucht das Gehirn, um Informationen von einer Nervenzelle zur anderen weiterzuleiten, einströmende Reize zu filtern und zu sortieren.

Sonst droht eine Überflutung mit Reizen und nachfolgendem Chaos im Kopf. Etliche Kinderärzte halten den Begriff „hyperaktiv“ heute generell für zu häufig und leichtfertig verwendet.

Jedes Kind, das irgendwie unruhig ist und sich nicht so verhält, wie Eltern und Lehrer das wünschen, bekommt vorschnell diesen Stempel aufgedrückt. Vielfach auch ohne eingehende Diagnose.

Ist das Kind aber erst einmal in der Arztpraxis, erhält es rasch die auch von vielen Eltern und Lehrern geforderte medikamentöse Behandlung mit dem Wirkstoff Methylphanidat (Handelsnamen Ritalin, Medikinet, Concesta).

Wegen des dramatischen Zuwachs an Methylphenidat-Verordnungen schlagen Kinderärzte jetzt Alarm.

Zappelkinder werden mit Medikamenten vollgestopft

„Wie kann es sein, dass die angeblich ‚genetisch bedingte‘ Krankheit ADHS sich seuchenartig unter Kindern ausbreitet? Geht das medikamentöse Glätten nicht an den wahren Ursachen vorbei“, fragte das Ärztefachblatt „Medical Tribune“ kürzlich.

Die Verordnungen seien innerhalb kürzester Zeit von 1 Million auf über 18 Millionen Rezepte pro Jahr gestiegen.

Seit auch Erwachsene diese Medikamente einnehmen, ist die Nachfrage um das 270fache angewachsen.

Weltweit hat allein der Verbrauch von Ritalin im vergangenen Jahrzehnt um 700% zugenommen, 90 % des Konsums fallen auf die USA. Hier bekommen Kinder jetzt schon reihenweise ohne Not allmorgendlich ihr Ritalin-Dragee.

Erwachsenen dient das Medikament als Aufputschmittel, bei Zappelkindern ist die Wirkung umgekehrt: Die Substanz schafft bei den überdrehten Kindern oftmals das, was Eltern und Schule sich so vorstellen: gebremste Impulsivität und größere Aufmerksamkeit.

Wenn Ritalin den Mangel an Dopamin ausgleicht, werden die Kinder ruhiger und konzentrierter.

Doch weil die Wirkung nur wenige Stunden anhält, hat sich die pharmazeutische Industrie beeilt, neue Präparate zu entwickeln, deren Wirkdauer länger ist. Sie bleiben nach der Einnahme am Morgen für 8 bis 12 Stunden im Blutkreislauf wirksam.

So können die unruhigen Geister nicht nur vormittags, sondern auch nachmittags „ausgebremst“ werden.

Die Nebenwirkungen von Methylphenidat sind jedoch nicht ohne: Schlafstörungen, Appetitmangel, depressive Verstimmung.

Langfristig kann offenbar das Gehirn geschädigt werden. Zudem fällt die Substanz unter das Betäubungsmittelgesetz, seine Verschreibung muss wie andere Betäubungsmittel und Drogen vom Bundesinstitut für Arzneimittel streng kontrolliert werden.

Die warnenden Stimmen werden immer lauter

Kinder- und Jugendärzte halten eine Verhaltenstherapie für die Kinder und eine eingehende Beratung der Eltern für zwingend erforderlich.

Selbst in vielen bürgerlichen Familien fehlt heute das Wissen über eine angemessene Erziehung und die Grundbedürfnisse von Kindern.

Nur der Rückhalt einer sicheren Bindung an die Eltern und eines nicht überreizten Alltags, versetzt ein Kind in einen angstfreien Zustand, in dem es seine Umwelt altersgemäß erforschen kann, so der Pädiater Dr. Hans G. Schlack vom Kinderneurologischen Zentrum in Bonn.

Er glaubt, dass die vielen Stunden, die selbst kleine Kinder heute vor Fernsehen und Computer verbringen, dazu führen, dass ein Kind immer stärkere Reize sucht.

„Dabei verkümmern Eigenaktivität und die Chance eigene Kompetenzen zu erwerben.“

Mit dieser Entwicklung kommen Kinder nicht zurecht, denn sie bringen keine Widerstandskräfte dagegen mit auf die Welt. Der geschützte Freiraum des Kindseins und die Unbeschwertheit der ersten Lebensjahre sind verschwunden. Die Eltern sind rat- und hilflos.

Der Wandel der Beziehungen und des Familienlebens, schwindende Verbindlichkeit traditioneller Werte und Normen, Internet, Freizeitangebote ohne Ende überfordern Groß und Klein gleichermaßen.

Kinder brauchen vor allem ihre Eltern als Heilmittel

Bevor wir Kinder mit diesen starken und nicht ungefährlichen Aufputschmitteln traktieren, sollten wir uns lieber fragen, was sich an den Entwicklungsbedingungen der Kinder heute so verschlechtert hat, dass immer mehr Kinder sich so entwickeln.

Die Kinder werden vom Wettlauf ihrer Eltern mit der Zeit förmlich hinweg gefegt oder aufgerieben. Der Verlust an Familienstrukturen zieht eine Sucht nach Sinnesreizen nach sich.

Das Fehlen eines berechenbaren, gleichbleibenden und langsamen Tagesablaufs zu Hause führt dazu, dass viele Kinder keine Strukturen der Selbstorganisation und Selbstkontrolle ausbilden können.

Das heißt für die Eltern: Routine und Rituale schaffen, geduldig da sein, wenn das Kind Aufmerksamkeit braucht. Dazu braucht es in erster Linie natürlich eine verlässliche Eltern-Kind-Beziehung.

Leider kommen diese Überlegungen jedoch nur selten zum Tragen. Medikamente sind für Ärzte und Eltern eben einfacher und schneller zu handhaben, als die intensive Beschäftigung mit dem zappeligen Kind oder eine alternative Behandlung wie etwa die Homöopathie, mit der gute Erfolge verzeichnet werden.

Immer häufiger werden die Medikamente auch ohne eindeutige Diagnose und schwerwiegende Probleme verschrieben. Der bloße Verdacht genügt, um die unliebsamen Kleinen anzupassen und ruhig zu stellen.

ADS: Helfen Sie sich selbst

Menschen, die unter ADS leiden, brauchen in ihrer Umgebung feste Strukturen und geordnete Abläufe, an denen sie sich orientieren können.

Ob die Störung behandelt werden muss, richtet sich nach dem Leidensdruck der jeweiligen Person und ob sie es schafft, sich selbst zu „coachen“.

Je früher es ihr gelingt, ihr Leiden selbst zu enttarnen, gewisse Verhaltensweisen zu stoppen und sich selbst klare Richtlinien für den Alltag zu „setzen“, desto größer sind ihre Chancen zur Selbsthilfe.

Reicht das nicht aus, hat sich in vielen Fällen eine Mischung aus medikamentöser Therapie und Verhaltenstraining bewährt. Dazu werden Stimulanzien wie Ritalin verschrieben, die auch bei einigen Erwachsenen sinnvoll sein können.

Um Ritalin tobt derzeit ein Glaubenskrieg. Denn die Kritiker befürchten, dass Ritalin auch bei uns – wie derzeit in den USA schon gang und gäbe – unkontrolliert als Straßendroge zur Leistungssteigerung eingenommen werden könnte.

Die Experten setzen ohnehin eher auf die Wirksamkeit des Verhaltenstrainings.

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