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Restless Legs Syndrom: Die Qual der ruhelosen Beine

„Bis zu 10 Prozent der Bevölkerung sind von dem Restless Legs Syndrom betroffen. Ein bis zwei Millionen Menschen müssten behandelt werden, doch die Erkrankung ist deutlich unterdiagnostiziert“. Dies erläuterte der Neurologe Professor Wolfgang Oertel kürzlich bei einem großen Ärztekongress die derzeitige Situation dieser wenig bekannten Erkrankung. RLS quält trotz der einfachen Diagnose und wirksamer Therapien noch immer zu viele Menschen.

Wie sehen die Beschwerden bei RLS aus?

Missempfindungen wie Ziehen, Stechen, Kribbeln, das Gefühl von Ameisen unter der Haut oder krampfartige Schmerzen charakterisieren das Syndrom der ruhelosen Beine (Restless Legs Syndrom, kurz RLS). Die Beschwerden nehmen in der Regel mit dem Alter zu. Die Erkrankung erschwert Kinobesuche, lange Autoreisen, Langstreckenflüge oder längere Bettlägerigkeit bei Krankenhausaufenthalten.

Obwohl Bewegung kurzfristige Linderung bringt, stört sie den Nachtschlaf und reduziert die Tiefschlafphasen. Daraus folgt Unkonzentriertheit, Gereiztheit und Tagesmüdigkeit. „Die Einschränkung der Lebensqualität von RLS-Patienten ist ähnlich wie die von Patienten mit anderen schweren Erkrankungen, etwa Diabetes mellitus“. Dies bemerkte Oertel, der 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Direktor der Klinik für Neurologie der Philipps-Universität Marburg. Die Patienten entwickeln in vielen Fällen zusätzlich Depressionen und Angststörungen, welche die Behandlung erschweren können.

Zu oft unerkannt

Fünf bis 10 Prozent der Deutschen (4 bis 8 Millionen Menschen) erleben diese Symptome in unterschiedlicher Intensität. Davon leiden bis zu 2 Millionen an einem Restless Legs Syndrom, das eine Behandlung erfordert. Obwohl Hausärzte die Krankheit gut diagnostizieren könnten, geschieht das nicht oft. Laut Oertel zeigt eine Studie, dass englische Hausärzte bei weniger als 7 Prozent der RLS-Patienten die richtige Diagnose gestellt haben. Die Diagnose erfolgt klinisch anhand von Fragen im Patientengespräch, die die vier wesentlichen Kriterien des RLS erfassen. Diese Kriterien lauten:

  • Bewegungsdrang der Beine, begleitet von Missempfindungen in den Beinen (die Arme oder andere Körperteile sind manchmal ebenfalls betroffen).
  • Bewegungsdrang oder Missempfindungen treten ausschließlich oder verstärkt in Ruhe (Liegen oder Sitzen) auf.
  • Der Bewegungsdrang oder die Missempfindungen werden durch Bewegung (Umhergehen, Dehnen) gebessert, solange diese Aktivität anhält.
  • Der Bewegungsdrang oder die Missempfindungen treten nur abends oder nachts auf oder der Patient spürt sie zu diesen Zeiten am stärksten.

Ursachen der Krankheit

Die genaue Entstehung von RLS bleibt bis heute ungeklärt. Es existieren vielfältige Ursachen: So kann die Erkrankung ererbt sein und plötzlich ausbrechen, ausgelöst durch noch unbekannte Faktoren. Ebenso kann das Restless Legs Syndrom sekundär durch Erkrankungen wie Nierenleiden, Eisenmangel, Nervenschäden (Polyneuropathie) oder chronische Hirn- und Nervenerkrankungen (Neurodegeneration) hervorgerufen werden.

Forscher untersuchen derzeit intensiv einen möglichen Zusammenhang mit Bluthochdruck, so Oertel. RLS kann im Verlauf einer Schwangerschaft auftreten und auch die Einnahme bestimmter Medikamente kann die Erkrankung auslösen.

Therapie der Wahl: Dopamin-Agonisten

Leichte bis mittelschwere Symptome, vorübergehendes Auftreten des Restless Legs Syndroms sowie Patienten mit schweren Vorerkrankungen nehmen zur Behandlung das Medikament L-Dopa ein. Dies ist eine spezielle Aminosäure und Vorläufer des Botenstoffes Dopamin. Aufgrund neuer Studien gelten Dopamin-Agonisten bei mittleren bis schweren RLS-Fällen als Mittel der ersten Wahl.

Obwohl Dopamin-Agonisten wie Rotigotin, Pramipexol und Ropinirol nicht identisch mit Dopamin sind, ist ihre Wirkung ähnlich. Die behandelnden Mediziner greifen auf die Dopamin-Agonisten zurück, wenn bei einer L-Dopa-Therapie ein Gewöhnungseffekt mit nachlassender Wirkung oder das Phänomen der Augmentation auftritt. Unter Augmentation versteht man ein früheres Auftreten der RLS-Symptome (statt gegen 19 Uhr bereits gegen 15 Uhr). Auch eine Ausdehnung der Symptome von den Beinen auf die Arme fällt unter diesen Begriff. Als Reservemedikamente gelten Opioide. Bei einem durch Eisenmangel verursachten Restless Legs Syndrom eignet sich die intravenöse Gabe einer Eisenlösung.

Das Pflaster gegen RLS: Wirkungsvoll und verträglich

Vor kurzem traten die Ergebnisse einer Fünf-Jahres-Behandlung mit dem transdermal (als Pflaster) applizierten Dopamin-Agonisten Rotigotin bei RLS-Patienten an die Öffentlichkeit. Es war die längste je durchgeführte Verlaufsbeobachtung. 341 Patienten beteiligten sich an der mehrwöchigen doppelblinden Studie. Davon nahmen 295 Patienten anschließend an der offenen (nicht mehr doppelblinden) Langzeit-Studie teil und schließlich beendeten 126 (also 46 Prozent) die Fünf-Jahres-Studiendauer. 39 Prozent der Patienten, welche die Testphase durchliefen, wiesen bei Weiterführung der Therapie keine Symptome mehr auf.

Der Körper verträgt das Pflaster nach Angaben von Oertel sogar nach fünf Jahren beim leichten bis mittelschweren Restless Legs Syndrom noch gut. Bei einer Behandlung mit der zugelassenen Dosis der verwendeten Dopamin-Agonisten beobachteten Spezialisten eine Augmentation nur bei etwa 5 Prozent der Patienten, die an der Fünf-Jahres-Studie beteiligt waren. Nach Angaben des Marburger Neurologen belegt die Studie die gute Wirksamkeit und Verträglichkeit der langwirkenden Dopamin-Agonisten in der Therapie.

„Ein besseres Leben mit RLS ist möglich!“

So lautete beim Kongress der Neurologen in Wiesbaden die Hauptbotschaft einer 64-jährigen Patientin, die seit 1967 an RLS leidet. Die Symptome traten erstmals während der ersten Schwangerschaft auf. Dann verschwanden zunächst und brachen bei zwei weiteren Schwangerschaften erneut aus. Seitdem nimmt die Patientin an der Behandlung teil. Sie ist nicht beschwerdefrei und hat nach eigenen Angaben eine Depression entwickelt. Insgesamt jedoch habe sich ihre Lebensqualität durch die modernen Therapien verbessert.

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