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Barfuß-Schuhe: Nur ein Vermarktungstrick oder eine geniale Idee?

Sie tragen Schuhe und haben trotzdem das Gefühl als ob Sie barfuß laufen würden. Ja, das geht – und zwar mit ganz speziellem Schuhwerk. Barfußlaufen ist die gesündeste Art zu gehen – das hat auch jüngst eine Studie der berühmten Harvard Universität in Boston (USA) bestätigt. Um denselben Gesundheitseffekt auch beim Tragen von Schuhen zu erzielen, haben verschiedene Hersteller Schuhe entwickelt, die den Widerspruch „Barfußgehen und Schuhetragen“ auflösen und den natürlichen Bewegungsablauf beim Gehen ermöglichen.

Was taugt der neue Trend wirklich?

Barfuß-Schuhe sind noch eine relativ neue Entwicklung. Vorreiter auf diesem Gebiet war der Schuh Nike Free, der vor einigen Jahren eine wahre Kehrtwende in die Laufschuh-Entwicklung brachte. Der Schuh war leichter und flexibler als vergleichbare Modelle, die Sohle durch Kerben besonders biegsam, die Dämpfung gleichwohl sehr komfortabel. Das Tragegefühl war sehr bequem, die vergleichsweise dicke Sohle schützte hervorragend vor Splittern, Steinen etc. Auf stabilisierende Elemente wie zum Beispiel eine Pronationsstütze oder eine Fersenkappe wurde verzichtet, sodass der Fuß zur aktiven (muskulären) Stabilisierung gezwungen wurde. Die Sprengung, also das Gefälle zwischen Ferse und Vorderfuß, war relativ gering, was für den Läufer ein Aufsetzen mit dem mittleren bis vorderen Fußbereich erleichterte, der natürlichen Barfuß-Laufbewegung entsprechend.

Bei den aktuellen, „fundamentalen“ Barfuß-Schuhen ist die Laufsohle sehr viel dünner und daher viel weniger komfortabel. Das Tragegefühl ist sehr „direkt“, die Bodenbeschaffenheit ungefiltert spürbar. Auf Dämpfung wird praktisch vollständig verzichtet, sodass der Fuß sich wirklich wie beim Barfußgehen verhält. Der Schutz vor Verletzungen durch Splitter, Scherben etc. ist aber weiterhin in ausreichendem Maße gegeben. Ein solcher Schuh wird quasi um den Fuß herum gebaut. Durch die spezielle Gestaltung im Vorderfuß kann jeder einzelne Zeh zum Beispiel mit Greifbewegungen auf den Bodenkontakt reagieren. Dadurch, dass die Barfuß-Schuhe mit etwa 100 Gramm Leichtgewichte sind, beeinflussen sie durch ihr Gewicht auch nicht die Hebelwirkung der Beine beim Laufen.

Verschiedene Typen von Barfuß-Schuhen

Als erster Barfuß-Schuh überhaupt gilt der Nike Free aus dem Jahr 2004. Seitdem wurde die Idee „Barfußlaufen in Schuhen“ immer weiter entwickelt und perfektioniert. Für einen Überblick über die zurzeit am Markt erhältlichen unterschiedlichen Variationen ist es hilfreich, die wichtigsten Typen zu kennen.

Barfuß-Schuhe lassen sich in diese drei Kategorien einordnen:

  1. Zehenschuhe sehen aus wie Handschuhe für die Füße, da jeder Zeh in einer eigenen Box steckt.
  2. Minimalschuhe haben keine Sprengung, sind extrem leicht und haben viel Bewegungsfreiheit im Vorfuß.
  3. Barfuß-Schuhe mit Dämpfung enthalten noch Elemente, die das Aufprallen der Füße dämpfen und das Abrollen stabilisieren. Manche Hersteller nennen diese Schuhe auch „Natural Running-Schuhe“

Da Zehenschuhe und Minimalschuhe aus dünnem Kunststoffmaterial im alltäglichen Straßenbild eher etwas gewöhnungsbedürftig sind, haben einzelne Hersteller (z. B. Vivobarefoot, ZAQQ) Lederschuhe nach dem Minimalprinzip entwickelt, die durchaus auch zum Anzug oder Kleid getragen werden können.

Welche Vorteile bieten Barfuß-Schuhe für die Gesundheit?

Beim Laufen und Gehen mit Barfuß-Schuhen werden, wie beim echten Barfußlaufen, Fuß- und Unterschenkelmuskeln gefordert und dadurch trainiert. Das stabilisiert aktiv die vielen Gelenke in diesem Bereich und kann auf Dauer Verletzungen und Fehlstellungen vermeiden helfen. Besonders wichtig ist, dass die Menschen wieder lernen, ihre Wahrnehmung zu schärfen: Der Besitzer wird aktiv ins Laufen mit einbezogen. Wer mit Barfuß-Schuhen beispielsweise am Strand über Muscheln geht, am Bach über Flusskiesel oder im Wald über Stöcke und Wurzeln, der weiß, wovon hier die Rede ist. Der Schuh macht hier, was der Fuß will, und nicht andersherum.

Barfuß-Schuhe bieten folgende Vorteile:

  • Unterstützung der natürlichen Laufbewegung
  • Kräftigung der Fuß- und Beinmuskulatur
  • Förderung des Zusammenspiels von Muskeln und Nerven (Sensomotorik) durch besseren Bodenkontakt
  • Verbesserung der Körperhaltung
  • Stärkung des Gleichgewichtssinns

Diese positiven Effekte erzielen die Schuhe durch ihre besonderen Eigenschaften, die sie von normalen Schuhen deutlich unterscheiden.

Für wen sind die Schuhe gut geeignet und für wen eher nicht?

Barfuß-Schuhe sind grundsätzlich für alle gesunden Menschen mit einem BMI im Normbereich geeignet. Bei Übergewicht (BMI > 25) kann es zu anfänglichen Schwierigkeiten bzw. Verletzungen kommen, wenn man übertreibt. Das höhere Körpergewicht, das auf den Füßen lastet, erschwert die eigene aktive Dämpfung der Stöße beim Aufsetzen (Aufprall) der Füße auf den Boden.

Personen mit signifikanten Fußfehlstellungen bzw. anderen orthopädischen Problemen sollten zudem vor einem Kauf mit Ihrem Orthopäden besprechen, ob ein solcher Schuh für sie überhaupt Sinn macht.

Barfuß-Schuhe beugen Fußkrankheiten vor

Viele modische Schuhe sind der Fußgesundheit nicht zuträglich. So führen auf Dauer zu spitze, zu enge oder auch zu hochhackige Schuhe zu Problemen, da sie die Zehen und das Fußgewölbe in Fehlstellungen zwingen. Fußkrankheiten wie ein Hallux Valgus, Spreizfuß oder auch Hammerzehen sind dann oft die nicht nur unschöne, sondern auch schmerzhafte Folge.

Das Tragen von Barfuß-Schuhen ist dagegen eine Art Fußtraining und gibt den Zehen die Möglichkeit, sich natürlich zu bewegen und zu spreizen. Wenn Sie bereits leichte bis mittlere Probleme mit Ihren Füßen haben, können Barfuß-Schuhe helfen, den Fehlstellungen entgegenzuwirken. In vielen Städten gibt es inzwischenspezielle Geschäfte für Barfuß-Schuhe, ansonsten erhalten Sie die Schuhe auch in Sportgeschäften, wo man Sie auch gerne berät. Je nach Ausführung kosten die Schuhe zwischen 100 und 300 Euro.

Der Umstieg geht nicht von heute auf morgen

Wenn Sie jetzt überlegen, einen Versuch mit Barfuß-Schuhen zu wagen sollten Sie wissen, dass Sie unbedingt eine Eingewöhnungszeit benötigen. Ihr Körper hat sich über Jahrzehnte an ein unnatürliches Gangbild, vielleicht auch eine entsprechende Lauftechnik (mit Dämpfung etc.) gewöhnt. So sollten Sie sich und Ihren Füßen auch die Zeit gönnen, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Die meisten von uns sind es nicht mehr gewöhnt, barfuß zu laufen, deshalb müssen sich die Sehnen und Muskeln erst langsam an die ungewohnte Belastung anpassen.

Tragen Sie Ihre Barfuß-Schuhe daher am Anfang nicht länger als 30 bis 60 Minuten pro Tag und vermeiden Sie zunächst auch sportliche Belastungen wie etwa Joggen oder Nordic Walking. Mit der Zeit können Sie die Tragezeiten ausdehnen und die Schuhe auch beim Sport tragen. Beginnen Sie zudem nicht direkt auf hartem Asphalt, sondern zunächst daheim, im Freien dann mit einem Spaziergang durch den Wald, auf einer Wiese oder einem Feldweg. Für viele ist es auch ratsam, mit einem noch leicht gedämpften Schuh einzusteigen.

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Prof. DHfPG Dr. Thomas Wessinghage
Über den Autor Prof. (DHfPG) Dr. Thomas Wessinghage

Prof. (DHfPG) Dr. Thomas Wessinghage ist Prorektor für Hochschulentwicklung und Transfer an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in […]

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Alte Kommentare
  • Elisabeth Bosch schrieb am 29.01.2015, 16:34 Uhr

    Dank meinen Senmotic-Barfussschuhen kann ich wieder grössere Wanderungen machen. Mit einem Senkfuss und Hallux war das auch mit speziellen Einlagen und guten Schuhen nicht mehr möglich. Ich bin froh , dass ich im Internet darauf gestossen bin.