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Lassen Sie sich nicht zum Hirndoping verführen

Um sich stromlinienförmig oder karriereträchtig durch das Leben zu bewegen und Dinge zu schaffen, die eigentlich nicht zu bewältigen sind, müssen Sie nicht mehr unbedingt Ihre eigene Leistungsfähigkeit in Anspruch nehmen. Das geht inzwischen auch ganz locker „auf Pille“! Eine kleine Tablette nur – und schon läuft alles wie geschmiert.

Sie fühlen sich fit, leistungsstark und high. Hinter dem Begriff Hirndoping verbergen sich Substanzen, die ausgleichen und dämpfen, vor allem aber konzentriert und wach halten. Neuro-Enhancement heißt dieses Phänomen unter Wissenschaftlern.

Aktuelle Suchtberichte stellen Medikamentenabhängigkeit noch ganz traditionell als das Problem von Frauen und alten Menschen dar. Doch dopen sich offenbar mittlerweile schon größere Teile der Gesellschaft mit modernen „Happy Pills“: medikamentösen Leistungs- und Launesteigerern.

Fast schon an der Tagesordnung ist dies in manchen extrem anstrengenden Branchen wie in der Werbung, im Sport oder in der Gastronomie. Journalisten sollen ebenso willige Abnehmer für die Pillen sein wie Ärzte oder Politiker. Vor allem aber wird erstaunlicherweise in Forschung und Medizin selbst gedopt.

Gedopt wird mit verschreibungspflichtigen oder nicht zugelassenen Medikamenten

Rund zwei Millionen Deutsche haben schon einmal zu leistungssteigernden Substanzen gegriffen – allein um im Job besser dazustehen. Nach aktuellen Schätzungen der DAK nehmen 800.000 Menschen regelmäßig Pillen ein, um bei der Arbeit nicht zu versagen.

Ohne dieses Doping fühlen sich 23,5 Prozent der von der Krankenkasse befragten Frauen und 11,5 Prozent der Männer den Anforderungen des Alltags nicht gewachsen. Nach vorsichtigen Schätzungen könnten es jedoch etliche Millionen sein, die aus eigener Kraft nicht mehr über die Runden kommen.

Männer neigen dazu, aufputschende und konzentrationsfördernde Mittel einzunehmen, hat die DAK erfahren. Frauen bevorzugen dagegen beruhigende und angsthemmende Substanzen. Zu den Mitteln, mit denen am häufigsten gedopt wird, zählen Antidepressiva, Mittel gegen Demenz, Bluthochdruck und Migräne.

Der Wirkstoff Piracetam beispielsweise, der dementen Menschen helfen soll, wird nur in 3 Prozent aller Fälle bestimmungsgemäß verschrieben. Ganz hoch im Kurs stehen auch die modernen Medikamente Ritalin, Prozac und Modafinil.

Sie sind eigentlich der Behandlung von Erkrankungen wie Aufmerksamkeitsdefizitstörungen, Depressionen und chronische Müdigkeit vorbehalten. Ritalin stimuliert die Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin im Gehirn und puscht auf diese Weise die Laune nach oben.

Die Wirkung lässt sich mit der von Kokain vergleichen, das ebenfalls im Belohnungszentrum des Gehirns wirkt. Der Stimmungsaufheller Prozac (in Deutschland „Fluctin“) wird gern genommen, um seelische Durchhänger in Stresszeiten zu vermeiden. Modafinil soll die Übermüdung durch Überarbeitung kaschieren.

Handelt es sich beim Hirndoping um einen riesigen Pharma-Versuch?

Für die Pharmaindustrie tut sich hier ein gigantischer Lifestyle-Markt auf. Hier können endlich auch gesunden Menschen Medikamente verkauft werden. Mit dem Internet ist es möglich, den Vertrieb zu organisieren: insbesondere für Medikamente, die bei uns nicht zugelassen sind.

Zugleich gelangt man auf diesem Weg auch zu einer großen Anzahl freiwilliger Teilnehmer an Untersuchungsbeobachtungen – denn legale Studien an gesunden Menschen werden derzeit nicht genehmigt. Risiken und Nebenwirkungen werden dabei billigend in Kauf genommen.

Jedes dieser Medikamente hat außer dem Suchtpotenzial und den damit verbundenen Folgen logischerweise auch gravierende Nebenwirkungen – sogar in Bereichen, auf die Sie im ersten Moment vielleicht gar nicht kommen. Die Gefühle auf Rezept verändern nämlich Ihre echten Gefühle, sie beeinträchtigen Ihre Sinne und verpassen Ihnen die Motorik eines Roboters.

Zudem reduzieren sie den Menschen von seinem ganzen Persönlichkeitsspektrum auf das reine Funktionieren. Wo eigentlich die Umstände von Leistung und Arbeit geändert werden müssten, wird immer weiter auf die Tube gedrückt.

Frauen, die derartige Anforderungen an sich selbst nicht aus eigenem Antrieb erfüllen können, merken irgendwann, dass sie es ohne Unterstützung nicht mehr schaffen. Wer keine menschliche Hilfe erhält, sucht sich andere Auswege: heute eine Pille, morgen zwei … übermorgen süchtig. Was meist scheinbar harmlos anfängt, endet oft mit schwerster Abhängigkeit.

Alle unerwünschten Gefühle sollen mit den Pillen heruntergeschluckt werden. Ängste, Zweifel und Niedergeschlagenheit finden keinen Platz. Knapp 20 Prozent aller Frauen nehmen mindestens einmal wöchentlich psychisch beeinflussende Medikamente, warnte unlängst die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Der Ausstieg gelingt selten ohne professionelle Hilfe

Was für die eine Frau tatsächlich nur eine kurzfristige Überbrückungshilfe sein kann, wird für die andere zum Verhängnis. Langsam wird die Dosis gesteigert. Oft gesellen sich andere Tabletten, andere Drogen hinzu. Nach einer Weile beherrscht die Sucht die Gedanken. Ohne die Drogen geht gar nichts mehr: nicht Arbeit, nicht Familie, nicht Entspannung.

Forscher vermuten, dass ein Teil des Hangs zur Sucht in der erblichen Veranlagung zu suchen ist. Auch der sozialen Erfahrung wird ein Stück Verantwortung zugedacht. So haben Studien ergeben, dass Menschen, die als Kinder körperliche und seelische Gewalt kennen lernen mussten, eher süchtig werden als andere.

Ein Mangel an Selbstwertgefühl wurde ebenfalls als Ursache ausgemacht. Und natürlich hängt es auch von der Droge selbst ab. Manche machen schneller und nachhaltiger süchtig als andere. Schon nach zwei bis drei Wochen können Sie abhängig sein.

Die Abhängigkeit kann sich – je nach Suchtstoff – aber auch über Jahre hinweg entwickeln, ohne dass ein Außenstehender dies bemerkt. Hat die Sucht erst einmal von Ihnen richtig Besitz ergriffen, ist der Ausstieg meist nicht ohne Hilfe zu schaffen.

Am Anfang steht immer eine körperliche Entgiftung, eine Phase mit mehr oder weniger starken Entzugserscheinungen. Leichte Entzugserscheinungen äußern sich in Schlafstörungen und Angstzuständen, schwere können zu Verwirrtheit, Delirien, Gewichtsverlust, Depressionen und sogar zu Krampfanfällen führen.

Je mehr Halt und Unterstützung eine tablettensüchtige Person im Alltag findet, desto größer sind ihre Chancen, tatsächlich von der Abhängigkeit loszukommen. Deshalb ist es so notwendig, sich so früh wie möglich mit der Sucht auseinanderzusetzen.

Das heißt also zu versuchen, Situationen gemeinsam zu entschärfen, die in der Betroffenen das Gefühl auslösen, Hilfe in Tablettenform zu nötig zu haben. Denn je mehr dieser Psycho-Krücken Sie einnehmen, umso mehr stellt sich die bittere Frage: Was bleibt von Ihnen als Person mit ganz eigenem Charakter noch übrig, wenn Sie Ihr ureigenes Verhalten in diesem Ausmaß durch Psycho-Pillen steuern?

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Alte Kommentare
  • Mäder Silvia HP schrieb am 02.02.2011, 11:44 Uhr

    Sehr geehrte Frau Dr.Hahn-Hübner, wie so oft haben Sie mit Ihren Erkenntnissen wieder einemal recht - oder sagen wir, zum größten Teil. Vielleicht sollte, dass ist mir als HP so selbstverständlich wie das täglich Brot, viel mehr nach den tatsächlichen Ursachen zur Sucht, egal Welcher, gesucht werden ?? Unsere Gesellschaft besteht heute zu einem großen Teil aus Selbstbetrug und einem gesteuerten Verlogenheits-Egoismus, der auch von den Medien gut dosiert ist, dass mann ohne einer Persönlichkeitsveränderung, vor allem wenn man im Berufsleben steht, aber auch als Hausfrau oder null-acht- fünfzehn normalo Mensch gar nicht mehr gewachsen ist. Nicht allein- seien Sie nicht Böse über diese Aussage- der IQ- eines Menschen beeinflußt meiner Erfahrung nach das Suchtverhalten und Potential ganz erheblich. Und nicht nur weil jemand einen Doktortitel hat ist er vermeintlich "intelligent" Wie heist es doch so schön und treffend - Selig sind die Geistig Armen!. Diese haben aber in unserer heutigen Gesellschaft, vorausgesetzt man stellt es richtig an, mehr Unterstützung in fast allen Belangen unseres täglichen Lebens als ein Einzelkämpfer im Berufsleben, der seine Schwächen und Fehler ja nicht mal zeigen kann und darf und das fängt meist schon in der Familie an!!- vorausgesetzt sie haben eine. Zu deutsch, hier beist sich die Katze wieder einmal in den Schwanz. Den richtigen Ansatz zu finden Probleme zu bewältigen, wäre wohl eine Alternative zu Medikamenten. Mit besten Grüßen Silvia Mäder HP

  • Dierck H Liebscher schrieb am 04.02.2011, 13:35 Uhr

    Pharmakologisches Neuroenhancement dient der medizinisch nicht indizierten Verbesserung der Gedächtnisleistung, der Steigerung der Aufmerksamkeit, der Aufhellung der Stimmung oder der Reduktion des Schlafbedürfnisses von Gesunden. Was zu wenig beachtet wird ist die Tatsache, dass erhöhte Stressempfindlichkeit, mangelnde Leistungsfähigkeit, nachlassende Konzentrationsfähigkeit, Depressionen, Ängstlichkeit und Schlafstörungen auch Magnesium-Mangelsymptome sein können. Das Mg-Gleichgewicht im Körper ist genetisch bedingt, daher besteht ein individueller genetisch-bedingter Mg-Bedarf. Unerkannte oder unbehandelte Mg-Mangel-Betroffene sind besonders gefährdet, Neuroenhancer einzunehmen und damit unnötige Gesundheitsrisiken einzugehen. Stattdessen erfordert ein genetisch-bedingter Mg-Mangel eine orale Mg-Aufdosierung, - in der Regel 600-1200 mg Mg, unter Stressbedingungen 1500-1800 mg Mg, in Extremfällen bis 20.000 mg Mg pro Tag, um damit die Mg-Homöostase zu erzielen. Classen et al. "INNERE MEDIZIN 2009" orienteirt auf 1000-1500 mg Mg pro Tag bei chronischem Mg-Mangel. Der Mg-Wert im Serum sollte dabei mindestens 0,9 mmol/l erreichen. Die Behandlung eines genetisch-bedingten Mg-Mangels ist medizinisch indiziert und fördert die Patientensicherheit. „Gesunde“, die eine Leistungssteigerung anstreben, sollten daher zunächst Magnesium zur Optimierung ihrer Mg-Homöostase einnehmen statt zu Neuroenhancern zu greifen. Mit Mg die Leistung zu steigern, ist kein Missbrauch von Medikamenten wie das bei Methylphenidat, Modafinil, Piracetam, Fluoxetin, Metoprolol etc. der Fall wäre, sondern entspricht der erforderlichen Berücksichtigung der genetischen Besonderheiten der Mg-Homöostase! Dierck-H.Liebscher