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IGeL: Eine unendliche Kontroverse

Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) stehen immer mehr in der Kritik. Sie seien medizinisch überflüssig und für die selbst zahlenden Patienten eine unnötige finanzielle Belastung. Für viele Ärzte seien sie eine willkommene Einnahmequelle. So lautet im Wesentlichen die Kritik der Verbraucherschützer, der Krankenkassen und mancher Parteipolitiker. Die Ärzteschaft weist die Vorwürfe von sich. IGeL seien keine medizinisch sinnlosen Maßnahmen.

Erst seit wenigen Monaten gibt es mit dem IGeL-Monitor ein vom Spitzenverband der Krankenkassen finanziertes Internetportal zum Thema IGeL. Dort sollen Krankenversicherte seriöse und wissenschaftlich korrekte Bewertungen finden. „In vielen Fällen sind diese Leistungen ein großes Ärgernis und sogar medizinisch bedenklich.“ Dies meinte die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands, Doris Pfeiffer, zum Start des neuen Portals.

Ärzte vs. Patienten?

Bei IGeL gehe es in erster Linie um die wirtschaftlichen Interessen der Ärzte, so Pfeiffer. „Das sind keine Leistungen, wo akuter Behandlungsbedarf besteht.“ Von Seiten der Ärzteschaft gab es erwartungsgemäß Kritik an dem Portal. Sie kritisierten vor allem den Vorwurf, weniger das Wohl der Patienten als den eigenen Geldbeutel im Blick zu haben. Die Portal-Betreiber gäben vor, den Patienten Orientierung bieten zu wollen. In Wirklichkeit gehe es um eigene Interessen, etwa das eigene Image aufzupolieren und Stimmung gegen die Ärzteschaft zu machen, hieß es.

In das gleiche Horn wie die Betreiber des Portals blasen nun Verbraucherschützer. „Viele Ärzte nutzen das Vertrauen der Patienten aus, wenn sie vom Helfer zum Verkäufer werden.“ Dies kritisiert Gerd Billen, Vorstand des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV). „Selbstzahlerleistungen sollen der Gesundheit dienen, nicht die Selbstbedienungsmentalität mancher Ärzte befeuern.“ Leider fehle in vielen Fällen eine ausreichende Aufklärung. Stattdessen werben die Mediziner für eine überflüssige medizinische Leistung.

Fehlende Transparenz

Patienten können die medizinische Notwendigkeit der Angebote nicht einschätzen. „Kosten und Risiken kennen sie manchmal erst nach der Behandlung“, hieß es. Hintergrund der Vorwürfe waren die Ergebnisse einer bundesweiten Online-Umfrage unter 1.700 Patienten. Laut dieser Umfrage erinnerte sich nur jeder vierte Befragte daran, dass man ihn über Risiken informierte. Über den individuellen Nutzen fühlte sich jeder Zweite aufgeklärt und ausreichende Bedenkzeit gab es nur in jedem zweiten Fall. Eine Kosteninformation vorab fehlte bei jedem Vierten, bei jedem Fünften die Rechnung.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnte davor, Individuelle Gesundheitsleistungen zu verteufeln. „Sie können im individuellen Einzelfall sinnvoll sein“, so KBV-Sprecher Roland Stahl. „Ärzte verhalten sich in ihrer Mehrheit nicht als Krämer, sondern beraten ihre Patienten unter medizinischen Gesichtspunkten.“

Kritik an der Umfrage

Bundesärztekammer-Präsident Dr. Frank Ulrich Montgomery übte Kritik an der Umfrage und den Aussagen der Verbraucherschützer. „Man schützt Verbraucher nicht dadurch, dass Verbraucherschutzorganisationen diffuse Studien und spekulative Hochrechnungen zu individuellen Gesundheitsleistungen veröffentlichen. Weder uns noch den Verbrauchern helfen sie mit pauschalen und nicht substantiierten Urteilen. Hier helfen nur Fakten.“ Diese Fakten bleibe der Bundesverband der Verbraucherzentralen schuldig.

Schließlich habe der Deutsche Ärztetag 2006 klare Regeln für den Umgang mit IGeL beschlossen. Zusätzlich informiere die Bundesärztekammer Ärzte und Patienten über IGeL und überarbeite diese kontinuierlich. In diesem Zusammenhang verwies der Bundesärztekammer-Präsident auf denIGeL-Ratgeber „Selbst zahlen?“ der Bundesärztekammer und der KBV. Bei der Erstellung der Publikation seien Ärzteverbände, Patientenorganisationen sowie das Deutsche Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin mit eingebunden gewesen.

IGeL = Wunschleistungen

Kritisch, aber mit Verständnis für die Ärzteschaft sieht das Thema die Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten (DGVP). So heißt es in einer Stellungnahme der DGVP: „Individuelle Gesundheitsleistungen sind Leistungen, die nicht zum Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenversicherung gehören. Man kann sie als Wunschleistungen bezeichnen, die der Patient in Anspruch nehmen kann.

Per Definition der gesetzlichen Krankenkassen sind sie nicht medizinisch notwendig. Deswegen zahlen die Kassen nicht und die Kosten gehen auf die private Rechnung des Patienten. Die Patienten sind verunsichert: Wieso war bis vor ein paar Jahren der Ultraschall beim Gynäkologen eine Standarduntersuchung in der Vorsorge und muss jetzt privat bezahlt werden? Ist man nicht auf der sicheren Seite, wenn man die Zusatzuntersuchung macht? Der Patient verlässt sich auf den Arzt, in dem Glauben, dass der nichts Unnötiges empfiehlt.

Existenzsicherung statt Abzocke

Durch die IGeL können die Praxen die unzureichenden Vergütungen durch die gesetzlichen Krankenkassen ausgleichen und somit die eigene Existenz sichern. Die Honorierung der Ärzte, Krankenhäuser, Therapeuten und Pflegeeinrichtungen nach einem festgelegten System bringt viele in wirtschaftliche Nöte. Deshalb führt man Leistungen aus rein wirtschaftlichen Gründen durch, die medizinisch gesehen nicht notwendig wären. Die Ärzte als „Abzocker“ hinzustellen, wie manche Leute die Aussagen der aktuellen Verbraucherschutzstudie teilweise interpretieren, ist falsch.“

Der Streit um die IGeL geht noch weiter. Leider kaum zum Wohle der Verbraucher, der Patienten und der meisten Ärzte. Cui bono also?

Regeln für die Abrechnung

Der Arzt darf Ihnen die IGeL-Behandlung nur dann privat in Rechnung tellen, wenn er Sie vorher darüber informierte, dass Sie die Kosten tragen. Idealerweise treffen Sie darüber eine schriftliche Vereinbarung mit diesen Punkten:

  • jede vereinbarte Leistung mit der entsprechenden Kennziffer der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) und eines eventuellen schriftlich begründeten Steigerungssatzes
  • die voraussichtliche Honorarhöhe
  • eine Erklärung, dass die Behandlung ausdrücklich auf Ihren Wunsch erfolgt
  • Ihre Aufklärungsbestätigung, dass die Behandlung nicht zum Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenversicherung gehört und kein Anspruch auf Erstattung der Kosten durch die Kasse besteht

7 kritische Fragen

Diese Fragen sollten Sie Ihrem Arzt stellen, wenn er Ihnen eineIGeL anbietet:

  1. Welche genauen Vorteile bringt mir die Untersuchung oder Behandlung?
  2. Wie hoch ist die Chance, dass man durch diese Untersuchung die gesuchte mögliche Erkrankung auch tatsächlich entdeckt?
  3. Ist es sicher, dass sich meine Lebensqualität verbessert oder meine Lebenszeit verlängert, wenn die Erkrankung besonders frühzeitig entdeckt und behandelt wird?
  4. Bedeutet ein positives Untersuchungsergebnis automatisch, dass ich krank bin?
  5. Welche weiteren Untersuchungen muss ich nach einem positiven Untersuchungsergebnis durchführen?
  6. Angenommen, eine Erkrankung wird festgestellt: Gibt es Therapien, deren Wirksamkeit nachgewiesen ist?
  7. Warum rechnet man die geplante Untersuchung nicht über die Versichertenkarte ab, also auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung?
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