MenüMenü

Pflanzliche Medikamente: Mit welchen Nebenwirkungen müssen Sie tatsächlich rechnen?

von Dr. Ulrich Fricke, Chefredakteur von „Länger und gesünder leben“

Nicht nur das offizielle Verbot des pflanzlichen Angstlösers Kava-Kava hat viele Anwender pflanzlicher Präparate verunsichert. Auch reißerisch aufgemachte Artikel in großen Illustrierten haben für Misstrauen gesorgt. So titelte der Stern im vergangenen Jahr: „Risiko Naturmedizin – wie gefährlich sind Ginkgo, Johanniskraut und Co?“ Tatsache ist, dass selbstverständlich auch „sanfte“ Naturheilmittel Neben- und Wechselwirkungen haben können. Aber die Gefahren sind im Allgemeinen eher gering. Und wenn Sie bestimmte Risiken meiden, können Sie auch weiterhin auf die „grüne Medizin“ vertrauen.

Es klingt zunächst überraschend, aber das Arzneimittelrisiko ist bei einem pflanzlichen Präparat meist schwieriger einzuschätzen als bei einem pharmazeutisch hergestellten Medikament. Denn pflanzliche Medikamente sind ein Gemisch aus vielen natürlichen Wirkstoffen. Ein Team schwedischer und britischer Wissenschaftler hat im Jahr 2000 im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO sämtliche zwischen 1968 und 1997 offiziell gemeldeten Nebenwirkungen pflanzlicher Präparate ausgewertet. Insgesamt waren dies knapp 9.000 Fälle. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum gingen bei den Behörden mehr als zwei Millionen Berichte über Nebenwirkungen durch synthetisch hergestellte Arzneimittel ein. #

Die Dunkelziffer der Nebenwirkungen, die nicht gemeldet werden, dürfte in beiden Bereichen sehr hoch sein. Dennoch zeigen allein die unterschiedlichen Größenordnungen, dass Sie sich vor Nebenwirkungen pflanzlicher Präparate nicht fürchten müssen. Panikmache ist hier deutlich fehl am Platz. Allerdings wäre es auch blauäugig anzunehmen, Heilpflanzen hätten überhaupt keine Nebenwirkungen.

Heilpflanzen mit den meisten gemeldeten Nebenwirkungen:

– Nachtkerzenöl

– Pfefferminzöl

– Flohsamen

– Senna

– Ginkgo

– Mistel

– Echinacea

– Mariendistel

Die Liste ist selbstverständlich vorsichtig zu interpretieren. Logischerweise werden die meisten Nebenwirkungen bei den Pflanzen gemeldet, die auch besonders häufig angewendet werden. Daher sagt sie nicht unbedingt etwas über die „Gefährlichkeit“ einer Heilpflanze aus.

Diese Nebenwirkungen werden beobachtet:

– allergische Reaktionen (z. B. Nachtkerzenöl)

– Atemnot (z. B. Pfefferminzöl)

– Verstopfung (z. B. Flohsamen, Senna)

– Durchfälle

– Herzrasen

– Gelbsucht

In vielen Fällen gingen die Nebenwirkungen jedoch auf einen unsachgemäßen Gebrauch (zu hohe Dosierung, zu lange Anwendungsdauer) der Mittel zurück.

Von den Nebenwirkungen sind die Wechselwirkungen pflanzlicher Präparate mit anderen Medikamenten streng zu unterscheiden. Zu solchen Wechselwirkungen kann es kommen, weil die pflanzlichen Wirkstoffe genauso wie die synthetisch hergestellten in der Leber um- oder abgebaut werden. Einen entscheidenden Beitrag dazu leistet das so genannte Zytochrom-P–450-System. Das sind spezielle Enzyme, die für den Abbau von Fremdstoffen sorgen. Pflanzliche Wirkstoffe wie z. B. Johanniskraut-Präparate aktivieren dieses Enzymsystem. Gleichzeitig verabreichte Medikamente (z. B. das Herzmedikament Digitalis) werden daher schneller abgebaut. Die Folge: Die verordnete Digitalis-Dosis reicht nicht mehr aus, um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen.

Wegen dieser Auswirkungen auf synthetische Medikamente müssen Sie Ihren Arzt davon in Kenntnis setzen, wenn Sie pflanzliche Präparate zusammen mit synthetischen Medikamenten verwenden, damit er die Dosierung entsprechend anpassen kann. Für Ihren Arzt kann auch ein Blick ins Internet hilfreich sein: Unter www.herbmed.org findet sich die weltweit größte Datenbank über pflanzliche Präparate und ihre bisher bekannten Wechselwirkungen. Wichtig können solche Wirkungen auch bei geplanten Operationen sein. Sie sollten die pflanzlichen Mittel daher rechtzeitig vor einer Operation absetzen und das Operationsteam auf die Einnahme aufmerksam machen.

Eine Nebenwirkung, über die bei verschiedenen Heilpflanzen berichtet wird, ist die so genannte Photosensibilisierung. Verschiedene Inhaltsstoffe können in die Haut eingelagert und dann unter dem Einfluss des Sonnenlichts zu reizenden Substanzen umgewandelt werden. Bei empfindlichen Patienten kommt es zu Hautpusteln oder Ausschlägen.

Diese Heilpflanzen können die Haut gegen Sonnenlicht empfindlich machen:

– Bergamotte

– Grapefruit

– Engelwurz (z. B. im „Schwedenbitter“)

– Buchweizen (z. B. in Venenmitteln)

Auch für Johanniskraut findet sich in nahezu sämtlichen Publikationen der Hinweis auf eine mögliche Photosensibilisierung. Tatsächlich nachgewiesen ist dies jedoch nur bei Kühen, die auf der Weide das Kraut verzehrten, und weißen Mäusen, die im Labor mit Extrakten gefüttert wurden. Beim Menschen ist bisher noch kein Fall eindeutig auf das Johanniskraut zurückzuführen gewesen. Für übertriebene Panik besteht also kein Grund.

Um sich vor Neben- und Wechselwirkungen zu schützen, sollten Sie jedoch nicht nur Ihren Arzt in die Therapie miteinbeziehen. Es ist genauso wichtig, dass Sie beim Kauf auf Qualität achten. So garantiert nur die Zulassungsnummer auf der Packung, dass Qualität, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit überprüft sind, wie es das Arzneimittelrecht vorschreibt. Fragen Sie gezielt nach Präparaten, deren Wirksamkeit auch in Studien belegt ist, und lassen Sie sich Unterschiede vom Apotheker erklären. Präparate aus Drogerien oder Supermärkten enthalten aus Sicherheitsgründen oft nur geringe Wirkstoffmengen. Kennzeichen dieser nur schwach wirksamen Arzneien ist der Hinweis „Traditionell angewendet bei …“. Hersteller dieser Arzneien sind nicht dazu verpflichtet, die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit ihrer Produkte zu belegen. Immer wieder stoßen Kontrolleure vor allem in Heilpflanzen, die nicht in Westeuropa oder den USA produziert wurden, auf Rückstände wie Schwermetalle oder Pestizide. Wenn Sie ganz sicher gehen wollen, dass Ihre Heilpflanzenpräparate unbedenklich sind, bleibt Ihnen nur der Gang in die Apotheke. Die hier verkaufte Ware ist auf Herz und Nieren geprüft. Ein Preisvergleich lohnt sich: Kaufen Sie auf jeden Fall in der Apotheke, wenn die Präparate dort nicht wesentlich teurer sind als im Supermarkt. Mehr zum thema lesen Sie auch hier:

© FID Verlag GmbH, alle Rechte vorbehalten