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Multiple-Sklerose (MS): Umstrittene Liberation-Operation

Schwer kranke Menschen erhalten oft Angebote für medizinische Behandlungen, für die es unzureichende Belege für die Wirksamkeit gibt. Seit wenigen Jahren erregt eine Operation an Hirngefäßen für Patienten mit Multipler Sklerose Aufregung.

Die meisten Spezialisten halten die „Liberation“, eine operative Therapie, die seit einiger Zeit Patienten mit Multipler Sklerose (MS) angeboten wird, für unausgereift. Die „Liberation“ beruht auf der Vorstellung des italienischen Gefäßchirurgen Professor Paolo Zamboni. Danach sei bei Multipler Sklerose der Rückfluss des Blutes aus dem Gehirn durch blockierte oder verengte Venen gestört. Er bezeichnet dies als „chronisch cerebrospinale venöse Insuffizienz“. Als Folge des in den Venen gestauten Blutes komme es dann zu den Schäden im Gehirn, die für die Multiple Sklerose typisch sind.

Zu dieser Vermutung kam Paolo Zamboni, als er begann, sich wegen der MS-Erkrankung seiner Frau näher mit der Entstehung von Multipler Sklerose zu befassen. Ausgehend von seiner Venen-These kam Zamboni zu der Idee, den MS-Patienten durch eine Venen-Operation helfen zu wollen. Dies tat er durch die als „Liberation“ bezeichnete Operation. Bei dieser Behandlung weitet der Gefäßchirurg zunächst die verengte Vene im Kopf. Anschließend setzt er eine kleine Prothese, einen so genannten Stent, ein. So bleibt das Gefäß dauerhaft offen.

Angeblich operierte Zamboni seine Frau mit Erfolg. Seitdem fanden weltweit Untersuchungen statt, um die These des Italieners zu prüfen. Die meisten Studien lieferten keine Belege dafür, dass seine Vermutung zutrifft. Eine aktuelle Auswertung von mehreren Studien durch Wissenschaftler aus Toronto hat Hinweise erbracht, dass Zamboni nicht völlig falsch liegt.

Eine Operation mit unklarem Nutzen

Daher sehen die meisten Spezialisten und Fachgesellschaften die Liberation-Operation kritisch. Der ärztliche Beirat der Deutschen MS-Gesellschaft äußerte sich 2009 sehr ablehnend: „Nach unserem wissenschaftlichen Urteil entbehren die von Zamboni und anderen vorgestellten Studienergebnisse einer soliden wissenschaftlichen Methodik. Damit sind sie wertlos und sogar ethisch bedenklich.“

Der Düsselsorfer MS-Spezialist Professor Dr. Hans-Peter Hartung stimmt der Kritik zu: „Nach unserer Meinung gibt es für diese Hypothese keine ausreichenden Beweise. Erst recht gibt es keinen Grund dafür, den vermeintlichen Gefäßstau in einem so genannten ,Liberation Treatment‘ für mehrere Tausend Euro beseitigen zu wollen.” Dennoch bieten Chirurgen in vielen Ländern, zum Beispiel in Polen, die Gefäß-Operation an.

Deutsche Spezialisten befassen sich mit der Liberation-Therapie, zum Beispiel Professor Thomas Vogl vom Universitätsklinikum in Frankfurt. Das Verfahren benötige noch weitere Probedurchläufe, schränkt Vogl ein. Auch der US-Neurologe Dr. Marc A. Lazarro vom ,Froedtert Hospital and Medical College of Wisconsin“ beschäftigt sich mit der Liberation. Die Methode sei noch im experimentellen Stadium und sollte daher nur in spezialisierten Kliniken Anwendung finden, behauptet er.

Der Nutzen der Gefäß-Operation sei derzeit noch unklar, betont ebenso Professor Roberto Zivadinov von der Universität von Buffalo. Er beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit der These von Zamboni. Paolo Zamboni sagt inzwischen, dass es sich bei der Operation um eine noch nicht ausreichend erprobte Therapie handelt. Er rät daher Patienten mit Multipler Sklerose, vor einem operativen Eingriff weitere Studien abzuwarten.

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