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Wecken Sie die Sinne Ihres Kindes: So fördern Sie seine Wahrnehmung

Menschen mit ADS haben einen erheblichen Leidensdruck, denn sie kriegen und kriegen einfach nichts hin. Ihr Leben ist ein einziges Chaos, über das sie nicht die geringste Kontrolle haben.

Ihre Stimmung schwankt zwischen aufbrausend, euphorisch und depressiv. Der Neurologieprofessor Russell Barkley von der Universität Massachusetts definiert ADS als Störung der Fähigkeit innezuhalten und nachzudenken, bevor man handelt.

ADS: Unwichtige Reize können nicht aussortiert werden

Äußere und innere Reize können nicht unterdrückt werden; daraus folgt die Unfähigkeit, sich zu konzentrieren. Dazu müssen wir Wichtiges von Unwichtigem trennen können.

Unser Gehirn muss sortieren: unwichtige Reize ausschalten, wichtige Reize aufnehmen.

Kann es das nicht, entsteht im Hirn ein ähnlicher Effekt wie bei Schwerhörigen. Alle Reize wollen mit gleicher Aufmerksamkeit wahrgenommen werden, ganz gleich ob sie benötigt werden oder nicht – das gibt beispielsweise im Ohr ein Geräuschdurcheinander, aber nichts wird wirklich gehört.

Unser Arbeitsspeicher im Gehirn vergleicht die Ergebnisse seiner Erkenntnisse mit denen früherer Erfahrungen, um daraus „vernünftiges“ und zielgerichtetes Handeln abzuleiten. ADS-Patienten sind dagegen kaum in der Lage, aus Erfahrungen zu lernen und ihr Verhalten zu kontrollieren.

Sie zeichnen sich durch ein „reizoffenes Wahrnehmungssystem“ und den Hang zu überschießender Erregung aus.

Sinne und Wahrnehmung trainieren hilft gegen AD(H)S

Um seine Sinne zu trainieren, braucht ein Kind vielfältige Anregungen. Im Vordergrund stehen heutzutage Sehen und Hören, während andere Sinne wie Geruchssinn und Gleichgewicht eher ein Mauerblümchen-Dasein fristen. Lernen Sie in diesem Beitrag Spiele bzw. Spielzeug für alle Sinne kennen.

Stundenlanges Herumtoben in freier Natur oder zumindest ausgiebiges Spiel mit anderen Kindern im begrünten Hinterhof sind heute eher die Ausnahme als die Regel, zumindest in Städten.

Daher fehlt es unseren Kindern vielfach an „Entdeckungsräumen“, die alle Sinne anregen. Ohne geschulte Wahrnehmung sind jedoch z. B. Grob- und Feinmotorik beeinträchtigt, weil Gleichgewicht und Bewegungskoordination unzureichend sind.

Es kann zu Störungen des Körperschemas oder auch zu einer Einschränkung der Sprachfähigkeit kommen. Dem können Sie jedoch durch gezielte Förderangebote in spielerischer Form vorbeugen.

Damit verhindern Sie möglicherweise auch Wahrnehmungsschwächen, welche die Grundlage für eventuell später auftretende Schul- und Lernprobleme sowie Teilleistungsstörungen sind.

Die folgenden Spielvorschläge lassen sich mit einfachen Materialien realisieren und machen obendrein viel Spaß, die vorgestellten Spielzeuge sind robust und lange bzw. immer wieder aufs Neue interessant.

Spiele und Anregungen für die Kleinsten

Rasseldosen: Füllen Sie durchsichtige Plastikdosen oder -flaschen (mit Schraubdeckel) mit bunten kleinen Gegenständen, etwa Knöpfen, Murmeln, Holzperlen oder Steinchen. Gut zuschrauben und zusätzlich durch Umkleben mit Gewebeband sichern.

Wenn Ihr Baby nun damit rasselt, kann es gleichzeitig zusehen, wie sich die Gegenstände in der Rassel bewegen, und Farben und Formen bestaunen.

Tastspielzeug: Geben Sie Ihrem Kind Alltags- und Haushaltsgegenstände aus unterschiedlichen Materialien – vom Holzkochlöffel über Plastikschüsseln und Waschlappen bis hin zum Schneebesen aus Metall ist alles geeignet.

Wichtig ist nur, dass Ihr Kind sich nicht damit verletzen oder den Gegenstand verschlucken kann.

Sanfte Bewegung: Bieten Sie Ihrem Baby so viele Bewegungsreize wie möglich. Ein Baby ist biologisch gesehen ein so genannter „Tragling“. Sein evolutionäres Programm ist also quasi darauf voreingestellt, dass es in der ersten Zeit seines Lebens ständig von seiner Mutter getragen wird.

Tragen Sie Ihr Kind z. B. im Tragetuch und/oder gönnen Sie ihm sanfte Bewegung in einer Hängematte bzw. in einem Baby-Hängebett, mit Ihnen zusammen in einem Schaukelstuhl oder, sicher von Ihnen gehalten, auf einem Gymnastikball, den Sie sanft hin und her rollen.

Fingerspiele: Sie machen schon den Allerkleinsten Spaß, vermögen aber auch Kinder bis ins Kindergartenalter zu begeistern.

Für Kinder von ein bis drei Jahren

Fühlbücher: Für Kinder ab etwa 18 Monaten sind Bücher, in denen es knisternde Folie, Plüschfell oder Ähnliches zu entdecken und befühlen gibt, hochinteressant.

Wo spielt die Musik?: Nehmen Sie eine aufgezogene Spieluhr (ersatzweise einen laut tickenden Wecker) und verstecken Sie diese im Raum, z. B. unter dem Sofa oder hinter dem Vorhang. Bitte Sie nun Ihr Kind, die Spieluhr zu suchen.

Bewegung im Raum: Immer wieder interessant ist eine Motorikschleife. Spielerisch trainiert Ihr Kind die Koordination von Hand und Auge, wenn es die bunt gefärbten Holzkugeln an den unterschiedlich geformten, farbigen Drähten entlangschiebt.

Eine ganz andere Art von Bewegung im Raum ist das bei allen Kindern beliebte Schaukeln. Hier geht es um die Anregung des Gleichgewichts- und Lagesinnes. Lassen Sie Ihr Kind also häufig schaukeln.

Als Schaukelersatz können Sie zu Hause ein großes Tuch (z. B. Bettlaken) nehmen, in das sich Ihr Kind wie in eine Hängematte hineinsetzt. Mit Hilfe einer zweiten Person, die – wie Sie – zwei Ecken des Tuches hält, können Sie Ihr Kind nun sanft oder auch wilder hin- und herschwingen.

Fühlparcours: Befüllen Sie flache Schachteln (z. B. Deckel von Schuhkartons) oder Plastikschüsseln mit unterschiedlichen Materialien, z. B. Sand, Papierschnipsel,Wollreste, Heu, getrockneten Bohnen, Korken oder Holzperlen.

Legen Sie die Schachteln bzw. Schüsseln wie eine Straße hintereinander auf den Boden und lassen Sie Ihr Kind an der Hand barfuß alle Materialien erkunden.Ab etwa drei Jahren können Sie Ihr Kind bitten, die Augen zu schließen und zu erfühlen, was sich in jeder Schachtel bzw. Schüssel befindet.

Natürlich können Sie die befüllten Behältnisse auch auf den Tisch stellen und Ihr Kind mit den Händen hineinfassen lassen.

Massage- und Berührungsspiele: Massieren Sie Ihr Kind am Rücken oder auch am gesamten Körper.Wenn Sie dabei ein duftendes Massageöl (siehe Tipp) verwenden, wird auch noch das Näschen angesprochen.

Experimentieren Sie mit unterschiedlichen Materialien und Gegenständen. Wie fühlt sich ein Igelball auf der Haut an, ein Pinsel, eine Feder, ein Luffa-Handschuh, eine Bürste mit weichen Borsten (z. B. Babybürste) oder Watte?

Für Kindergartenkinder (ab drei Jahren)

Die oben genannten Fingerspiele, Fühl- und Tastspiele sowie Massagen sind natürlich auch für Kindergartenkinder geeignet! Zusätzlich bieten sich an:

Mund auf, Augen zu: Richten Sie eine Schmeck-Bar ein. Stellen Sie Schüsselchen mit essfertigen kleinen Häppchen bereit, z. B. Apfelstückchen, Essiggurken-Stückchen, Käsewürfel, Brotbröckchen, Gummibärchen, in Stücke gebrochene Salzstangen, ggf. auch Wurst in Würfeln (milde Sorten wie Fleischwurst oder Gelbwurst).

Legen Sie über die nebeneinander stehenden Schüsselchen ein sauberes Geschirrtuch, damit Ihr Kind nicht sehen kann, was Sie anbieten. Dann darf es mit geschlossenen Augen nacheinander aus den verschiedenen Schüsselchen probieren.

Wie schmeckt es? Ist es süß, sauer oder salzig? Kann es erraten, was es gerade gegessen hat?

Kleiner Spürhund: Verstecken Sie ein Stück stark riechende Seife (z. B. Speick-Seife) oder einen mit Parfüm bzw. Rasierwasser getränkten Wattebausch im Raum. Damit es keine Flecken gibt, den getränkten Wattebausch bitte auf einen Teller legen! Ihr Kind darf nun die Duftquelle aufspüren.

Küche der Gerüche: Befüllen Sie einige saubere Schraubdeckel-Gläser (z. B. gespülte Marmeladengläser) mit verschiedenen typisch riechenden Esswaren, etwa Kaffeepulver, halber Zwiebel, halber Zitrone, kräftig riechendem Käse oder Zimtstangen.

Verbinden Sie Ihrem Kind die Augen und lassen Sie es nacheinander an jeweils einem aufgeschraubten Glas riechen. Kann es erschnuppern, was drin ist?

Bringen Sie Rhythmus ins Spiel: Es gibt eine ganze Reihe schöner Kinderlieder, zu denen Sie mit Ihrem Kind pantomimisch spielen, tanzen oder klatschen können, etwa „Zeigt her eure Füßchen“ oder „Brüderchen, komm tanz mit mir“.

Heiß oder kalt?: Sie benötigen drei Schüsseln, die Sie nebeneinander stellen. Befüllen Sie die mittlere mit lauwarmem Wasser, während Sie in die beiden anderen einmal kaltes Wasser und einmal heißes Wasser (etwa 40 °C) einfüllen.

Bitte Sie nun Ihr Kind, eine Hand in das heiße und eine in das kalte Wasser zu tauchen. Danach kommen beide Hände in die mittlere Schüssel mit dem lauwarmen Wasser. Fühlt sich das Wasser für beide Hände gleich warm an?

Welche Form ist das?: Nehmen Sie alle Sandformen Ihres Kindes und reinigen Sie diese. Dann kommen die Förmchen in einen Stoffbeutel oder eine Pappschachtel. Die Schachtel muss einen Deckel haben oder völlig zu schließen sein.

Schneiden Sie in die Schachtel ein Loch, durch das Ihr Kind in die Schachtel hineingreifen kann. Kann es fühlen, welches Sandförmchen es im Beutel bzw. in der Schachtel ergriffen hat? Sie können als Fühlobjekte auch verschiedene Plätzchenformen nehmen.

Bewegtes Training: Kinder benötigen viel Bewegung, denn dabei schulen sie Körperkoordination, Lage- und Gleichgewichtssinn. Ideal ist ein Trampolin mit einem Durchmesser ab 120 Zentimeter, Ersatzweise können Sie Ihrem Kind aber auch ein altes Sofa oder ausrangierte Matratzen zum Hüpfen und Springen zur Verfügung stellen.

Eine besondere Herausforderung stellt die Balance-Schnecke dar, eine Balancierscheibe, bei der Ihr Kind durch Verlagerung seines Körpergewichtes einen Ball durch ein Labyrinth lenken kann. Körpertraining zum Nulltarif gibt es jedoch auch auf Spielplatz.

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