MenüMenü

Umstrittene Therapie – Mit Eigenblut wird Ihr Knie nicht wieder fit

Kniearthrosen bereiten vielen Menschen starke Schmerzen. Neben manueller Therapie werden häufig Schmerzmittel eingesetzt – die Bewegungsfähigkeit des Gelenks stellen sie aber nicht wieder her. Und auch den Gelenkknorpel können sie nicht reparieren.

Umso mehr Patienten hoffen daher auf eine Orthokintherapie, um die Beschwerden zu bessern und das Knie zu reparieren. Doch ist die Hoffnung in die teure Therapie gerechtfertigt? Diese Frage beantworte ich Ihnen im folgenden Beitrag.

Mehrere Infusions-Beutel mit Blut-Konserven© Gina Sanders - Fotolia

Arthrose ist heute eine Zivilisationskrankheit und betrifft viele Menschen. Erkrankt sind in der Regel Gelenke, die stark beansprucht werden. Neben den Fingern und der Hüfte sind das auch die Knie.

Eine Hüftarthrose ist im fortgeschrittenen Stadium gut zu behandeln. Hier wird dann ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt – eine Operation, die in Deutschland im Jahr rund 200.000 Mal durchgeführt wird.

Wenn die Knie betroffen sind, ist eine Behandlung deutlich schwerer. Zwar gibt es auch hier die Möglichkeit zu operieren. Weitaus häufiger aber werden allgemeine Maßnahmen eingesetzt. So wird versucht, eine Linderung der Beschwerden mit Physiotherapie und orthopädischen Hilfsmitteln zu erreichen.

Medikamente sollen das Knie beweglicher machen

Ein drittes Standbein der Arthrose­therapie, wenn die Knie betroffen sind, ist der Einsatz von Medikamenten. Sie sollen die Schmerzen lindern, Entzündungserscheinungen verringern und dabei helfen, die Beweglichkeit des Knies wieder zu verbessern.

Genutzt werden, um diese Ziele zu erreichen, in der Regel klassische Schmerzmittel – häufig wird Paracetamol verschrieben. Wenn dieses Medikament nicht in ausreichender Weise hilft, wird oft ein Entzündungshemmer verabreicht. Ärzte greifen dann in der Regel zu Ibuprofen oder auch zu Naproxen.

Orthokin – ein Wunder­mittel für Ihre Gelenke?

Wünschenswert wäre natürlich, es käme gar nicht erst zu einer ­Arthrose. Wenn sie aber schon eingetreten ist, wäre es gerade bei der Kniearthrose am besten, es gäbe Medikamente, die den Gelenkknorpel wieder reparieren können und ihn darüber hinaus vor weiteren Schäden bewahren.

Seit rund zehn Jahren nun wird behauptet, es gäbe in der Tat ein solches Medikament: Orthokin. Dieses Mittel ist nicht einfach ein Medikament. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Mischung, die speziell aus dem Blut des entsprechenden Patienten und somit nur für ihn zusammengestellt wird.

So soll Ihr eigenes Blut heilen helfen

Was sich so aufwendig anhört, funktioniert im Grunde ganz einfach. Ihr Arzt bekommt, wenn er Orthokin bestellt, eine Spezialspritze. Diese enthält Glaskügelchen, deren Oberflächen speziell behandelt worden sind.

Für die Behandlung wird Ihnen als Patient dann Blut entnommen und zu diesen Kügelchen gegeben. Angeblich wird hierdurch die Bildung der Botenstoffe angeregt, die entzündungshemmend wirken. Das so „behandelte“ Blut wird dann wieder zurück in Ihr erkranktes Kniegelenk gespritzt.

Wirkungsnachweise mussten nicht erbracht werden

Die Behandlung mit Orthokin ist nicht preiswert. Sie als Patient müssen rund 1.400 Euro pro Injektionsserie bezahlen. Übernommen werden die Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen nicht.

Zudem kaufen Sie sich ein sehr umstrittenes Präparat: Es handelt sich bei Orthokin nicht um ein Fertigmittel. Aus diesem Grund muss der Hersteller keine Nachweise über die Wirksamkeit oder die Sicherheit einreichen. Auch unterliegt Orthokin nicht den Zulassungsbestimmungen, die normalerweise für Arzneimittel gültig sind.

Vorhandene Studien sind fehlerhaft

Die Anbieter der Therapie geben an, dass ihr Produkt bei leichten, aber auch bei mittelschweren Knie-Arthrosen helfen soll. Orthokin soll in der Lage sein, die Schmerzen zu lindern und die Gelenkfunktion deutlich zu verbessern.

Angeblich soll dies sogar durch Studien bewiesen sein.Die Wirklichkeit sieht dagegen deutlich anders aus: Die vorhandenen Daten können nicht belegen, dass Orthokin tatsächlich funktioniert. Stattdessen strotzen die Studien vor Fehlern, die eigentlich nicht passieren dürfen.

Unterschiedliche Behandlungsdauer macht Orthokin erfolgreich

Gerne herangezogen wird zum Beispiel eine Düsseldorfer Studie. In ihr wurden Patienten 26 Wochen, also sechs Monate lang, behandelt. In dieser Zeit erhielten sie entweder sechs Behandlungen mit ­Orthokin oder aber drei Injektionen mit Kochsalzlösung.

Natürlich verspürten die Patienten, die in der Orthokingruppe waren, eine größere Linderung der Schmerzen und eine deutliche Verbesserung der Gelenksteife. Aber ob das nun mit dem Orthokin zusammenhängt?

Immerhin sind sie dreimal mehr behandelt worden als diejenigen, denen Kochsalzlösung gespritzt wurde.Und in der Tat kann die doppelt so häufige Behandlung schon zur größeren Linderung beitragen.

Der Grund dafür: Jeder Injektion, egal ob mit Orthokin oder mit der Kochsalzlösung, ging die so genannte Gelenktoilette voraus. Darunter versteht man eine Spülung des Gelenks. Auf diese Weise werden Gelenkflüssigkeit, aber auch Korpelabschilferungen und Entzündungsstoffe aus dem betroffenen Gelenk entfernt.

Hinzu kommt, dass jede Flüssigkeit, die nach einer solchen Spülung in das Gelenk gespritzt wird, tatsächlich Linderung verschafft, weil sie wie ein Polster für das erkrankte Gelenk wirkt.

Zeigen korrekte Studien einen Orthokin-Erfolg?

Die Düsseldorfer Studie kann also nicht beweisen, dass Orthokin wirklich hilfreich ist. Es gibt aber eine Untersuchung aus dem Jahr 2008, die tatsächlich so durchgeführt wurde, dass ihre Ergebnisse verwendbar sind.

Hier wurden 150 Patienten beobachtet, die unter Kniearthrose litten. Sie erhielten jeweils sechsmal eine Spritze – je nachdem, in welche Gruppe sie einsortiert wurden, entweder mit Orthokin oder mit einem Placebo, also einem Scheinmedikament.Die Beschwerden derjenigen, die Orthokin erhielten, besserten sich – allerdings nicht mehr als die derjenigen, die das Scheinmedikament injiziert bekamen.

Dafür aber kam es bei zwölf Patienten der Orthokingruppe zu starken Nebenwirkungen, unter anderem zu schwerwiegenden Gelenkentzündungen. In der Placebogruppe entwickelte keiner der Teilnehmer solche Beschwerden.

© FID Verlag GmbH, alle Rechte vorbehalten
Dr. Michael Spitzbart
Über den Autor Dr. med. Michael Spitzbart

Dies ist das Profil von Dr. med. Michael Spitzbart, dem Chefredakteur von "Dr. Spitzbart´s Gesundheits-Praxis". Hier gibt‘s alle Infos.

Regelmäßig Informationen über Naturheilkunde erhalten — kostenlos!
Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig die neusten Informationen von Dr. med. Michael Spitzbart. Über 344.000 Leser können nicht irren.

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht an Dritte weitergegeben!