Wechseljahre: Sind Hormone richtig für Sie?
Mehr Informationen zum Thema finden Sie auf der Übersichtsseite Wechseljahre
Hormongaben in und nach den Wechseljahren sind für manche Frauen eine Wohltat, für andere eine Last. Hormonersatz ist eine Kunst, die vom Arzt oder der Ärztin viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen und von der Frau Selbstbeobachtung und manchmal viel Geduld verlangt.
GNL5356
Vor dreißig Jahren wurden Östrogene als Jungbrunnen gepriesen. Jetzt weiß man es besser: Ein Wundermittel sind sie nicht. Die Einnahme von Östrogenen kann ein gesundheitsbewußtes Leben mit viel Bewegung, ausgewoge ner Ernährung und ausgeglichener Psyche nicht ersetzen. Aber Östrogene können es Frauen erleichtern, so ein Leben zu führen, weil sie deprimierende Stimmungen aufhellen und aktivitätbremsende Beschwerden der Wechseljahre zu vermindern vermögen. Viele Frauen blühen unter Östrogenen auf.
Doch gibt es auch Frauen, die so östrogensensibel sind, daß sie keine Ersatzhormone vertragen. Dann brauchen sie diese meist auch nicht, um Wechseljahrsbeschwerden zu lindern. Typischerweise haben diese Frauen nämlich oft keine sonderlichen Beschwerden in diesen kritischen Jahren. Sollten Sie sich ohne Hormonersatz wohl fühlen, brauchen Sie sich nicht zu wundern: Das ist ganz normal!
Vielleicht gehören Sie zu den Frauen, bei denen die Bildung von Östrogenen so langsam abnimmt, daß Ihr Körper genügend Zeit hat, sich umzustellen. Sie spüren in diesem Fall wenig oder gar nichts davon. Ihre Leidenszeit beginnt möglicherweise erst, wenn Sie Hormone einnehmen, die dann zuviel für Sie sind. Tragen Sie ein persönliches Risiko für Osteoporose (Knochenbrüchigkeit) oder Herz-KreislaufErkrankung, müssen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen, inwieweit eine Hormongabe für Sie sinnvoll ist.
Natürliche Östrogene
Hormonersatz in den Wechseljahren ist etwas anderes als die Pille. Präparate zur Empfängnisverhütung enthalten meist Ethinyl-Estradiol, eine Form von Östrogen, die im weiblichen Organismus normalerweise nicht vorkommt. Es zählt deshalb nicht zu den „natürlichen“ Östrogenen. Östrogenpräparate für die Wechseljahre enthalten entweder das stärker wirkende Estradiol oder das schwächer wirkende Estriol, das deutlich weniger Nebenwirkungen hat.
Die beiden Hormone Estradiol und Estriol gegen Beschwerden in den Wechseljahren gleichen den Hormonen der Frau. Sie heißen deshalb „natürliche“ Östrogene, auch wenn sie jetzt meist synthetisch hergestellt werden. Sie sollen ausbalancieren, was die Natur langsam weniger werden läßt: die körpereigene Bildung von Östrogenen. Weil es sich um andere Östrogene als in der Pille handelt, die überdies niedriger dosiert werden, sind sie prinzipiell auch für Frauen geeignet, welche die Pille nicht vertrugen. So lauten die einhelligen Aussagen der Herstellerfirmen. Ärzte äußern sich dazu differenzierter. Letztlich muß jede Frau für sich selbst beurteilen, ob ihr ein Hormonersatz gut bekommt und welche Darreichungsform sie bevorzugt. In Ihrem Körper stecken nur Sie selbst!
Konjugierte Östrogene
Konjugierte Östrogene stammen aus Stutenharn oder den Eierstöcken von Schweinen und entsprechen weitgehend den menschlichen Hormonen. Sie waren früher von Bedeutung, als man die natürlichen Östrogene im Labor noch nicht so gut nachahmen konnte.
Wo Wirkung ist, ist oft auch Nebenwirkung
Vorrangiges Ziel von Hormongaben in den Wechseljahren ist, Beschwerden durch die Hormonumstellung zu erleichtern – also Hitzewallungen, Reizbarkeit, Migräne, depressive Verstimmungen, Gewichtszunahme usw.
Es können aber unter Hormongaben auch unerwünschte Wirkungen eintreten: Neigung zu Wasseransammlungen im Gewebe, Appetitlosigkeit übermäßiger Appetit, nervöse Unruhe, Reizbarkeit, schmerzhaftes Spannen der Brüste, Kopfschmerzen, Migräne, Schwindel, Bluthochdruck, Magendrücken, Leberstörungen.
Gewichtszunahme unter Östrogenen?
Die Frage, ob Sie unter Hormonersatzbehandlung in den Wechseljahren zunehmen oder etwa gar abnehmen werden, läßt sich pauschal nicht beantworten. Dafür sind die Reaktionen zu unterschiedlich.
Studienergebnisse lassen nur eine Aussage zu: Die einen Frauen nehmen zu, die anderen ab, und bei den dritten ändert sich nichts. Auch darüber, welche Frau voraussichtlich zu welcher Gruppe gehört, ließen sich bis jetzt keine eindeutigen Kriterien ausmachen.
Meist wird eine Gewichtszunahme unter Hormonersatz auf einen gesteigerten Appetit zurückgeführt. Das ärgert dann jene Frauen, die bewußt auf ihre Linie achten und sich keiner Ernährungssünden bewußt sind, ja sich sogar wegen der unübersehbaren Kilos auf ihren Hüften erheblich einschränken. Trotzdem fühlen sie sich plump und schwer. Dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, daß sie unter den Hormonen Wasser einlagern.
Frauen, die bereits unter der Pille zugenommen (Wasser eingelagert) haben, könnten, müssen aber nicht, auch unter Hormonersatz in den Wechseljahren zu den Kandidatinnen für Wasseransammlungen im Gewebe zählen. Sie sollten nach einigen Wochen oder Monaten zusammen mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin klären, wieviel Sondergewicht für sie tolerabel ist und welche gesundheitlichen Folgen zusätzliches Wasser in ihrem Gewebe oder Fett für sie hat.
Möglicherweise hilft die Umstellung auf ein anderes Präparat einem solchen unerwünschten Zustand ab. Andererseits kann für manche Frau ein wenig mehr Fettgewebe oder Wasser ein jüngeres, frischeres Aussehen bedeuten!
Adipositas und Östrogene
Bei übergewichtigen Frauen bilden sich, auch in den Wechseljahren, im Fettgewebe vermehrt Östrogene. Dies geschieht durch eine Umwandlung der Androgene, also der männlichen Geschlechtshormone, über die Frauen ja ebenfalls verfügen. Dadurch steigen die Östrogenspiegel im Blut. Darüber hinaus ist die Konzentration des Steroidhormon-Bindungsglobulins als Transportmittel bei Adipösen im Blut erniedrigt, so daß weniger Östrogene gebunden werden können, was wiederum die Blutspiegel dieses Hormons erhöht.
Das optimale Östrogenpräparat
Die Auswahl an Östrogenpräparaten ist enorm. Die Hersteller wetteifern miteinander, immer besser verträgliche Zubereitungen herzustellen, und es ist anzunehmen, daß dies noch lange so weitergehen wird. Das steigert selbstverständlich die Möglichkeiten, ein Präparat zu finden, das individuell zu einer Frau paßt, ihr Wohlbefinden verschafft und lästige Nebenerscheinungen erspart.
Auf der anderen Seite ist das Angebot kaum mehr überschaubar. Jeder Arzt und jede Ärztin wird also gern auf Präparate zurückgreifen, mit denen er oder sie gute Erfahrungen gemacht hat.
Bei manchen Frauen klappt die Auswahl auf Anhieb, bei anderen ist eine lange Suche mit viel Ausprobieren und Selbstbeobachtung nötig, bis das optimale Präparat in der optimalen Dosie-rung und Anwendungsform gefunden ist. Diese Suche kann wegen der auftretenden Nebenwirkungen oder der trotzdem bestehenbleibenden Wechseljahrsbeschwerden sehr lästig werden. Doch lassen Sie nicht locker und bleiben Sie nicht resignierend bei einem Präparat, das Ihnen nicht guttut, nur weil Sie sich genieren, schon wieder ein Mittel nicht zu vertragen!
Nur eines sollten Sie nicht tun: Häufig die Medikation selbst absetzen und sich dann irgendwann ein neues Präparat verschreiben lassen. Ständiges Auf und Ab des Hormonspiegels ist Gift für Leib und Seele. Wenn Sie das Präparat absetzen, sinkt der Hormonspiegel drastisch. Dieses plötzliche Absinken beschwört nicht nur heftigere Wechseljahrsbeschwerden herauf, sondern – gravierend! – auch die Gefahr der Osteoporose. Je häufiger Sie Hormone einnehmen und wieder absetzen, desto gefährlicher für die Knochen! Deshalb raten alle Frauenärzte und Frauenärztinnen: wenn Östrogene, dann durchgehend mehrere Jahre lang, danach langsam die Dosis verringern. Zum Schutz vor Osteoporose kann lebenslange Einnahme notwendig sein.
Östrogene schützen vor Alterskrankheiten
Inzwischen hat man festgestellt, daß Östrogene offenbar die typischen Altersleiden hinauszögern. Demnach wäre es der Einfluß der Östrogene, der Frauen durchschnittlich länger leben läßt als Männer. Dazu gibt es viele Studien, die zeigen, daß Frauen, die über Jahre hinweg Hormone eingenommen haben, seltener oder später an HerzKreislauf-Erkrankungen (Arteriosklerose, Herzinfarkt) leiden und/oder seltener Osteoporose bekommen.
Doch dürfen wir dabei nicht übersehen: Viele Frauen werden geschützt, aber nicht alle. Niemand kann vorhersagen, welche Frauen trotz Hormonersatz eine Osteoporose bekommen, einen Herzinfarkt, Alzheimer oder was auch immer in Zukunft gefunden wird, das Östrogengaben verhüten könnten.
Aus keiner noch so sorgfältig durchgeführten Studie läßt sich ablesen, ob der Schutz vor einer dieser Krankheiten oder gar vor allen auch für Sie persönlich gilt!
Warum Gestagene?
Es hat sich herausgestellt, daß Östrogene allein ein gewisses Risiko für Gebärmutterschleimhaut- und Brustkrebs darstellen. Im normalen Zyklus bauen Östrogene die Gebärmutterschleimhaut auf, ihre Gegenspieler, die Gestagene, bauen sie wieder ab.
Seit 1993 muß deshalb nach einer Verfügung des damaligen Bundesgesundheitsamtes grundsätzlich jede Hormonbehandlung in oder nach den Wechseljahren Östrogene und Gestagene umfassen. Lediglich Frauen, denen die Gebärmutter entfernt wurde, können auf die Gestagene verzichten; ihr Brustkrebsrisiko sinkt dabei aber nicht.
Jetzt werden meist Präparate gegeben, die Östrogene und Gestagene kombiniert enthalten. Davon gibt es zwei Varianten: Den einen sind von Anfang an für die ganze Phase Gestagene (meist Progesteron) zugesetzt; dabei treten keine Regelblutungen auf. Das andere Behandlungsschema ahmt den Zyklus nach (was oft besser vertragen wird) und setzt Gestagene erst in den letzten 8-10 Tagen ein; die Tabletten oder Dragees mit zugesetzten Gestagenen haben meist eine andere Farbe. Bei der Verwendung von Östrogenpflastern oder reinen Östrogenpräparaten müssen Gestagene in den letzen Tagen eines Zyklus zusätzlich eingenommen werden.
Die Folge der kurzfristigen Gestagenzugabe ist, daß es (wieder) zu Regelblutungen kommt, die allerdings im Laufe der Zeit immer schwächer werden. Außerdem könnten altbekannte prämenstruelle Beschwerden wieder auftreten. Verstärkte Blutungen müssen Sie unbedingt dem Arzt mitteilen!
Androgene sind im Kommen
Die Hormonersatzbehandlung für Frauen in der Menopause, der Zeit nach der letzten Menstruation, ist um eine Möglichkeit reicher geworden. Seit März 1999 ist in Deutschland ein Präparat zugelassen, das über eine besondere Wirkweise verfügt. Die Substanz Tibolon hat neben östrogenen auch leicht gestagene und – das ist neu – androgene Eigenschaften. Damit lassen sich Wechseljahrsbeschwerden lindern, und zugleich läßt sich für viele Frauen der Zyklus so besser nachahmen.
Die Eierstöcke der Frau bilden immer auch männliche Geschlechtshormone. Der weibliche Organismus braucht gar nicht so wenig von diesen Androgenen. In der Menopause läßt bei vielen Frauen die Bildung von Androgenen nach.
Androgene erfüllen im Körper vielfältige Aufgaben. Sie wirken unter anderem auf die Blutbildung im Knochenmark und auf die Schleimhäute, sogar auf die Schleimhaut der Gebärmutter, deren Wucherung sie bremsen. Ein äußeres Kennzeichen für die Wirkung von Östrogenen oder Androgenen im Körper ist der Aufbau des Unterhautfettgewebes. Für Cellulite (Orangenhaut) ist eine typisch weibliche Fettkonstruktion verantwortlich, die auf einem relativen Übergewicht von Östrogenen beruht. Männer haben keine Cellulite. Sitzt dieses Kräuselfett überwiegend an Oberschenkeln, Hüften und Gesäß, spricht dies für reichlich Östrogene. Sitzt es wie ein Reifen oberhalb der Taille, deutet das auf einen Mangel an Androgenen hin. „Ein bißchen mehr Androgen“, sagte Prof. Dr. Dr. Johannes Huber, Wien, auf einer Pressekonferenz in München, „kann das weibliche Fettgewebe festigen“.
Androgene halten die Muskeln kräftig, die sonst mit zunehmenden Jahren leicht dahinschwinden. Sie vermindern den Anteil von Östrogenen in der Brust. Daraus erklärt sich unter anderem, daß unter dem neuen Präparat kaum mehr Brustspannen auftritt. Androgene hellen die Stimmung auf und stehen im allgemeinen für Dynamik und Energie.
So angenehm dies für die einen Frauen sein mag, so unangebracht sind zugeführte Androgene für andere. Nicht wenige Frauen haben nach der Menopause von sich aus mehr Androgene im Verhältnis zu Östrogenen als früher, was sich schon in stärkerer Körperbehaarung (Hirsutismus) und eventuell einem typisch männlichen Muster an Haarausfall zeigt. Diese Frauen werden also zusätzliche Androgene meiden.
Als Vorteil der neuartigen Hormonkombination hat sich in klinischen Studien die gewebsspezifische Östrogenwirkung herausgestellt. Das heißt:
Organe und Gewebe verarbeiten den Wirkstoff aufgrund ihres eigenen Stoffwechsels unterschiedlich. Knochensubstanz (Osteoporose) und Scheidenschleimhaut (Trockenheit) reagieren günstig. Gebärmutterschleimhaut oder Brustgewebe werden nicht stimuliert. Daher sind zusätzliche Gestagene nicht notwendig. Meist erfolgen keine Abbruchblutungen, sofern die Einnahme ein Jahr nach der Menopause begonnen wird; prämenstruelle Syndrome bleiben aus.