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Wirbelsäulen-Spezialisten lehnen Zweitmeinungs-Portal ab

In der vergangen Zeit sorgte das Zweitmeinungs-Portal „Vorsicht Operation“ für kontroverse Diskussionen. Mit dem Online-Angebot geben erfahrene Ärzte den Patienten die Möglichkeit, bei unabhängigen Experten eine zweite Meinung über Notwendigkeit und Nutzen einer Operation einzuholen. Kritiker bemängeln das Angebot des Knie-Spezialisten Professor Hans Pässler und seiner Kollegen, da es drei Konstruktionsfehler offenbart.

Zweitmeinungs-Portal „Vorsicht Operation“

Am Anfang steht die Behauptung der Betreiber und Befürworter des Portals, in Deutschland fändenzu viele Operationen statt. Zu viele insofern, als dass sie mehr dem Wohle der Operateure und weniger den Patienten dienen. Sie seien unbegründet und von zweifelhaftem oder nicht ausreichend belegtem Nutzen für die Patienten.

Wie oft in Deutschland Patienten ohne medizinischen Grund an Operationen teilnehmen, bleibt unklar. Spekulationen, Behauptungen und persönliche Erfahrungen ersetzen gesichertes Wissen.

Die Vergleiche mit anderen Ländern gelten nicht als Beweise für die These, dass die Mediziner in Deutschland zu viel operieren. Für Gewissheit müsste der Grund für jede einzelne Operation auf den Prüfstand kommen.

Der erste Konstruktionsfehler

Ein Beispiel für die Komplexität dieser Angelegenheit ist die Diskussion um künstliche Gelenke. Seit Jahren setzen die Ärzte immer mehr Knie- und Hüftprothesen ein, heißt es als Beleg für die These der „Über-Dosis“ an Operationen.

Unter Umständen „hatten wir früher eine Unterversorgung und nähern uns inzwischen einem vernünftigen Versorgungslevel“. Dies äußert der international renommierte Berliner Orthopäde und Gesundheitsökonom Professor Karsten Dreinhöfer.

„Ich glaube, dass wir in der Vergangenheit viele Patienten nicht adäquat versorgt haben“. Heute operieren die Chirurgen manche Patienten zu früh. „Und unter Umständen operieren deutsche Ärzte hin und wieder die falschen Patienten“, so Dreinhöfer.

Er glaube jedoch, es gebe eine Menge Patienten, die von einer Prothese profitierten und keine Operation erhalten. Dabei berücksichtigt man nicht, dass es unterschiedliche berechtigte Meinungen zu therapeutischen Eingriffen geben kann.

Der zweite Konstruktionsfehler

Die Zweitmeinung erstellen die Spezialisten auf der Grundlage von Akten und Fragebögen sowie Röntgen-, Kernspin- oder CT-Bildern. Ein persönlicher Kontakt zwischen Gutachter und Patient kommt nicht zustande. Ein erfahrener Arzt ist in manchen Fällen in der Lage, anhand der Akten eine Empfehlung aussprechen oder ein Gutachten erstellen. Doch dies ist nicht der optimale Weg und schürt juristische Bedenken.

Der dritte Konstruktionsfehler

Der dritte Konstruktionsfehler betrifft die Kosten. Zwischen 200 und 600 Euro kostet eine Zweitmeinung. Das ist für die Expertise eines qualifizierten Spezialisten angemessen. Manche Krankenkassen sollen signalisiert haben, die Kosten zu übernehmen.

Kritiker äußern, dass mit dem Zweitmeinungs-Portal Mediziner lediglich zu mehr Geld kommen möchten. Fest steht, dass ohnehin kein Patient in die eigene Tasche greifen muss, wenn er eine zweite ärztliche Meinung erhält. Wer bei mehreren Medizinern Meinungen oder Ratschläge einholen will, kann dies ohne ein Internetportal tun.

Die Kosten tragen die Krankenkassen. Die AOK Baden-Württemberg bietet seit zwei Jahren ihren Mitgliedern an, sich von ausgewiesenen Experten eine weitere Empfehlung einzuholen.

Fataler Trend im Gesundheitswesen

Anders als den Betreibern des neuen Portals „Vorsicht Operation“ spielt bei der AOK und ihren Experten der persönliche Kontakt eine Rolle. So heißt es auf der AOK-Webseite: „Das persönliche Gespräch spielt dabei eine sehr wichtige Rolle.“ Darüber hinaus ist es in Kliniken üblich, dass Ärzte sich in Fall-Konferenzen zusammensetzen.

In schwierigen Fällen besprechen sie gemeinsam das diagnostische und therapeutische Vorgehen. Das Portal zeigt symptomatisch einen Trend im Gesundheitswesen auf: Zwischen Patient und Arzt „drängeln“ sich immer mehr Institutionen und Experten.

Vor allem sind es Selbsternannte, Krankenkassen, Pharmaunternehmen und von ihnen beeinflusste Selbsthilfegruppen sowie Medien. Sie alle behaupten, seriös zu informieren und das Wohl der Patienten im Blick zu haben. Solche Korrektive sind berechtigt und notwendig. Der „Halbgott in Weiß“ hat lange ausgedient.

Niemand wünscht sich ein Informations-Monopol, weder der Ärzteschaft noch der pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie. Man sollte bedenken, dass diese Korrektive Interessen verfolgen und zwar in manchen Fällen andere Interessen als die Patienten.

Kritik über Kritik…

Mehrere Seiten äußerten Kritik an dem beschriebenen Zweitmeinungs-Portal „Vorsicht Operation“. Dem schloss sich nun die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft (DWG) an. Sie stellt eine Vereinigung von Unfallchirurgen, Orthopäden sowie Neurochirurgen, Neurologen und Naturwissenschaftlern dar.

Hinzu kommen weitere Personen, die auf dem Gebiet der Wirbelsäule operativ und konservativ arbeiten. Derzeit sitzt Professor Christof Hopf vom Lubinus Clinicum in Kiel der DWG als Präsident vor. Die Gesellschaft setzte sich nun mit dem Thema Zweitmeinungen auseinander.

Grundsätzlich spricht sich die DWG nicht gegen eine Zweitmeinung aus. Diese ermögliche „nach Erhalt einer Behandlungsempfehlung die Sicherung von Indikation und Therapiemaßnahme.“ Das teilt die DWG bezüglich schwierigen oder zweifelhaften Indikationsstellungen mit.

Der Vorstand ist überzeugt, dass eine Behandlungsempfehlung bei der Einholung einer Zweitmeinung an die Untersuchung des Patienten gebunden ist. Des Weiteren solle man die vorhandenen Unterlagen sowie die radiologische Diagnostik sichten.

Wirbelsäulen-Spezialisten lehnen Zweitmeinungs-Portal ab

Eine beurteilende Zweitmeinung nach der Durchsicht von Röntgen- und MRT-Bildern lehnt die Gesellschaft konsequent ab. Dazu gehört ebenfalls die Einsendung weiterer Befunde. Für eine Überprüfung der Indikationsstellung zu einem Eingriff benötigt man unabhängig von dem zu operierenden Organ weitere Faktoren.

Dazu zählt das individuelle Kennenlernen des Patienten und die Erfassung seiner Anamnese. Des Weiteren spielen eine Untersuchung und eine persönliche Beratung unter der Zusammenfassung und Bewertung aller Befunde eine Rolle.

Diese Voraussetzungen könne eine kommerziell aufgebaute Internetberatung gegenwärtig und in Zukunft nicht erfüllen. Die Stellungnahme geht populistisch mit den Ängsten von Patienten um und erfüllt nicht die einfachsten Grundlagen der ärztlichen Beratung. Die DWG bezeichnet sie aus diesem Grund als „ungeeignet zur Einholung einer Zweitmeinung“.

Werkzeuge zur Qualitätsförderung und -überprüfung

Die DWG setzt im Gegensatz zur Zweitmeinung auf eine Zusammenarbeit mit einigen Krankenkassen. Im Interesse ihrer Mitglieder wollen sie individuelle Untersuchungen und Beratungen unter der Umgehung von Kosten für die Versicherten durchführen.

Nach eigenen Angaben beschloss die DWG 2011 zwei bedeutsame Werkzeuge zur Qualitätsförderung und -überprüfung: Erstens erarbeitete eine interdisziplinäre Gruppe von Neurochirurgen, Orthopäden und Unfallchirurgen ein Weiterbildungskonzept.

Darauf basierend verhilft der Nachweis einer persönlichen Operationsleistung und erweiterten Weiterbildung zu verschiedenen Zertifizierungen. Deren Anforderungen übertreffen alle europäischen Normen. Zweitens entwickelten der Neurochirurg Dr. Frerk Meyer (Oldenburg) und sein Team ein nationales Wirbelsäulenregister.

Dieses trägt dazu bei, die Qualität wirbelsäulenchirurgischer Eingriffe zu sichern und zu verbessern. Es handelt sich dabei um das erste Wirbelsäulen-Register Deutschlands.

Darüber hinaus schaffe ein Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt eine unabdingbare Grundlage jeder Behandlungsmaßnahme. Die unmögliche Umsetzung dieser Tatsache mittels Internetberatung bleibe der kritischen Beurteilung eines jeden Einzelnen überlassen.

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