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Legasthenie-Verdacht: Ein Fall für den Augenarzt

Nicht jede Lese-Rechtschreib-Schwäche gilt als echte Legasthenie. Bei einigen Fällen liegt die Ursache in einer Sehstörung. Eine Brille kann dann helfen. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) rät deshalb beim Verdacht auf eine Lese-Rechtschreib-Schwäche zu einer augenärztlichen Untersuchung.

„Eine scharfe Abbildung des Textes auf der Netzhaut stellt eine wichtige Voraussetzung für das Erlernen von Lesen und Rechtschreiben dar“, erläutert Professorin Susanne Trauzettel-Klosinski. Sie leitet die an der Universitäts-Augenklinik Tübingen eine Spezialambulanz für Sehbehinderte. Eine Kurz- oder Weitsichtigkeit, ein gestörtes Sehen und eine verminderte Naheinstellungsfähigkeit der Augenlinsen können eine Lese-Rechtschreib-Schwäche auslösen oder verstärken. „Die Lösung ist dann häufig eine Brille“, so die Augenärztin. Nicht bei allen Kindern, die eine Brille benötigen, würden sich danach die Probleme beim Lesen und Schreiben bessern. Die Sehstörung bedingt in diesen Fällen nicht die Lese-Rechtschreib-Schwäche, sondern tritt zeitgleich zu ihr auf.

Störung der Informationsverarbeitung im Gehirn

Für die echte Legasthenie hat man zwar noch keine endgültige Ursache gefunden, Trauzettel-Klosinski schätzt sie jedoch nicht als Augenerkrankung ein. Als wissenschaftlich weithin akzeptierte Ursache gilt ein phonologisches Verarbeitungsdefizit (ein Defizit in der Sprachklangverarbeitung). Das drückt sich beim Lesen in der Schwierigkeit aus, Buchstaben in Laute umzuwandeln. Patienten beschrieben zusätzlich ein visuelles Defizit beim Verarbeiten schnell aufeinanderfolgender Reize. Dies betrifft aber nur eine Untergruppe der Patienten mit Legasthenie.

Die Tübinger Augenärztin vermutet die Ursache der Legasthenie vor allem in einer Störung der sprachlichen und teilweise zusätzlich der visuellen Informationsverarbeitung im Gehirn. Augenärztliche Therapien könnten sie deshalb nicht lindern. Eine Brille könne bei einer vorhandenen Fehlsichtigkeit die Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie schaffen.

Warnung vor ungesicherten Therapien gegen Legasthenie

Trauzettel-Klosinski warnt vor Therapien, die auf reinen Vermutungen und unbewiesenen Behauptungen beruhen und schaden können. Dazu gehört die Annahme, die Legasthenie stelle die Folge einer sogenannten Winkelfehlsichtigkeit dar. Dabei projizieren die Therapeuten Bilder in beiden Augen auf leicht versetzte Orte der Netzhaut. Vertreter dieser wissenschaftlich nicht fundierten Theorie empfehlen die Verordnung von Prismengläsern. „Leider ist diese Behandlung nicht nur unwirksam im Hinblick auf die Lese-Rechtschreib-Schwäche“, erläutert Trauzettel- Klosinski. „Sie kann bei einigen Kindern auch zum Schielen führen und eine Operation notwendig machen.“

Nach einer weiteren unbewiesenen Theorie soll die Legasthenie Folge einer Störung der willentlichen Blicksteuerung sein. Vertreter dieses Erklärungsansatzes empfehlen ein Training schneller Augenbewegungen entgegen der spontanen Blickrichtung. „Dieses Training verbessert zwar die Blickbewegungen, nicht jedoch die Lesefähigkeit“, sagt Trauzettel-Klosinski. Der Versuch, die Lese-Rechtschreib-Schwäche durch Brillen mit getönten Spezialgläsern zu behandeln, hat keine wissenschaftliche Grundlage. Eine positive Wirkung dieser Irlen-Filter belegten die Studien nicht.

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