Wie viel Erziehung brauchen Kinder?
Dr. Andrea Schmelz in Täglich Gesund
vom 20. Oktober 2009, 16:00 Uhr
GNL5356
Jede Mutter und jeder Vater kennt das: Immer wieder gibt es Theater beim abendlichen Ausziehen und Zubettgehen, Getrödel beim Frühstück oder Zoff ums Aufräumen. Sind Kinder kleine „Monster", die man nur mit Druck, Regeln und Grenzen dazu bekommt, das zu machen, was Eltern von ihnen wollen?
Kinder wollen kooperieren und dazugehören
Stimmt gar nicht, sagt der dänische Familientherapeut Jesper Juul. Er betont, dass Kinder immer kooperieren und die Erwachsenen nachahmen wollen. Natürlich folgt daraus nicht sofort das erwünschte Verhalten. Doch wenn sie die Möglichkeit haben zu beobachten und zu experimentieren, übernehmen Kinder automatisch früher oder später das Sozialverhalten, das sie täglich in der Familie vorgelebt bekommen.
Grenzen: ja, aber nicht um jeden Preis!
Die autoritäre Erziehung, die Kinder zu reinen Befehlsempfängern ohne eigenes Mitspracherecht macht, hat lange ausgedient. Inzwischen gibt es im Gegenzug Eltern, die nach dem Standpunkt „Stelle deinen Willen nicht über den Willen des Kindes" erziehen. Doch ist das sinnvoll? Natürlich sollten Eltern den freien Willen des Kindes so wenig wie möglich beschneiden. Aber der freie Wille des Kindes hört da auf, wo die Freiheit und die Rechte anderer beschnitten werden.
Dazu ein Beispiel:Wenn eine Mutter nach einem anstrengenden Tag abends etwas Ruhe braucht, ihr Kind aber den Hüpfball immer wieder mit einem entnervenden „blonk" auf den Boden donnert, hat sie das Recht, ihrem Kind zu sagen, dass es damit aufhören soll. Folgt das Kind nicht, hat die Mutter das Recht durchzusetzen, dass wenigstens vorerst mal Ruhe ist. Schafft sie es, einen Kompromiss zu finden und dem Kind ein Puzzle schmackhaft zu machen - wunderbar! Wenn es aber nicht einsieht, dass die Mutter jetzt Ruhe braucht, darf sie ihm den Hüpfball auch vorübergehend abnehmen. Mütter und Väter müssen keine „künstlichen" Regeln und Grenzen einführen. Aber sie müssen ihrem Kind Rücksichtnahme auf andere beibringen (dürfen)!
Aggressive und defensive Grenzen
Deshalb unterscheiden Erziehungsexperten zwischen defensiven und aggressiven Grenzen. Defensive Grenzen sind nötig und werden eingesetzt, um sich vor Übergriffen zu schützen - so wie im obigen Beispiel! Aggressive Grenzen hingegen dienen dazu, das Kind zu seinem (angeblichen) Glückzu zwingen oder aber pure Macht auszuüben. Dazu würde beispielsweise gehören, dass Sie ihrem Kind etwas verbieten, „weil man das nicht macht". Oder ihm genau vorschreiben, wann und wie es etwas tun muss. Geben Sie Ihrem Kind den Auftrag, bis zum Abendessen sein Zimmer aufzuräumen, dann sollten Sie es ihm überlassen, ob es zuerst aufräumt und sich dann noch ein Bilderbuch ansieht oder ob es erst noch eine Viertelstunde zu Ende spielt und danach Ordnung macht. Auch sollte es Ihrem Kind überlassen bleiben, ob es zuerst die Bilderbücher und dann die Plüschtiere aufräumt oder andersherum. Es sollte also eine gewisse Gestaltungsmöglichkeit und somit so viel freie Entscheidung wie möglich haben.
Mein Tipp: Überprüfen Sie die Regeln und Grenzen in Ihrer Familie, ob wirklich alle notwendig und sinnvoll sind. Zu viel „Mach dies und tu das nicht" führt nur dazu, dass Ihr Kind sich dumm und „falsch" fühlt. Die notwendigen Regeln sollten Sie Ihrem Kind freundlich und ohne kränkende Wortwahl näherbringen.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Daniela Perner (20.10. 2009 18:28 Uhr):
Hallo! Also der Teil über Zimmer aufäumen ist in der Praxis wohl kaum umsetzbar. Ein kleines Kind hat einfach nicht das Zeitgefühl bis zum Abendessen und weiß auch meist gar nicht, WO es eigentlich anfangen soll mit aufräumen. Man muss dann doch kontrollieren und im endeffekt wahrscheinlich doch selber machen. Auch das Aufräumen muss gelernt werden und das systematische Aufräumen klappt nur dann, wenn die Mama auch mitmacht. Ansonsten räumt das Kind mal da ein Teil weg um es dann woanders wieder abzulegen. Bei uns im Kindrzimmer hat alles einen festen Platz und eine goße Kiste, wo die Einzelteile reinkommen. Da kann das Kind auch mal ohne Mama aufräumen weil es weiß, wo was hinkommt und auch dort immer wieder finden wird. Liebe Grüße Daniela Perner
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