Wenn aus kleinen Ritualen der Zwang zur Selbstverletzung wird
Sylvia Schneider in Naturmedizin aktuell zum Thema Zwangsstörungen
vom 31. Januar 2012, 06:00 Uhr
GNL5356
Jeder Mensch braucht kleine und große Rituale, um seinen Alltag zu strukturieren. Doch bei immer mehr Menschen entwickeln sich daraus Zwangsstörungen. Ganz hoch „im Kurs" stehen Selbstverletzungen - vor allem bei Frauen. Die Betroffenen verlieren dann nicht selten die völlige Kontrolle über sich. Während diese Leiden noch vor 15 bis 20 Jahren als so gut wie untherapierbar galt, werden heute gute Behandlungserfolge erzielt. Ohne Ihre Eigeninitiative geht es allerdings nicht.
Mehr als zwei Millionen Menschen in der Bundesrepublik leiden unter Zwangsstörungen, die meisten davon sind Frauen. Sie sind allen sozialen Schichten zu Hause. Das geht vom Waschzwang, Putzzwang, Zählzwang bis hin zum selbstverletzenden Verhalten. Vom SVV - wie die Psychologen es nennen - ist schätzungsweise ein Prozent der weiblichen Bevölkerung betroffen. Bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren liegt die Quote sogar doppelt so hoch. Die Zunahme der Fälle ist voraussehbar, sagen die Experten. Eines der prominentesten Opfer war Lady Di, die 1996 in einem Interview unumwunden zugab, sie verletze sich absichtlich mit Rasierklingen, Glasscherben, ja sogar mit dem Zitronenhobel. Oft werden um die Selbstverletzung herum Rituale entwickelt. Viele Frauen, die sich selbst verstümmeln, berichten, dass sie das „als Event" richtig planen, manchmal sogar mit Kerzenschein und Musik. Manche verwenden dafür sogar ein "Lieblingsmesser". Auch etliche Frauen aus dem Rampenlicht sollen zur Gemeinde der Selbstverletzerinnen gehören. Mittlerweile beklagen die Experten viele Nachahmerinnen. Der Grund dafür sei in der Hektik und Vereinsamung der modernen, aber zunehmend menschlich kalten Lebenswelt zu suchen.
Die Grenzen zum Zwang sind fließend
„Hilfe, hab ich mein Bügeleisen ausgemacht?" Mal ehrlich: Wie oft gehen Sie zurück, um sich zur Sicherheit noch mal zu vergewissern, ob Sie den Herd ausgemacht, die Tür wirklich abgeschlossen oder den Computer abgeschaltet haben? Ich selbst mache das regelmäßig. Und ich weiß von vielen Frauen, die ebenfalls mehrfach nachschauen. Meistens wissen wir, dass alles in Ordnung ist. Nur können wir uns nicht mehr daran erinnern, das Bügeleisen ausgestellt beziehungsweise den Stecker aus der Dose gezogen zu haben - selbst wenn Sie noch niemals vergessen haben, es abzuschalten. Für viele Frauen entwickelt sich dieses Verhalten irgendwann von der alltäglichen Kontrollhandlung über die Marotte zum echten Zwang.
Die Grenzen sind fließend. Der Unterschied zwischen einem normalen „Tick" und einer Zwangsstörung ist, dass der Zwang die Betroffenen beherrscht, ohne dass sie dagegen etwas tun können. Das heißt: Wenn Sie vorsichtshalber noch mal nachschauen, ob die Haustür wirklich abgeschlossen ist, handeln Sie im normalen Rahmen. Wenn Sie aber mehrfach kontrollieren und über den Tag hinweg die Grübelei darüber nicht loswerden, dann leiden Sie unter einem Zwang.
Die Betroffenen fühlen sich gezwungen, bestimmte Handlungen immer und immer wieder auszuführen. Das kann - je nach Schwere der Erkrankung - etliche Stunden am Tag in Anspruch nehmen. Am Ende steht oft die totale Erschöpfung. So wie bei unserer Leserin Elisa E. (47), die morgens etliche Stunden früher aufsteht, um vor ihrem Abmarsch zur Arbeit zu kontrollieren, ob sie in ihrer Wohnung alle Elektrogeräte ausgestellt hat. Oder Hanna R. (53), die aus Angst vor Krankheitserregern täglich fast drei Stunden duscht. Birgit B. (49) hat keine Zeit mehr ihre Freunde zu treffen, denn sie muss wieder und wieder ihre Badfliesen wienern. Redakteurin Gertrud K. (47) zählt von morgens bis abends die Zahlen von 1 bis 100 auf. Alles, was sich zählen lässt, zählt sie.
Diese Symptome können Sie auf einen Zwang hinweisen:
- Sie leiden unter „aufdringlichen" Gedanken.
- Sie leisten inneren Widerstand dagegen.
- Sie empfinden diese „aufdringlichen" Gedanken als widersinnig.
- Dennoch ergreifen diese Besitz von Ihnen und beeinträchtigen schließlich Ihr Leben.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von J Tyedmers (31.01. 2012 09:01 Uhr):
Die Umwelt, oder die menschlich kalte Welt, wird immer bei nicht zu erklärenden Phänomenen herbei zitiert. Ich denke (meine Erfahrung aus mehr als 25 Jahren psychologischer Arbeit) das diese "Taten" auschließlich Selbstbestrafungsprozesse sind und auf Handlungsweisen basieren die "verdrängt" (Ursachen) worden sind. Diese Menschen haben sich etwas nicht verziehen. Z. B. der Waschzwang: Hat überwiegend mit unreinen sexuellen Begebenheiten zu Tun und der Betroffene versucht, unbewusst, sich zu reinigen bzw. die Tat abzuwaschen. Natürlich ist die Bandbreite dessen wie das Ganze abläuft sehr individuell.
Antworten - Kommentar von Ute (31.01. 2012 22:44 Uhr):
Hallo, irgendwie kann ich das nicht ganz nachvollziehen, insbesondere nicht die Selbstverletzungen, die dann noch ritualisiert und mit Kerzenlicht vollzogen werden. Aber dennoch kommt es wohl vor, und das dazu wohl auch noch häufig. Seltsam, wenn ich mich verletze, und das aus Versehen, bin ich höchstens ärgerlich über mich selbst. Aber wahrscheinlich ist es in der Tat so, wie es der andere Kommentator schon erläutert hat. Diese Leute bestrafen sich selbst, für was auch immer. Naja, bereits in der Kindheit wird uns ja schon immer und ständig eingeredet, dass wir an irgendetwas Schuld sind, selbst dann, wenn dies nicht der Fall ist. Und Ängste werden zu Hauf verbreitet, auch und vor allem in den Medien. Kein Wunder, wenn das dann alles so ist. Ute
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