Was Ihnen hilft, wenn schon normale Geräusche zur Qual werden
Sylvia Schneider in Täglich Gesund zum Thema Gynäkologie
vom 16. September 2008, 16:00 Uhr
GNL5223
Das leise Ticken einer Uhr, das Summen einer Fliege, das Umblättern einer Buchseite wird für die Betroffenen zur Bedrohung, das Spielgeschrei von Kindern oder Autolärm zum Super-GAU. Geräusche sind der größte Feind von Hyperakussis-Patienten. Fast alle Menschen kennen Geräusche, die ihnen unangenehm sind - etwa das Quietschen von Autobremsen, das Kratzen der Gabel auf dem Teller, schiefe Geigentöne oder das Kreidegeräusch an der Tafel. Dann sträuben sich uns die Nackenhaare, und wir halten uns die Ohren zu. Doch das sind nur seltene Momente - zudem wir diesen Geräuschen aus dem Weg gehen können. Doch bei Hyperakussis-Patienten werden normale Geräusche zur Tortur. Lärmschmerz oder Geräuschqual nennen die Mediziner dieses Leiden. Während bei Gesunden die Schmerzschwelle für Geräusche bei etwa 120 Dezibel liegt, empfinden Frauen, die an der so genannten Hyperakussis leiden, bereits 65 Dezibel als unerträglich. Das heißt, sie können eine normale Unterhaltung schon vor Schmerzen kaum mehr aushalten. Lautere Geräusche rufen körperliche Reaktionen hervor wie Herzjagen, Blutdruckanstieg, Schweißausbrüche, Unruhe, Zappeligkeit, Mundtrockenheit, Verspannungen und Schmerzen in der Nähe der Ohren.
Manche werden schier wahnsinnig, wenn irgendwo auch nur Blätter rascheln. Der Übergang von einzelnen Geräuschen, die jemand als unangenehm empfindet, zu einer dauerhaften Beeinträchtigung ist fließend. HNO-Facharzt und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Naturheilbundes Dr. Karl-Heinz Friese: Krankhaft wird es dann, wenn das ganze Leben darauf ausgerichtet ist. Hierzu zählt, dass man ständig Watte im Ohr trägt, gegen Nachbarn wegen Lärmbelästigung prozessiert, keine Kinder duldet, weil diese schreien, oder zu Hause bleibt, um sich nicht dem Straßenlärm auszusetzen.
Das Ohr ist Ihr empfindlichstes Sinnesorgan
Helmut Schaaf, leitender Oberarzt der Tinnitusklinik in Bad Arolsen, hält die Hyperakussis vor allem für eine Folge der Reizüberflutung in unserer Lärmgesellschaft. Gerade das Ohr reagiert am empfindlichsten von allen Sinnesorganen. Während wir beispielsweise die Haut abdecken, die Nase zukneifen und die Augen schließen können, ist das Ohr immer offen, auch nachts im Schlaf. Die Ursachen der Hyperakussis können vielfältig sein. Sie reichen von Mittelohrentzündung über Hörsturz, Lärmschäden oder Migräne bis hin zu Dauerstress und Depressionen. Auch Angst- und Panikerkrankungen gehören dazu. Nicht selten geht diese extreme Geräuschempfindlichkeit im Doppelpack mit Dauer-Ohrgeräuschen (Tinnitus) oder einer Hörminderung einher.
Das Gehirn kann normal laute Geräusche nicht mehr leise stellen"
Bei einer Hyperakussis kommt es zu einem fehlenden Lautheitsausgleich, dem so genannten Recruitment. Leises wird nicht mehr gut verstanden, Lautes nicht mehr genügend abgeschwächt. Allein medizinisch lässt sich die Hyperakussis nicht behandeln. Denn entscheidend ist, was das Gehirn aus den Geräuschen macht: Wie beim Tinnitus sitzt das Problem im limbischen System, dem Gefühlszentrum des Gehirns. Es bewertet die Geräusche negativ und verhindert so, dass sie einfach überhört werden. Das macht das Gehirn nämlich normalerweise, indem es aus den Geräuschen, die auf uns einströmen, die für uns wichtigen herausfiltert und die anderen herunterfährt, so dass sie uns zum Teil gar nicht bewusst werden. Das Gehirn ignoriert sie einfach. Bei Hyperakussis funktioniert das nicht. Deshalb müssen die Betroffenen wieder lernen, mit den normalen Geräuschen zu leben. Sie sollen ihren natürlichen Geräuschfilter im Gehirn wieder aktivieren.
Hyperakussis hat in der Regel gute Heilungschancen
Die Behandlung der Geräuschempfindlichkeit richtet sich nach der Grunderkrankung und dem subjektiv empfundenen Schweregrad. Dem vorausgehen muss natürlich eine intensive Ursachenforschung durch einen Hals-Nasen-Ohrenarzt. Geräuschüberempfindlichkeit ist in den allermeisten Fällen gut therapierbar, ja sogar heilbar. In der Tinnitus-Klinik in Bad Arolsen setzt man unter anderem auf die so genannte angeleitete Hörtherapie, die schrittweise über Hörübungen zur Verbesserung der Hörwahrnehmung führt. Eine sinnvolle Ergänzung dazu kann ein Rauschgenerator sein, der hinter dem Ohr sitzt und permanent ein leises Rauschen von sich gibt. Das Rauschen können Sie selbst steuern. Dadurch werden die Alltagsgeräusche als nicht mehr so störend erlebt. Manchen Betroffenen hilft bereits das Tragen eines Rauschgenerators, um mit der Geräuschempfindlichkeit klarzukommen. Das Gehirn wird dazu gebracht, die sonst als störend empfundenen Geräusche nicht mehr überzubewerten.
Alternative Heilweisen helfen Geräuschempfindlichen
Jede Betroffene muss ausprobieren, was ihr sonst Erleichterung verschafft. Das kann sein:
- autogenes Training,
- progressive Muskelrelaxation nach Jacobson,
- Feldenkrais-Therapie,
- Hypnose,
- Psychotherapie,
- Musik- und Klangtherapie,
- hyperbare Sauerstofftherapie,
- Akupunktur,
- Tai Chi,
- Atemtherapie,
- Bio-Feedback,
- Aromatherapie,
- Neuraltherapie,
- Darm- und Ernährungstherapie,
- homöopathische Behandlung.
Bei länger andauernden Beschwerden ist eine Kur ratsam.
Wer unter Geräuschempfindlichkeit leidet, isoliert sich oft
Eine Begleiterscheinung der Hyperakussis ist das Unverständnis der Umwelt, denn das Leiden ist ja nicht sichtbar. Die Betroffenen mögen sich nicht mehr unter das Volk mischen", es ist ihnen ja alles viel zu laut. Feste oder Veranstaltungen sind die reinste Qual für sie. Tanzen, Kino, Konzert, Theater - alles nicht mehr möglich. Doch niemand will das glauben. Manche können in ihrem Beruf nicht mehr arbeiten. Andere trennen sich von ihrem Partner. Die Sehnsucht nach Stille und Alleinsein wird übermächtig. So kommen zur Geräuschqual auch noch der soziale Rückzug, Vereinsamung und teils auch der finanzielle Abstieg. Das ist Grund genug, sich rasch einer Behandlung zu unterziehen.
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