Warum gesundes Essen zum inneren Zwang werden kann
Inga-Maria Richberg in Täglich Gesund
vom 3. März 2009, 16:00 Uhr
GNL5356
Den - berechtigten - Ermahnungen zur gesunden Ernährung begegnen wir heute fast an jeder Ecke. Doch sie haben eine Kehrseite. Denn eine neue Ess-Störung greift um sich: der Zwang zum gesunden Essen (med.: Orthorexia nervosa), der letztlich zu einer radikalen Einschränkung der Nahrungsaufnahme und damit zu schweren Gesundheitsstörungen führen kann. Wie diese Störung entsteht und woran Sie sie erkennen, ob Sie selbst oder Angehörige gefährdet sind, lesen Sie in diesem Beitrag.
Der Speisezettel der Betroffenen wird immer kürzer
Der Begriff der Orthorexie (griech.: gute Ernährung) wurde im Jahr 1997 von dem US-Arzt Dr. Steve Bratman geprägt. Orthorektiker wählen ihre Nahrung streng danach aus, ob sie gesund" ist.
So steigert sich der Zwang zur gesunden Ernährung:
- Ernährungsumstellung auf immer mehr Obst und Gemüse
- Kauf von Produkten nur aus biologisch-dynamischem Anbau
- Einkauf ausschließlich in einem bestimmten Bioladen
- Früchte dürfen vor nicht mehr als 1 Stunde geerntet worden sein
- radikaler Verzicht auf Zucker und Süßigkeiten
- Ablehnung aller konventionell hergestellten Lebensmittel
- Verzehr nur noch von selbst zubereiteten Nahrungsmitteln
- Mitnahme von Notfallrationen ins Büro und zu Einladungen
Schließlich essen die Betroffenen lieber gar nichts, als ungesunde" Lebensmittel zu verzehren. Für jeden vermeintlichen Fehltritt bestrafen sie sich durch noch rigidere Regeln.
Dieser Gesundheitswahn macht einsam und krank
Durch ihre Orthorexie vereinsamen viele Betroffene, weil sie ständig Freunde und Bekannte mit ihren Ernährungsvorstellungen missionieren". Schließlich werden die Erkrankten kaum noch eingeladen, und wer kann, meidet Gespräche mit ihnen. Außerdem droht Krankheit: Wer seine Ernährung dauerhaft auf rohes Obst, Gemüse und Frischkornmüsli beschränkt, muss mit einem massiven Mangel an B-Vitaminen, Kalzium, Magnesium, Eisen, Selen und Zink sowie Eiweiß und Fett rechnen. Im Extremfall führt das zu schweren Schwächezuständen! Zudem kann Orthorexie zu Magersucht (Anorexie) führen oder auch in eine Ess-Brech-Sucht (Bulimie) münden, sofern die Erkrankten sich durch Erbrechen von unerwünschten Lebensmitteln befreien.
Die Ess-Störung maskiert oft eine allgemeine Unsicherheit
Abnehmdiäten und Lebensmittelskandale stehen oft am Beginn einer betont gesunden Ernährungsweise. Wird das gesunde Essen jedoch zum Zwang, spricht das für tiefer liegende Ursachen in der Persönlichkeit der Betroffenen. Prof. Dr. Lorenzo Donini vom Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Rom hat festgestellt, dass es oft unsichere, ängstliche oder zwanghafte Menschen trifft.
Für sie wird die Flucht in die Ideologie der gesunden Ernährung zum Schutz vor Lebensängsten. Zudem befriedigt die Krankheit das Verlangen der Betroffenen nach Kontrolle über sich und ihr Leben. Dahinter stehen oft ein geringes Selbstwertgefühl und Unsicherheit im Umgang mit anderen. In diesem Fall empfehlen wir den Betroffenen eine Psychotherapie. Selbst in höherem Alter können durch das vertrauensvolle Zusammenarbeiten mit einem Therapeuten Ängste überwunden und wieder Freude am Essen, ja am ganzen Leben gewonnen werden.