Ungebetene Ratschläge: Wie Sie konstruktiv damit umgehen

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von Dr. Andrea Schmelz, Chefredakteurin von "Gesundheit und Erziehung für mein Kind"

Die Formen der Einmischung sind mehr oder minder subtil: Sie reichen vom „Glaubst du nicht, es wäre besser …“ über „Also bei uns früher …“ bis hin zum massiven „Du verwöhnst das Kind!“ Sie schleichen sich als „besserwisserische“ Geschenke ein: die von Oma favorisierte Wollmütze oder das Modepüppchen Barbie, das Sie nie kaufen wollten und das jetzt die Patentante mitbringt.


Wer sich einmischt, hat’s nötig

Bei vielen ungebetenen Ratschlägen geht es weniger um das Wohl Ihres Kindes als um die Person des Ratgebers. Egal, ob Großeltern, Freunde, Nachbarn: Häufig empfinden Menschen, die gerne Ratschläge erteilen, dies als Aufwertung ihrer eigenen Person. Denn sie drücken damit aus, dass sie etwas besser wissen, und drängen Ihnen ihre Hilfe in Erziehungsfragen auf. Das gibt ihnen ein Gefühl von Wichtigkeit. Und zur Erziehung kann ja nun wirklich jeder etwas sagen, denn jeder Mensch hat als Kind selbst Erziehung genossen (oder erduldet?)… Die Erziehung spiegelt darüber hinaus nicht nur die offensichtlichen Ansichten über Schlafenszeiten und Fernsehkonsum wider, sondern das gesamte Wertesystem eines Menschen. Viele ungefragte Ratgeber haben selbst Kinder erzogen und wollen mit ihren ungebetenen Ratschlägen unbewusst ihr eigenes Wertesystem und ihre früheren Erziehungsmethoden verteidigen. Und je unsicherer die betreffende Person ist, um so eher fühlt sie sich durch andere Ansichten – also auch Ihre – bedroht.

Mein Tipp: Speziell bei ungebetenen Ratschlägen aus dem Familienkreis sollten Sie sich fragen: „Wie stehe ich zu der Person, die mir etwas rät? Warum gibt sie mir Ratschläge?“ Wenn Sie die Motivation des Ratschlaggebenden analysiert haben, fühlen Sie sich weniger schnell angegriffen und können oft nachsichtiger reagieren.

5 Antworten, mit denen Sie jedem Besserwisser Kontra geben können

  1. „Was würden Sie denn an meiner Stelle tun?“ Mit dieser Frage lassen sich Besserwisser von Menschen mit echten Verbesserungsvorschlägen unterscheiden.
  2. „Danke für die Anregung, ich werde darüber nachdenken.“ Zustimmung nimmt dem anderen den Wind aus den Segeln und verhindert längere Belehrungen.
  3. „Können wir später darüber reden?“ Damit nehmen Sie in heiklen Situationen eine Auszeit, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen.
  4. „Ich respektiere deine Meinung. Aber ich möchte gerne meine eigenen Fehler machen.“ So verbitten Sie sich permanente Ratschläge von Eltern oder Schwiegereltern.
  5. „Das geht Sie nun wirklich nichts an, und ich möchte auch keine Ratschläge von Ihnen bekommen.“ Eine ganz klare Aussage für ganz hartnäckige Nachbarinnen oder andere Außenstehende.

Manche Ratschläge können durchaus hilfreich sein

Viele Erziehungstipps und Ratschläge sind völlig überflüssig, doch können manche Entwicklungen Ihres Kindes einem Außenstehenden tatsächlich eher auffallen als Ihnen selbst, die Sie Ihr Kind tagtäglich sehen. Langsame Prozesse wie etwa eine mäßige, aber stetige Gewichtszunahme oder aber eine Verzögerung der Sprachentwicklung können von Eltern leicht übersehen werden. Wenn Sie einen entsprechenden Hinweis von anderen bekommen, sollten Sie versuchen, offen zu reagieren, ohne sich angegriffen zu fühlen. Fragen Sie sich, ob wirklich etwas dahinter stecken könnte, und ziehen Sie die nötigen Konsequenzen, etwa einen Kontrollbesuch beim Kinderarzt. Manchmal haben sich unbemerkt und unbeabsichtigt auch tatsächlich schlechte Angewohnheiten in die eigene Erziehung eingeschlichen. Wenn Sie stark unter Stress stehen, kann es z. B. vorkommen, dass Sie schnell gereizt und oft auch zu heftig reagieren. Wenn eine Oma das einfühlsam anspricht und Ihnen gleichzeitig anbietet, Ihnen das Kind einen Nachmittag abzunehmen, damit Sie einmal etwas für sich tun können, lohnt es sich, darüber nachzudenken.

So kommt Ihre Anregung richtig an

Selbst wenn Sie absolut nicht der Typ für ungebetene Ratschläge sind, kann es durchaus vorkommen, dass Sie Ihre Freundin oder Schwägerin auch einmal auf etwas hinweisen wollen. Jetzt brauchen Sie viel Fingerspitzengefühl. Sprechen Sie möglichst in Form einer Ich-Botschaft. Wenn Sie beispielsweise das Gefühl haben, dass sie viel zu streng mit dem Kind umgeht und viel zu viel von ihm verlangt, obwohl das seinem Alter nicht entspricht, dürfen Sie Ihr Unbehagen zum Ausdruck bringen. Wenn Sie sagen „Mir fällt auf, dass du in letzter Zeit sehr streng mit deiner Tochter/deinem Sohn bist“, wird sich die angesprochene Mutter viel weniger angegriffen fühlen als durch ein „Du kannst doch mit der/dem Kleinen nicht so streng sein. Die/der versteht das ja noch gar nicht!“ Sinnvoll ist auch, Verständnis zu zeigen und eine Brücke zu bauen, mit der die Angesprochene die Kritik leichter annehmen kann. Ein „Ich kenn das.Wenn ich unter Zeitdruck bin, reagiere ich auch schnell so streng“ hilft dem Gegenüber, einen Gesichtsverlust zu vermeiden.


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