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Tanzen hält Körper und Geist fit

Tanzen hält fit, das wiesen Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) vor einiger Zeit nach. Jetzt testeten sie ein speziell für Senioren entwickeltes Tanzprogramm und erhielten ein verblüffendes Ergebnis: Selbst zuvor inaktive Senioren steigerten nach sechs Monaten Training eine Stunde pro Woche nicht nur ihre körperliche Fitness, sondern auch ihre Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit.

Gerade in einer alternden Gesellschaft ist es wichtig, Gesundheit und Alltagskompetenz zu erhalten, um bis ins hohe Alter selbstständig zu leben und zu wohnen. Was kann man tun, um im Alter fit zu bleiben? Das untersuchen die RUB-Neurowissenschaftler um Privatdozent Dr. Hubert Dinse und Professor Dr. Martin Tegenthoff seit einigen Jahren. Aus Studien mit Tieren ist bekannt, dass die Haltung in reizvoller und herausfordernder Umgebung in Gesellschaft degenerative Alternsprozesse vermindert und die Lernfähigkeit steigert.

Durch das Tanzen kann man diesen Effekt auf den Menschen übertragen. Tanzen bedeutet körperliche Aktivität. Man kann es den individuellen Fähigkeiten anpassen und dennoch bietet es genügend Spielraum für Entwicklungen. Das Erlernen von Schrittfolgen und Kombinationen stellt darüber hinaus eine beträchtliche Herausforderung für das Gehirn dar. Im Zusammenspiel mit der sozialen Interaktion und der akustischen und emotionalen Stimulation entsteht beim Tanzen die nahezu perfekt reizreiche und herausfordernde Umgebung für den Menschen.

Umfangreiches Leistungsprofil vor und nach dem Tanzkurs

In ihrer aktuellen Studie untersuchten die Neurowissenschaftler den Einfluss des speziell für Senioren entwickelten Tanzprogramms AGILANDO © des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbands. Die Arbeit der Bochumer Wissenschaftler erschien in dem renommierten Fachmagazin „Frontiers in Aging Neuroscience“.

Die 25 Teilnehmer zwischen 60 und 94 Jahren tanzten über einen Zeitraum von sechs Monaten einmal pro Woche eine Stunde lang. Währenddessen erhielten die Mitglieder einer Kontroll-Gruppe im selben Zeitraum keinen Tanzkurs. Vor und nach dem Kurs durchliefen die Studienteilnehmer 18 Tests, in denen die Forscher über 80 Parameter untersuchten. Ziel war es, ein möglichst detailliertesindividuelles Leistungsprofil zu erhalten. Der Fokus der Untersuchungen lag nicht nur auf Bereichen, die man typischerweise mit dem Tanzen in Verbindung bringt, beispielsweise Stand- und Körperhaltung sowie Reaktionszeit. Es ging darüber hinaus um Motorik, Sensorik, Aufmerksamkeit, Denk-Merkfähigkeit sowie subjektive Lebenszufriedenheit und Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislaufsystems.

Eine Stunde pro Woche genügt

Während sich bei der Kontrollgruppe keine Veränderungen zeigten, stellten die Forscher bei den Tänzern nach dem Kurs signifikante Verbesserungen in den Bereichen „Kognition / Aufmerksamkeit“, „Reaktionszeit“, „Hand- / Motorische Leistungsfähigkeit“, „Taktil- / Sensorische Leistungsfähigkeit“, „Stand und Balance“ und „Lebensstil“ fest. Lediglich die Parameter „Intelligenz“ und „Herz-Kreislauf-Leistungsfähigkeit“ veränderten sich nicht.

„Ein bemerkenswerter Umstand, da zum Beispiel Verbesserungen des Denkvermögens und der Lernfähigkeit häufig mit einer verbesserten Herz-Kreislauf-Leistungsfähigkeit verbunden sind“, so Professor Dinse. „Das zeigt, dass bereits geringe Trainingsintensitäten zu weitreichenden Verbesserungen führen, während die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems unverändert bleibt.“

Schnelle Erfolge fördern die Motivation

Verglichen mit vielen anderen sportlichen Aktivitäten wie Laufen, Radfahren oder Kraftsport bietet das Tanzen viele Vorteile. Es vereint körperliche Aktivität mit sozialer, emotionaler und musikalischer Interaktion und kognitiven Herausforderungen. Darüber hinaus erzielt man schnell Erfolge. „Diese Komponenten spielen eine sehr wichtige Rolle, um die Motivation aufrechtzuhalten“, so Dr. Jan-C. Kattenstroth.

„Eine Fülle von tierexperimentellen Untersuchungen und Studien bei Menschen belegt den großen Nutzen körperlicher Aktivität für die geistige Leistungsfähigkeit.“ Dies betont die Neurologin und Demenz-Forscherin Professorin Agnes Flöel von der Charité. So zeigten beispielsweise epidemiologische Studien bei mental gesunden älteren Menschen, dass körperliche Aktivität und Sport (vor allem Ausdauersport) mit einer geringeren Demenzrate einhergehen.

Viele Belege für positive Effekte auf das Hirn

Solche Studien gelten laut Flöel „noch nicht als sicherer Beweis dafür, dass Bewegung und Sport einer Demenz vorbeugen. Möglicherweise kommt es nicht ausschließlich auf die körperliche Aktivität an, sondern auch auf die damit meist zusammenhängendegesündere Lebensweise. Des Weiteren sind Menschen mit schwerer Demenz nicht mehr in der Lage, sich regelmäßig körperlich zu bewegen.“ Allerdings gebe es darüber hinaus „Belege für einen Nutzen, die aus recht hochwertigen Studien stammen, und zudem viele Erkenntnisse zu den möglichen zugrunde liegenden Mechanismen“.

Unklar sei derzeit, welche Art von körperlicher Aktivität oder Sport in welcher Intensität und Häufigkeit am geeignetsten sei. Flöel: „Es ist sicher, dass es kein Marathonlauf sein muss und dass man immerindividuelle Lösungen finden sollte. Sogar regelmäßige Gartenarbeit und der tägliche Spaziergang mit dem Hund sind hilfreich.“ Oder eben ab und zu ein Tänzchen.

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