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Sport ist Mord oder Die Geschichte einer Sportverletzung

Manche sagen „Sport ist Mord“, andere schwören darauf, mit ihm ihr Leben zu verlängern und zu verbessern. Aber manchmal kommt man schon ins Grübeln, so wie ich letztens, als dieser noch recht junge Patient vor mir stand, der sich beim Skifahren einen komplizierten Bruch des Oberschenkels zugezogen hatte.

Zwar war er direkt vor Ort in Österreich medizinisch gut versorgt worden, aber nun lag eine lange Zeit der Heilung vor ihm, Schmerzen, Gehstützen, Entlastung des betroffenen Beins. Er trug es mit Fassung, aber die Belastung (Verlust an qualitativer Lebenszeit) war ihm deutlich anzumerken. Wochenlang würde er sich in der Rehabilitationsklinik aufhalten, sich jeden kleinen Fortschritt hart erarbeiten müssen. Schmerzen, Mühen, Enttäuschungen inklusive. Und das nur, weil ein winziger Moment der Unachtsamkeit den Sturz beim Skifahren verursacht hatte. „Sport ist Mord? Zumindest ganz schöner Mist, wenn man sich das so recht überlegt.“

Anfangs war alles Heulen und Zähneklappern

Geschwollener Oberschenkel, geschwollenes Knie, geschwollener Fuß. Alles schmerzte. Zum Schuheanziehen die Schwester rufen. Zum Essen ins Klinikrestaurant mit dem Rollstuhl, geschoben vom Hol- und Bringdienst. Nachts noch eine zusätzliche Schmerztablette. Viel Zuspruch nötig vom Arzt, vom Therapeuten, von der Pflegekraft.

Rehabilitationstraining brachte die Zuversicht wieder

Aber irgendwann, ganz langsam, kam die Zuversicht zurück, quasi parallel zur ansteigenden Belastung des Trainings. Der Sportler in ihm gewann die Oberhand. Zögernd noch, zweifelnd, aber nicht mehr aufzuhalten. Allmählich spielten auch die Schmerzen nicht mehr die gleiche Rolle wie zuvor, sie waren zwar da, aber sie wurden zum Gradmesser für die Effektivität des Trainings. „Kein Schmerz, kein Fortschritt!“ So ähnlich lautete nach einiger Zeit die Logik. Also wurde der Schmerz zum Verbündeten, zum Partner.

Wochenlang hatte er die zunächst eingeschränkte Belastbarkeit des operierten Beins auf zwei Körperwaagen getestet. 20 kg für mehrere Wochen, dann zwei Wochen lang 40 kg. Die 60 kg musste er sich hart erarbeiten, weil die Schmerzen zurückkamen. Dann war die Vollbelastung freigegeben, aber er schaffte sie noch nicht. Das Vertrauen fehlte, die Gewissheit, dass das geheilte Bein ihn wieder tragen würde.

Treppensteigen wurde zur Passion

Als endlich der Tag kam, an dem das verletzte Bein wieder voll belastet werden durfte, war es dünn wie ein Strohhalm verglichen mit dem unverletzten Bein. Aber jetzt gab es kein Halten und kein Aufgeben mehr. Der Trainingsraum wurde für ihn zur zweiten Heimat. Beinpresse, Kniebeugen, Weichbodenmatte. Die freie Gehstrecke (ohne Gehhilfe) verlängerte sich von anfangs wenigen Metern schon bald auf ein Vielfaches. Treppensteigen wurde zu seiner Passion: anfangs nur hinauf, abwärts benutzte er aus Sicherheitsgründen immer noch den Lift, denn so ganz vertraute er der Festigkeit des frisch verheilten Knochens noch nicht.

Eines Tages strahlte er bei der Visite über das ganze Gesicht

Er hatte seine innere Balance wiedergefunden. Immer wieder hatte er auf denzwei Waagen gestanden, die Augen geschlossen und versucht, beide Beine gleichmäßig zu belasten. Was ihm immer und immer wieder misslang. Sein Körper verhinderte, dass er sein verletztes Bein dem gleichen Druck aussetzte wie das gesunde. Bis es eines Tages gelang, auf beiden Waagen beim Öffnen der Augen denselben Wert zu erzielen: das halbe Körpergewicht rechts und links, gleichmäßig verteilt.

Der Sport hat die Verletzung verursacht, möglicherweise übertriebener Ehrgeiz, der den Sportler in manchen Situationen über die eigenen Möglichkeiten und Grenzen hinausgehen lässt. Mit schmerzhaften Folgen. Der Sport hat dem zum Patienten gewordenen Sportler aber auch alles zurückgegeben, was ihm nach erfolgter Operation fehlte. Die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen, genauso wie Mut, Zuversicht und Durchhaltewillen. Und letztlich die Lebensqualität, die bald wieder derjenigen vor dem Unfall entsprechen wird.

Daran gibt es keinen Zweifel mehr. Vom Sportler zum Patienten und vom Patienten allmählich wieder zum Sportler. Auf mühsam schmerzhafte Weise kam letztlich auch die Einsicht hinzu, mit diesen wiedererlangten Fähigkeiten im nächsten Skiwinter sorgsamer und verantwortungsbewusster umzugehen.

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