Slow Food: Genuss im Tempo der Natur
Sylvia Schneider in Naturmedizin aktuell
vom 25.01.2008 06:00 Uhr
GNL5356
Liebe Leserin,
lieber Leser,
die in Italien vor einigen Jahren ins Leben gerufenen internationale „Genussbewegung“ Slow Food will uns die Freude am gepflegten und langsamen Genuss wieder näher bringen. Vor allem den Geschmack natürlich erzeugter Nahrungsmittel sollen wir wieder kennenlernen. Denn in heutigen Zeiten ist wirklicher Genuss Nebensache:
- Die meisten Menschen kochen nicht mehr frisch.
- 80 Prozent der verbrauchten Lebensmittel stammen aus der Industriefertigung mit all ihren „naturidentischen“ – also chemischen und dem natürlichen Geschmack im Labor nur nachempfundenen - Ersatzstoffen und uniformen Geschmacksrichtungen.
- Obst und Gemüse, das viel zu früh geerntet wurde, verstopft die Supermarktregale und Obststände.
- Fleisch aus der Massentierhaltung hat natürliche Tierfleischerzeugung verdrängt.
Das sinnliche Erlebnis – der Lebensgenuss – bleibt ebenso auf der Strecke wie das Wissen um traditionelle Obst-, Gemüse-, Getreide- und Hülsenfrüchtesorten, deren Anbau und Zubereitung. Lebensmittelchemiker stehen bereit, um den „echten“ Geschmack echter Nahrungsmittel im Labor nachzubauen. Eine Folge: Die Kunstprodukte sind dermaßen überwürzt, dass vielen Menschen heute bereits wirklich natürliche Aromen nicht mehr schmecken. Die meisten Kinder beispielsweise mögen lieber Erdbeer- und Tomatenaroma als die echten Früchte. Sie übernehmen übrigens – das ist das Ergebnis aktueller Studien – ihre Vorlieben bereits mit der Muttermilch. Isst die stillende Mutter vorwiegend vorgefertigte Industriekost, wird sich auch ihr Kind mit natürlicher Nahrung schwer tun.
In Italien, in dem gutes und frisches Essen ja noch weitgehend an der Tagesordnung ist, macht sich Slow Food Sorgen um die Genussfähigkeit der heranwachsenden Generationen: An zwölf italienischen Schulen hat die Organisation bereits Geschmacksunterricht eingeführt. Eigens ausgebildete Lehrer bringen den Kinder nahe, wie Nahrungsmittel entstehen, wie Tiere leben (dass Kühe zum Beispiel nicht lila sind!), wie Nahrungsmittel sich anfühlen, duften und schmecken.
Höhepunkt ist stets gemeinsames Kochen und Essen
Slow Food wurde 1986 von Carlo Petrini im piemontesischen Örtchen Bra gegründet und hat seinen Namen als Gegensatz zum Fast Food gewählt. Inzwischen gibt es immerhin etwa 80.000 Mitglieder in 47 Ländern. Deutschland ist bislang mit einigen Tausend vertreten. Im Piemont wurde eine reguläre Universität des guten Geschmacks ins Leben gerufen.
Die Organisation tritt für Genuss, Vielfalt und natürliche Erzeugnisse ein. Ihr Markenzeichen sind so genannte Convivien – Tafelrunden – die regionalen Zirkel. Diese operieren in Eigenregie und veranstalten Weinproben, Verkostungen regionaler Erzeugnisse, Geschmacksschulungen, Kochkurse und Festivitäten.
Sie setzen sich ein für die Erhaltung von alten, an die jeweiligen Gegebenheiten der Region angepassten Haustierrassen, Getreide-, Gemüse-, Obst- und Rebsorten. Slow Food hat die „Arche des Geschmacks“ geschaffen, in der die Vielfalt des Geschmacks und vom Aussterben bedrohte Nahrungsmittel gewissermaßen vor der Sintflut gesammelt und gerettet werden sollen – wie Noah in biblischer Zeit die Tiere vor dem Untergang rettete.
Wohl bekomm’s!
Ihre Sylvia Schneider