Setzen Sie vor allem bei starken Schmerzen ohne Angst auf Opioide
Sylvia Schneider in Täglich Gesund
vom 14. Oktober 2009, 16:00 Uhr
GNL5356
Es gibt zwar kein Wunderschmerzmittel für alle chronischen Schmerzen gleichermaßen, doch niemand mehr muss sich mit schweren Schmerzen quälen. Das ist die entscheidende Erkenntnis der jüngeren Schmerzmedizin. Unterschiedliche Schmerzzustände lassen sich nicht über einen Kammscheren und mit ein- und demselben Mittel behandeln. Jede Schmerzerkrankung braucht ihr eigenes Behandlungsschema, das zudem noch individuell an die Betroffene und ihre Bedürfnisse angepasst werden muss.
Selbst schwerst Krebskranke müssen keine Schmerzen mehr erdulden
Es gibt nur äußerst wenige Fälle, in denen die moderne Schmerztherapie versagt. Leider hat sich dies bei den behandelnden Ärzten noch nicht herumgesprochen. Deswegen pochen Sie darauf, dass gerade Krebsschmerzen bei Ihnen oder jemandem, der Ihnen nahe steht, ausreichend mit Schmerzmitteln behandelt werden.
Bislang wurden chronisch Schmerzkranke nach dem so genannten WHO-Stufen-Schema behandelt. Dabei wurden zunächst nur leichte Schmerzmittel verordnet. Half das nicht, griff man zu anderen und stärkeren Schmerzmitteln. Die Dosierungen richteten sich nach der Intensität des Schmerzes. Heute wird jeder Schmerz für sich gesehen: Schmerzen des Bewegungsapparates werden anders behandelt als Schmerzen nach Knochenbrüchen. Schmerzen durch eine Osteoporose, eine arterielle Verschlusskrankheit, Tumorleiden oder Schmerzen durch rheumatische Beschwerdenwerden ebenso individuell therapiert.
Vor allem beim Einsatz von Opioiden hat ein Umdenken stattgefunden
Eine entscheidende Veränderung ist der raschere Einsatz von stärker wirksamen Medikamenten wie den Opioden. Die Schmerzmedizin hat die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoller ist, Schmerzen schneller und effektiv auszuschalten. Denn sonst gibt man ihnen die Möglichkeit, sich unter einer nicht ausreichenden Therapie noch weiter zu entwickeln und so eine Chronifizierung voranzutreiben. Opioide wurden bislang in der Regel nur als reine Betäubungsmittel eingesetzt. Sie gehören zu den stark wirksamen Arzneimitteln und unterliegen an sich der Kontrolle der Bundesopiumstelle. Sie können unter anderem bei frühzeitigem und gezieltem Einsatz verhindern, dass Schmerzen chronisch werden. Die häufigen Vorbehalte gegen Opiate aus Angst vor einer potenziellen Suchtgefahr sind nicht mehr gerechtfertigt, da die modernen Retardpräparate den Wirkstoff nur verzögert (retardiert) freisetzen. Das verringert die Suchtgefahr erheblich.
Angst vor einer Opioid-Therapie ist nicht mehr angebracht
Somit hat auch ein Umdenken über ihren Einsatz stattgefunden. Sie sollten so früh wie möglich verordnet werden - allerdings nie als alleinige Maßnahme, sondern immer als Teil einer ganzheitlichen Therapie; dann können die schädigenden Auswirkungen der Schmerzen auf den Körper verhindert werden. Ein weiterer Vorteil: Die Opioide können häufig nach einer Weile wieder abgesetzt werden, weil sie nicht mehr gebraucht werden.
Allerdings erfolgt der Wechsel auf Opioide nicht von heute auf morgen. Denn das jeweilige Präparat muss mit Bedacht ausgewählt werden. Selbst innerhalb einer Wirkstoffgruppe sind die Präparate und ihre Auswirkungen im Einzelfall sehr unterschiedlich. Nicht immer werden die Schmerzen auf Anhieb gelindert. Die Umstellungsphase dauert oft mehrere Wochen.
Riskant für Sie: Wenn der Apotheker durch die Hintertür das Opioid wechselt
Die Therapeuten der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie beklagen derzeit eine neue Regelung, die seit einiger Zeit in Kraft ist: die Austauschpflicht. Sie besagt, dass der Apotheker das von Ihrem Arzt verordnete Opioid gegen ein preiswerteres austauschen darf, selbst wenn Sie mühsam und langfristig darauf eingestellt wurden. Häufig verschlimmern sich dadurch die Schmerzen wieder, denn die Austauschpräparate (meist so genannte Generika) unterscheiden sich vom Original - etwa in der Geschwindigkeit der Aufnahme des Wirkstoffes in den Körper oder bei der Ansprechbarkeit der Schmerzrezeptoren. Bei retardierten Opioiden weisen die Generika nicht die Alkoholresistenz des Origanalpräparates auf. Der Alkohol hebt die langsame Abgabe der Wirkstoffe auf, und es kommt zu einer sehr raschen Freisetzung sehr großer Wirkstoffmengen. Der Apothekermuss den Arzt über den Wechsel nicht informieren. Die Einsparungen betragen oft nur wenige Euro.
Der Rat der Schmerztherapeuten: Wenn Sie gut auf ein Schmerzmittel - egal ob Originalpräparat oder Generikum - eingestellt sind, sollten Sie es nicht ohne triftigen Grund wechseln. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, wie sich der Wechsel durch die Hintertür in Ihrem Fall vermeiden lässt.
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Reinhold Maier (14.10. 2009 18:49 Uhr):
auch ich bin langjähriger Konsument von Morphin ret. Präparaten und jedes 2.x wenn ich wieder mal meine Ration in der Apotheke abholen will bekomme ich eine andere Firma aufs Auge gedrückt. Das ist nicht sehr lustig da jedes Mittel etwas anders wirkt.
Antworten - Kommentar von Bierling (14.10. 2009 19:21 Uhr):
Erfahrung aus dem Hospiz: dem medizinischen Wissen zu vervollständigen, ist dazu zu sagen, dass die Schmerzrezeptoren das jeweilige Opioid und die Dosis dessen, entscheidend ist. Sind die Schmerzrezeptoren durch das Opioid aufgebraucht, gibt es keine Suchtgefahr. Wird mehr Opioid zugeführt, als Schmerzrezeptoren vorhanden sind, kommt es zu Nebenwirkungen wie: Schwindel, Übelkeit, Erbrechen usw.
Antworten - Kommentar von Klaus W Thiel (14.10. 2009 20:28 Uhr):
Nach mehreren Operationen an der Lendenwirbelsäule und einer sehr schmerzhaften imkompletten Paraparese bekomme ich seit fast sechs Jahren Opiateersatz. Mir geht es viel besser, kann viel unter nehmen und sogar arbeiten. Ohne die Schmerzmittel wäre ich aufgeschmissen und ständig im Bett.Bestimmt wesentlich weniger Lebensqualität.Ärzte verschieneder Richtungen haben das Medikamentenmix zusammengestellt.Und mir geht es gut. Von Abhängigkeit keine Spur. KW
Antworten - Kommentar von Horst Uhl (15.10. 2009 17:10 Uhr):
Liebe Frau Schneider, Ihr Beitrag in Ehren. Aber meine Tochterist in der 12. Woche schwanger und hat eine Entzündung im Arm. Kein Arzt will ihr helfen, weder der Hausarzt noch der Orthopäde oder der Frauenarzt. Sie schreit förmlich vor Schmerzen, und wir können ihr nicht helfen. Was würden Sie vorschlagen? Freundliche Grüße Horst Uhl
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