Selbstmord durch Altersdepression: Erkennen Sie die Vorzeichen
Dr. Regina Kalkert in Täglich Gesund zum Thema Depression
vom 3. Februar 2010, 16:00 Uhr
GNL5223
Einsamkeit, Verlust des Partners, Verlust der Selbstständigkeit durch schwere körperliche Erkrankungen, Ausscheiden aus dem Arbeitsleben und oft auch Depressionen sind es, die ältere Menschen in den Freitod treiben. Die Selbstmordrate ist im Alter sichtlich höher als in jungen Jahren. Zumal es eine gewisse Dunkelziffer gibt: Wenn Menschen ihre Medikamente nicht oder wissentlich falsch einnehmen und dies zum Tod führt, taucht das in keiner Statistik auf. Weltweit ist die Alterssuizidalität ein Problem, das durch den demografischen Wandel eine immer größere Bedeutung erlangt. In Ungarn und der Ex-Sowjetunion ist die Rate am höchsten, Deutschland liegt im Mittelfeld.
Im höheren Lebensalter gehören Depressionen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Sie können entstehen durch eine Veränderung in der Lebenssituation, in der die Betroffenen das Gefühl haben, ihr Leben nicht mehr bewältigen zu können, sei es nun das Ausscheiden aus dem Beruf, der Verlust des Partners oder eine körperliche Einschränkung durch Krankheit. Leider werden Depressionen oft durch körperliche Erkrankungen überlagert und deshalb nicht erkannt.
Die Anzeichen einer Depression
Zu einer Depression gehören u. a. folgende richtungsweisende Symptome:
- Antriebslosigkeit bis hin zur Apathie
- Verlust von Gefühlen wie Freude, Liebe, aber auch Trauer
- Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit
- Rückzugstendenzen, Vereinsamung
- Minderwertigkeits- und Unsicherheitsgefühle
Diese Beschwerden werden als Alterserscheinungen abgetan, auch von Fachleuten oft nicht richtig erkannt und vor allen Dingen nicht angemessen behandelt.
Das Selbstmordrisiko ist bei Depressiven sehr hoch
Das Risiko des Selbstmordes ist bei Depressiven sehr hoch: 10 bis 15 Prozent der Erkrankten wählen - erfolgreich - diesen Weg aus dem Leben. Einen Suizidversuch starten immerhin zwischen 25 und 50 Prozent der depressiven Patienten. Aber gerade hier gilt: Selbstmord ist keine Lösung, sondern ein Ausdruck der Erkrankung. Ein Selbstmord bei Depressionen ist kein Freitod. Fast alle Kranken sind nach dem Abklingen der akuten Phase froh, dass man sie aus dieser lebensbedrohlichen Situation befreit hat.
Hier müssen Sie hellhörig werden
- Zieht sich ein älterer Mensch in Ihrer Nähe immer weiter aus dem Alltag zurück?
- Ist er mutlos und kaum noch zu motivieren?
- Kann er sich über nichts mehr freuen, auf der anderen Seite aber auch nicht mehr richtig trauern?
- Äußert er Gedanken über die eigene Minderwertigkeit und über Lebensüberdruss?
- Oder spricht er sogar konkret Selbstmordgedanken aus?
Dann sprechen Sie unbedingt mit einem Arzt über diesen Mitmenschen und organisieren Sie einen gemeinsamen Termin mit dem Betroffenen. Dieser Mensch kann an einer Depression leiden, die ihn einerseits bis zum Selbstmord treiben kann, die aber andererseits auch in höherem Alter noch Erfolg versprechend behandelbar ist.
Nehmen Sie die Anzeichen ernst
Selbstmorddrohungen sind niemals hysterisch oder theatralisch, sie müssen immer ernst genommen werden. Nur wenn mit einem Lebensmüden aufrichtig und ernsthaft über seine düsteren Gedanken und negativen Gefühle gesprochen wird, kann ihm auch geholfen werden. Droht akut Selbstmordgefahr, muss der Betroffene dringend in eine psychiatrische Fachklinik - wenn es sein muss, auch gegen seinen Willen!
Selbstmord im Alter: Ein gesellschaftliches Problem
Die hohe Suizidalität im Alter resultiert auch aus unseren gesellschaftlichen Strukturen. In Ländern wie Mexiko ist die Suizidrate im Alter gering, denn dort werden die Alten in den Familien aufgefangen. Sie werden weiter gebraucht, sehen einen Sinn in ihrem Leben - auch noch an dessen Ende. Vielleicht können bei uns neue Wohnformen wie Mehrgenerationenhäuser, Senioren-WGs oder Ähnliches helfen, ältere Menschen aus ihrer sozialen Isolation zu befreien.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Sigurt Perk (03.02. 2010 17:25 Uhr):
Wenn ein älterer Mensch, der über lange Zeit große Schmerzen hat und dann noch seine Suveränität verliert, gepflegt werden muss, den Weg des Freitodes geht, sollten sie das nicht stigmatisieren, was sie mit diesem Berichtt getan haben. Was wir brauchen, ist eine gesellschaftliche Akzeptanz des Alterssuizids. Ich bin 75 Jahre und für mich könnte das eines Tages eine Option sein Sigurt Perk
Antworten - Kommentar von Eckehard Hilf (03.02. 2010 19:35 Uhr):
Es gibt weitere Hilfen für denjenigen, der sich der Sinnlosigkeit verweigert. Diese ist wie eine Droge und die davon Betroffenen feiern damit triste Erfolge. Ein mir bekannter erfolgreicher Mann redete sich nach Beendigung seiner Berufslaufbahn ein, dass er Alzheimer habe. Dabei hat er jeden Termin, den wir verabredet hatten, pünktlich eingehalten. Inzwischen hat er eine Pflegestufe, ist mehrfach gestürzt und psychiatrisch behandelt, und wenn ich ihn mal wieder nach seinem Tun frage, sagt er "ich warte auf den Abend". Die Vorbereitung auf das Alter fängt in der Kinderstube an. Dort erfährt man als Kind schon, dass die vier Wände, das Essen und der Verdienst nur als eine Art Gleitschicht dienen, um das Hier-Sein zu bestehen. Wenn heutzutage Kinder heranwachsen, die von einem Leben vor der Geburt und nach dem Tod wissen, dann sollten die alles besser wissenden Erwachsenen in seiner Umgebung darauf verzichten, dies korrigieren zu müssen. Das Korrupteste, was es heute gibt, ist anscheinend der gesunde Menschenverstand geworden. Stattdessen sollte sich der Verstand eines Menschen beizeiten daran machen, mit Geist das Leben zu begleiten, zu gestalten und daraus für alle Zeiten zu lernen. Dann ist das Alter eine der schönsten Lebensphasen überhaupt.
Antworten - Kommentar von Helga Metzger (04.02. 2010 01:26 Uhr):
Mehrgenerationen-Wohnformen wären eine gute Alternative zu Alten- und Pflegeheimen; vorausgesetzt man ist offen für diese Wohnform. Leider wird es noch zu wenig angeboten.
Antworten - Kommentar von Gabriele Röwer (17.02. 2010 10:55 Uhr):
Liebe Frau Dr. Hahn-Hübner, einer Freundin verdankte ich einst den Hinweis auf Täglich gesund - ein großes Geschenk! Die heutige Ausgabe gibt endlich Anlass, Ihnen meinen längst überfälligen Dank für all Ihre sehr hilfreichen, differenzierten Hinweise zu sagen, die ich schon vielfach weitergeleitet habe - zumal bei Ihnen ein wirkliches Interesse an der Gesundheit der Leser zu spüren ist und nicht, wie bei derlei sonst üblich, das kommerzielle. Als Pensionistin seit kurzem (bislang Pädagogin und Familientherapeutin, nun Herausgeberin und Kommentatorin u.a. philosophischer Nachlässe) bin ich selbst zwar noch sehr ausgefüllt, erlebe aber im engeren und weiteren Umfeld sehr oft die heute in Ihrem Brief geschilderte Problematik depressiver Menschen, mitnichten nur betagter - das Zerfallen von Bindungen/sozialen Strukturen (privat, beruflich, gesellschaftlich - E. Dürkheim nannte das Anomie) zermürbt immer mehr Menschen jeden Alters, die keinen Ausweg aus dieser Beziehungslosigkeit sehen, menschlichem wie außermenschlichem Leben gegenüber. Leider sind die Verben leben/to live und lieben/to love in all seinen Formen nicht, wie ich einst dachte, etymologisch verwandt - sie könnten es aber durchaus sein, ohne Lieben (Verstehen) kein Leben: "Lieben, Wissen und Arbeiten", die Quellen des Lebens, so Wilhelm Reich, bedingen, brauchen einander... Danke, dass Sie so einfühlsam und warmherzig immer wieder auf solche (auch psychosomatischen) Zusammenhänge hinweisen, liebe Frau Dr. Hahn-Hübner! Mit allen guten Wünschen grüßt Sie Gabriele Röwer
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