Röntgenstrahlen: Welchem Risiko setzen Sie sich aus?
Dr. Dietmar Kowertz in Täglich Gesund
vom 15. September 2010, 16:00 Uhr
GNL5356
Vor 25 Jahren betrug die Strahlenmenge durch medizinische Untersuchungen noch erträgliche 15 Prozent der Gesamtbelastung, der der Mensch üblicherweise ausgesetzt ist, etwa durch Erdstrahlung oder Flugreisen. 2006 war dieser Prozentsatz bereits auf 48 Prozent angestiegen! In den USA stieg die Zahl der Computer-Tomographie (CT)-Untersuchungen zwischen 1980 und 2007 von 3,0 auf 68,7 Millionen. Hier zu Lande ist die Entwicklung ähnlich dramatisch verlaufen. Erfahren Sie mehr über diese Problematik, die zunehmende Belastung durch solche Untersuchungen und mögliche Alternativen von Prof. Mahadevappa Mahesh, Radiologe an der Johns-Hopkins-Universität, Baltimore/ USA.
In der medizinischen Fachzeitschrift Radiology erschien im April eine Studie aus zwei Kliniken, wonach 7 Prozent der Patienten, die mittels CT untersucht worden waren, so viel Strahlung abbekommen hatten, dass ihr Risiko, irgendwann in ihrem Leben an Krebs zu erkranken, dadurch um 1 Prozent gestiegen war. Sind unsere Ärzte verantwortungslose Strahlen-Freaks, denen in erster Linie die Auslastung der teuren Geräte und erst danach das Wohlergehen ihrer Patienten wichtig ist?
Wieso ist die CT gegenüber herkömmlichen Untersuchungen dennoch auf dem Vormarsch?
Die CT ermöglicht in den meisten Fällen eine schnellere und exaktere Diagnose als andere bildgebende Verfahren. Durch die detaillierte Darstellung lassen sich Veränderungen früher erkennen. Zudem dauert eine CT nur wenige Sekunden, während z.B. eine Magnetresonanz-Tomografie mit 30 bzw. 40 Minuten zu Buche schlägt. Darüber hinaus ist eine effizientere Behandlung möglich, z.B. dadurch, dass ein Tumor mittels CT genauer lokalisiert und die anschließende Strahlenbehandlung exakter fokussiert werden kann - unter größtmöglicher Schonung von gesundem Gewebe. Nicht zuletzt ermöglicht die CT schonendere Untersuchungen bzw. Operationen, etwa wenn der Arzt statt einer Bypass-OP am offenen Herzen eine CT-gestützte Angiographie durchführen kann. Bei einer Angiographie wird mit einem Katheter ein verengtes oder verschlossenes Blutgefäß wieder erweitert.
Fragen, auf deren Beantwortung Sie bestehen sollten
Um einerseits die Vorteile einer solchen Untersuchung zu nutzen, andererseits aber das Strahlenrisiko so gering wie möglich zu halten, sollten Sie Ihrem Arzt vorab folgende Fragen stellen:
- Ist diese Untersuchung wirklich notwendig? Mit dieser Frage zeigen Sie, dass Sie sich der Risiken dieser Untersuchung bewusst sind, und veranlassen den Arzt, noch einmal darüber nachzudenken. Fragen Sie ihn, weshalb andere Untersuchungen, die ohne Strahlenbelastung ablaufen - wie eine MRT oder eine Ultraschall-Untersuchung - in Ihrem Fall keine Alternative sind.
- Benötige ich wirklich die Anschluss-Untersuchungen? Bei vielen Untersuchungen sind - mit zeitlichem Abstand - weitere CTScans erforderlich, etwa bei Nierensteinen oder Skoliose (seitliche Verbiegung der Wirbelsäule). Fragen Sie Ihren Arzt, ob diese zusätzlichen Untersuchungen nicht reduziert oder durch andere bildgebende Verfahren ersetzt werden können.
- Sind bei dieser Untersuchung mehrere CT-Scans erforderlich? Bei einer Leber-CT z.B. werden üblicherweise drei Scans hintereinander vorgenommen. Haken Sie auch hier nach, ob drei Scans wirklich erforderlich sind und gegebenenfalls reduziert werden können.
- Wer empfiehlt die CT? Früher wurden Röntgenuntersuchungen hauptsächlich in radiologischen Kliniken durchgeführt. Heute hat nahezu jedes Krankenhaus ein Computer-Tomografie-Gerät. Das bedeutet aber auch, dass diese Geräte ihre Anschaffungskosten erst einmal amortisieren müssen. Einer Untersuchung aus den Jahren 1998 bis 2005 zufolge haben sich bei Praxisgemeinschaften, die sich ein CT-Gerät selbst angeschafft haben, die CT-Untersuchungen anschließend verdreifacht! Fragen Sie, wem das CT gehört und ob die positiven Ergebnisse aus der vorgesehenen CT die Risiken tatsächlich rechtfertigen.