MenüMenü

Hospiz: Ein Abschied in Würde

In den 60er Jahren gründete sich in England die Hospizbewegung. Sie machte es sich zur Aufgabe, Sterbende auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Seit Mitte der 80er Jahre findet der Hospizgedanke bei uns in Deutschland zunehmend Unterstützung.

Wenn nicht mehr Heilung das Ziel der Behandlung ist

Martin nahm die welke Hand, die unter der Decke herausschaute, und streichelte sie sanft. „Ich bin’s, Großvater“, sagte er leise und hielt die Tränen zurück. Johannes Groß lächelte zurück und tätschelte die Hand des Jüngeren. „Na, mein Junge“, sagte er. Sein Blick war verschwommen.

Martin setzte sich an den Bettrand und suchte nach den richtigen Worten. Man fragt schließlich einen Krebspatienten nicht: „Wie geht’s?“ Aber trotz all der Worte, die er sich im Kopf auf dem Hinweg zurechtgelegt hatte, stellte er jetzt genau diese Frage.

Erneut lächelte Johannes. „Gut“, antwortete er. „Es tut gut, wieder zu Hause zu sein.“ Zu Hause, in der gewohnten, gemütlichen Umgebung, zusammen mit und betreut von den geliebten Menschen. Martin hörte seine Verwandten nebenan mit der Krankenschwester reden.

Er schaute sich im Zimmer um. Fotos und Bilder befanden sich an den Wänden, von Großmutter und allen Kindern und Enkeln: Momente aus dem Familienleben der zurückliegenden Jahre. Großvaters gesamtes Leben umgab ihn wärmend, als er sich seinem Ende näherte. Hier findet Hospizbetreuung statt.

Eine ehrwürdige Tradition

Bis zum 20. Jahrhundert verbrachten die meisten Menschen ihre letzten Lebenstage zu Hause, betreut und umsorgt von Familie und Freunden. Diese Tradition nahm ab, seit Krankenhäuser weit verbreitet sind. Seit kurzem erwacht neues Interesse an diesem Brauch der Fürsorge und führte zum Entstehen der Hospizbewegung.

Bei der Hospizbetreuung handelt es sich um einbesonderes Behandlungsangebot für tödlich erkrankte Menschen. Statt die letzten Wochen und Monate in einem Krankenhaus zu verbringen, sind sie bei der Familie und Freunden zu Hause oder in einer Umgebung mit häuslichem Charakter.

Dort findet die Betreuung statt. In der Regel kommen die ambulanten Hospizdienste in die private Wohnung. Zum Teil ruft man sie ins Altersheim oder Seniorenunterkünfte. Des Weiteren gibt es stationäre Hospizeinrichtungen, die auf eine Hospizbetreuung zugeschnitten sind.

Wer sich dafür entscheidet, akzeptiert bereits die Situation des nahenden Todes. Diese Einstellung spiegelt die Betreuung wider. Man stellt die lebensverlängernden Maßnahmen ein. Der Schwerpunkt verlagert sich vom Versuch einer Heilung zu einer Optimierung der Lebensqualität für die verbleibende Zeit. Obwohl die meisten Menschen mit einer Hospizbetreuung an Krebs leiden, steht die Betreuung jedem mit einer tödlichen Krankheit offen.

Steigende Beliebtheit

1974 gab es in den Vereinigten Staaten lediglich ein einziges Hospizprogramm. Heutzutage existieren mehr als 2.800. Etwa 400.000 Personen erhielten 1995 in den USA eine Hospizbetreuung. Einer von sieben Verstorbenen fand seine letzte Betreuung in dieser Umgebung.

In Deutschland gibt es nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz zur Förderung von stationären Hospizen und Palliativ Medizin e. V. in Halle / Saale inzwischen 687 Hospizdienste und -initiativen. Ein Grund für das Anwachsen der Hospizbetreuung ist, dass sie in den meisten Fällen das Verbleiben zu Hause oder in einer Umgebung mit häuslichem Charakter statt im Krankenhaus ermöglicht.

Das Hospiz gibt Sterbenden einen Raum, in dem diese sich gut aufgehoben fühlen und ihren letzten Lebensabschnitt in Würde verbringen. Das sind die Grundprinzipien der Hospiz-Idee:

  • Verzicht auf künstliche lebensverlängernde Maßnahmen
  • ausreichende Behandlung von Schmerzen und anderen beeinträchtigenden Beschwerden
  • Wünsche und Bedürfnisse des Sterbenden sowie seiner Angehörigen stehen im Mittelpunkt
  • viel Zuwendung und eine einfühlsame Begleitung in der letzten Lebensphase, um die Angst vor dem Tod zu mildern

Ein Dienst der Nächstenliebe

Nach Möglichkeit bezieht das Hospiz die Angehörigen in die Pflege mit ein. Sie erhalten die nötige fachliche Anleitung und Unterstützung. So übernehmen Sie als Angehöriger selbst Pflegeverrichtungen. Als ebenso wichtig wie die körperliche Pflege gilt in den Hospizen die spirituelle Begleitung der Sterbenden.

Der Hospizgedanke hat seinen Ursprung im christlichen Dienst der Nächstenliebe. Dennoch sind Hospize offen für Menschen aller Religionen und Weltanschauungen. Auf keinen Fall nutzt man die seelische Notsituation der Kranken und ihrer Angehörigen aus, um zu missionieren oder Mitglieder für eine Kirche zu werben. Bei der seelsorgerischen Begleitung bestimmt der Sterbende den Weg.

Die Mitarbeiter stehen ihm bei der Suche nach den Antworten auf drängende Fragen wie „Warum muss ich jetzt schon sterben?“, „Was für einen Sinn hatte mein Leben?“ oder „Gibt es noch etwas nach dem Tod?“ zur Seite, ohne ihm dabei ihre Sicht der Dinge aufzudrängen. Auf Wunsch des Kranken begleiten ihn kirchliche Seelsorger bzw. Vertreter seiner Religionsgemeinschaft.

Unterstützung durch die Familie

Die meisten Hospizprogramme werden von gemeinnützigen und unabhängigen Institutionen angeboten. Diese umfassen je nach Region ehrenamtliche Initiativen, ambulante Hospizdienste und stationäre Hospize. Zum Teil beraten Hospizmitarbeiter Alters- und Pflegeheimpersonal und schulen es in der Betreuung Sterbender.

In manchen Krankenhäusern sind Palliativstationen angeschlossen, die ähnlich wie ein stationäres Hospiz funktionieren. Allen Hospizprogrammen gemeinsam ist das koordinierte Zusammenwirken der Familienmitglieder, Freunde sowie professionellen und freiwilligen Helfer.

Familie und Freunde übernehmen mit Unterstützung und Anleitung des Hospizteams fast die gesamte Betreuung und Pflege. In anderen Fällen spielt das Team eine aktivere Rolle. Das Hospizteam führt die medizinische Behandlung in der Regel unter der Anleitung des Hausarztes durch, der unter Umständen mit einem Schmerztherapeuten zusammenarbeitet.

Im Normalfall koordiniert eine Krankenschwester oder ein Krankenpfleger die praktischen medizinischen Maßnahmen. Seelsorger und Sozialarbeiter stehen der betreffenden Person und ihrer Familie für Ratschläge zur Verfügung. Sie stellen sicher, dass man ihren sozialen, seelischen und religiösen Bedürfnissen entspricht.

Ausgebildete freiwillige Helfer kümmern sich um eine große Anzahl verschiedener notwendiger Aufgaben: Das Zusammensein mit dem Kranken, das Zubereiten von Mahlzeiten, leichte Hausarbeit und Erledigungsgänge. Die Rollen der einzelnen Teammitglieder in der Zusammenarbeit gehen oft ineinander über, um die am besten geeignete Betreuung für den Kranken zu finden.

Betreuung der Angehörigen

Zur Tätigkeit eines Hospizes gehört unter anderem die Betreuung der Angehörigen, denn diese befinden sich ebenfalls in einer Ausnahmesituation. Viele Angehörige von Schwerkranken haben im Gespräch mit Hospizmitarbeitern das erste Mal das Gefühl, ihre Ängste, Trauer und Verzweiflung offen zeigen zu können.

Die Angehörigen erfahren, dass sie nicht allein sind und schöpfen neue Kraft. Ihre Betreuung endet nicht mit dem Tod des Kranken. Anschließend lässt man sie mit ihrer Trauer nicht allein. Die Begleitung soll den Angehörigen helfen, ihren Abschiedsschmerz zu bewältigen und eigene Ressourcen zu entdecken. So können sie sich nach dem erlittenen Verlust neu orientieren.

Teilstationäre Hospize

Ein stationäres Hospiz ist ein Haus, das in der Regel Platz für maximal 16 Patienten bietet und mehr an eine familiäre Pension als an ein Krankenhaus oder Pflegeheim erinnert. Hier betreut den Schwerkranken ein Team aus Ärzten, Psychologen, Pflegekräften, Krankengymnasten und Ergo-, Musik- oder Kunsttherapeuten.

Angehörige und Freunde des Kranken sind stets willkommen und können hier übernachten. Teilstationäre Hospize betreuen Schwerkranke tagsüber oder stundenweise. Diese Angebote entlasten pflegende Angehörige und ermöglichen dem Kranken ein erweitertes Lebensumfeld. Bislang sind diese Einrichtungen noch selten.

Palliativstationen sind Spezialabteilungen in Krankenhäusern, um Schwerkranken den letzten Lebensabschnitt zu erleichtern. Dazu gehört primär die Linderung von Schmerzen, sodass man den Kranke in eine andere Einrichtung (z. B. ein Hospiz) oder auf Wunsch nach Hause entlässt.

Im ambulanten Hospizdienst arbeiten Ärzte, Schmerztherapeuten und Pfleger sowie speziell geschulte ehrenamtliche Laien. Sie unterstützen die Angehörigen bei der Sterbebegleitung zu Hause, im Krankenhaus oder im Pflegeheim.

Freiwillige Entscheidung für ein Hospiz

Keinen schwerkranken Menschen weist man ohne seine Zustimmung in ein Hospiz ein. Die Aufnahme erfolgt aus freien Stücken. Voraussetzung ist das Vorliegen einer nicht heilbaren Erkrankung, die eine geringe Lebenserwartung zur Folge hat.

Weitere Kriterien sind, dass eine Krankenhausbehandlung nicht erforderlich bzw. eine angemessene Versorgung des Kranken zu Hause nicht möglich ist. Dies sollte der Patient mit einem Attest des behandelnden Arztes belegen.

Die Betreuung eines Sterbenden ist eine seelische und körperliche Herausforderung. Dies trifft besonders für Familienangehörige zu, die die Grundpflege übernehmen. Sie schöpfen jedoch Trost aus der Gewissheit, dass die Hospizbetreuung ein Akt des Mitgefühls ist. Er verbessert die Lebensqualität aller Beteiligten.

Zuschüsse der Krankenkassen

Trotz des Engagements der zahlreichen ehrenamtlichen Helfer ist Hospizarbeit kostenintensiv. So betragen die Kosten pro Patient zwischen 175 und 250 Euro pro Tag. Davon übernimmt der Träger der Einrichtung 10 Prozent selbst. Die Kranken- bzw. Pflegekassen zahlen sehr unterschiedliche Zuschüsse.

Wie viel der Kranke bzw. seine Angehörigen beitragen, ist sehr verschieden: Manche Hospize brauchen erst die vorhanden Spenden und Krankenkassenmittel auf, bevor sie vom Patienten eine Zuzahlung verlangen. In diesem Fall kann ein kurzer Aufenthalt im Hospiz kostenlos sein.

Andere Häuser verlangen vom ersten Tag an einen Eigenanteil, der zwischen 10 und 70 Euro liegt. Falls die Hospizunterbringung am Geld zu scheitern droht, setzen Sie sich mit dem Sozialamt in Verbindung. Dieses übernimmt im Notfall die Kosten.

© FID Verlag GmbH, alle Rechte vorbehalten