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Psyche: Neue Hilfe aus der Gehirnforschung bei schweren Seelenkrisen

von Sylvia Schneider, Chefredakteurin von „Gesundheit für Frauen“, dem Dienst, der Frauen praktische Informationen für ein aktives Leben gibt

„Die neue Medizin der Emotionen“ hat der Autor David Servan-Schreiber sein brandaktuelles Buch über eine kleine Sensation in der Psychotherapie genannt. Mit Hilfe der neuen Therapiemethode EMDR lassen sich seelische Probleme häufig schneller heilen als mit klassischen Mitteln. Hinter dem Kürzel versteckt sich der englische Begriff Eyemovement Desensitization and Reprocessing – was so viel bedeutet wie Desensibilisierung und Neuverarbeitung durch Augenbewegungen. Diese Methode hilft nach Aussagen von Experten Menschen vor allem nach traumatischen Erlebnissen wie etwa einer Fehlgeburt, einem Todesfall, einer schweren Erkrankung oder dem Verlust des Arbeitsplatzes. Sie wurde vor einigen Jahren am Mental Research-Institut in Kalifornien von der Psychologin Francine Shapiro entwickelt. Inzwischen gibt es auch einige EMDR-Therapeuten in der Bundesrepublik. Grundlage dieser neuen medizinischen Richtung sind die Erkenntnisse der Hirnforschung: Jeder Mensch hat zwei Gehirnhälften, mit denen er unterschiedliche Dinge steuert. Die eine Hälfte ist für die Gefühle zuständig, die andere für den Verstand. Wir fühlen uns am wohlsten, wenn die beiden Hälften einträchtig miteinander funktionieren. Normaler Stress perlt an uns ab, und kleinere Krisen meistern wir souverän.

Doch passiert uns etwas Gravierendes, greift unser Hirn zu einer Notfallmaßnahme: Es schaltet den Verstand einfach ab und lässt die Gefühle walten. Das führt jedoch leider dazu, dass wir uns und die Situation nicht mehr unter Kontrolle haben. Dieser Zustand ist normalerweise nicht von Dauer. Wird das Ereignis von der Psyche jedoch als besonders schwerwiegend empfunden, kann gewissermaßen eine falsche Verdrahtung entstehen: Wenn Sie ein schweres Trauma erleben, werden die schlimmen Erinnerungen bruchstückhaft in unterschiedlichen Gehirnarealen abgespeichert und sind daher nicht richtig zugänglich. Diese Erinnerungsbruchstücke können Sie zu passenden wie unpassenden Anlässen immer wieder überfallen und Ihren Verstand außer Kontrolle setzen. Bei einer „erfolgreichen“ Traumaverarbeitung hingegen wird das Ereignis im Ganzen erinnert – mit den dazugehörigen Bildern, Gefühlen, Gedanken und sonstigen Sinneseindrücken. Es hat sich dann im Gedächtnis eingegraben als ein Ereignis der Vergangenheit, das mit einem gewissen Abstand betrachtet werden kann und nicht immer wieder unkontrolliert die gesamte Gefühlswelt aus der Bahn wirft .

Wohlmeinende Ratschläge helfen Ihnen in Psycho-Krisen am wenigsten

Das ist meist der Zeitpunkt, an dem uns wohlmeinende Freunde mit guten Ratschlägen à la „Die Zeit heilt alle Wunden!“ zu gelfen versuchen. Wer etwas älter ist, weiß aus eigener Erfahrung, dass dieser Spruch durchaus seine Gültigkeit hat, doch in der Not hilft uns dieses Wissen gar nichts, denn wir spüren es nicht. Die Gefühle lassen sich nichts einreden und der Verstand bleibt ausgeschaltet. Gleichzeitig schämen sich viele Menschen dafür, dass sie es in diesem Moment „einfach nicht schaffen, sich wie ein normaler Mensch zu benehmen“. Doch sie tun eben genau dieses, denn jeder „normale Mensch“, dessen Gehirn gesund ist, reagiert so.

Dafür ist der so genannte Mandelkern – die Amygdala – in unserer Gefühlszentrale, dem limbischen System, verantwortlich. Im Mandelkern sind alle unsere gefühlsmäßigen Erinnerungen unauslöschbar gespeichert. Sie lassen sich durch nichts beeinflussen, sie lassen sich nicht aus uns herausheulen, nicht wegdiskutieren, nicht totschweigen, nicht durch einen Wutanfall beseitigen – ob sie gut sind oder schlecht, sie sind unsere treuen lebenslänglichen Begleiter. Der Mandelkern reagiert sogar auf Gerüche und Geräusche: Riechen wir den Duft, den wir mit einer verflossenen Liebe verbinden, tauchen auch die alten Gefühle wieder auf. Wer einen Unfall erlebt hat, schreckt bei bestimmten Geräuschen auf und durchlebt noch einmal die Emotionen der Situation.

Mit den Augen die Gehirnhälften synchronisieren

Hier setzt EMDR an: Über die Augen, die Haut und durch den Magen soll unser emotionales Gehirn in der Krise beruhigt werden. Die Methode klingt einfach, ihre Wirkung ist dagegen schwer zu erklären: Die Therapeutin oder der Therapeut bewegt seine Hand vor Ihren Augen schnell hin und her, von links nach rechts. Während Sie der Hand folgen, denken Sie intensiv an das Trauma, das Sie bewegt. Manchmal tippt der Therapeut abwechselnd die Hände an oder schnippst laut mit den Fingern vor den Ohren. Dadurch sollen beide Gehirnhälften gleichsam aktiviert werden, und die Gefühle sollen wieder Kontakt zum Verstand aufnehmen. Detail für Detail geht der Therapeut mit Ihnen das traumatische Erlebnis durch.

Bekannt ist, dass wir ähnliche Augenbewegungen auch im Schlaf machen – in der so genannten REM-Phase (REM steht dabei für Rapid Eye Movement = schnelle Augenbewegungen). Dadurch verknüpfen wir über die Nervenbahnen neue gute Gefühle an ein negatives Ereignis und verarbeiten so nachts die Tagesereignisse. Bei großen psychischen Belastungen gelingt uns das nicht mehr. Die Hand des Therapeuten in der EMDR-Sitzung ahmt die nächtlichen Augenbewegungen nach und soll so die Selbstheilung des Gehirns ankurbeln. Wie das genau funktioniert, können die Forscher bislang noch nicht erklären. Die Augenbewegungen scheinen die beiden Gehirnhälften wieder in Verbindung zu bringen. Die traumatischen Gefühle können aus ihrer Starre aufgelöst werden. Auf jeden Fall soll sich in etlichen Fällen bereits nach ein bis zwei Sitzungen eine Besserung einstellen. Das sind immerhin die Erkenntnisse der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.

Es gibt noch einige andere Wege, die beiden Gehirnhälften gleichermaßen zu aktivieren: Von ähnlichen Erfolgen weiß auch die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) zu berichten. Ihre Vorstellung von der Lebensenergie Qi, die unseren Körper in harmonischen Bahnen – den Meridianen – durchfließt, sofern wir gesund sind, ist Grundlage der Behandlung. Sind wir im Stress oder ist unsere Seele krank, kann Qi nicht richtig fließen, und es kommt zu einem Stau unserer Lebenskraft auf den Bahnen des Qi. Mit Hilfe der Akupunktur können diese Blockaden wieder gelöst werden. Auf den Meridianen gibt es bestimmte Punkte, die den Mandelkern bei Angst und Erregungszuständen beruhigen und harmonisieren. Zehn bis zwölf Behandlungen sollen der aufgeschreckten Seele die nötige Widerstandskraft zurückbringen.

Laufen hilft Ihrem erregten Mandelkern

Auch Bewegung wirkt direkt auf den Mandelkern. Wenn Sie in einer Psycho-Krise stecken, reagiert Ihr Mandelkern nämlich wie ein überrumpelter Wachposten: Er schlägt aus lauter Panik ständig falschen Alarm. Das führt dazu, dass Sie ständig überreizt sind und auch auf Kleinigkeiten reagieren, als wäre das der Weltuntergang. Der Körper wird mit Stresshormonen überflutet, die vor allem durch Bewegung abgebaut werden können. Experten für posttraumatische Stresserscheinungen raten deshalb, sich in psychischen Notfällen unbedingt viel zu bewegen, denn das bremst die Ausschüttung von Kortisol und Noradrenalin und beruhigt die aufgebrachte Gehirnhälfte wieder. Selbst wenn Sie am liebsten den Kopf in den Sand stecken würden, laufen Sie den schädlichen Stressstoffen lieber davon.

So finden Sie einen EMDR-Therapeuten:

Es gibt einige Therapeuten, die dieses neue Verfahren anbieten. Sie sollten über ein EMDR-Zertifikat verfügen. Am besten fragen Sie danach. Beratung und Listen von Therapeuten bietet das EMDRInstitut Deutschland an: Tel.: 02204/2 58 66 oder im Internet unter www.emdria.de

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