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Kann Ihr Kampfgeist Krankheiten besiegen?

von Sylvia Schneider

Natürlich von Tag zu Tag, Einfälle und Ausfälle

Wieso überwinden manche Menschen schwere Krankheiten, während andere ihnen erliegen? Wie schaffen es manche Krebspatienten, ihrer Krankheit zu trotzen, wo andere dem Tod geweiht sind? Dass Todkranke trotz anderer medizinischer Vorhersagen weiterleben, passiert nicht oft, aber immer wieder.

Nein, eine Wunderheilung war es nicht, von allein ist sie nicht wieder gesund geworden. „Es war meine eigene Kraft und ein ganzes Stück harter Arbeit“, erklärte mir NA-Leserin Annika M. kürzlich. Vor 5 Jahren wurde bei ihr Brustkrebs entdeckt, 3 Jahre später Metastasen in den Knochen, 1 Jahr darauf Tochtergeschwülste in der Lunge. Heute ist sie 46 und, wie sie sagt, kerngesund.

Spontanheilung oder spontane Remission nennen Experten dieses Phänomen. Schwerkranke Menschen, denen keiner noch eine Chance gab, werden ohne Einwirkung von außen wieder gesund. Offenbar ohne Behandlung. Einfach so. Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas Unwahrscheinliches passiert, könnte bei 1: 80 000 liegen, haben Wissenschaftler vor einiger Zeit einmal spekuliert. Die amerikanische Biochemikerin Caryle Hirshberg, die sich inzwischen seit fast 20 Jahren mit dem Thema Selbstheilung befasst, glaubt jedoch, dass dieses Phänomen weitaus häufiger auftritt. Sie sagt, dass viele dieser plötzlichen Genesungen gar nicht bekannt werden, weil die betreuenden Ärzte nicht wissen, wie sie das einordnen und wie sie sich das erklären sollen. Zum anderen scheuen sie sich auch davor, Schwerkranken vielleicht unbegründet Hoffnung zu machen.

Im Institut für Bewusstseinswissenschaften in San Francisco werden solche Fälle gesammelt, weil die Forscher versuchen wollen, diese „Wunderheilungen“ zu begreifen. Caryle berichtet von Menschen, die Krebs im fortgeschrittenen Stadium hatten, die nicht mehr behandelt und trotzdem wieder gesund wurden. Auch Fälle von Krebskranken, die sich für eine ganz persönliche Kombination von alternativen und schulmedizinischen Heilweisen entschieden hatten (teilweise gegen den Rat ihres Arztes) oder Menschen, die entdeckten, dass ihre Krankheit seelische Ursachen hatte, wurden wieder gesund. Bei chronischen Krankheiten wie Asthma oder Arthritis, Rheuma oder Haut- und Nervenkrankheiten sind ebenso Spontanheilungen bekannt geworden.

Die Selbstheilungskräfte stecken auch in Ihnen

Zwei Drittel aller Krankheiten ließen sich mit dem inneren Heiler mildern oder sogar verhindern, dessen ist sich Professor Wolfgang Schüffel, Leiter der Klinik für Psychosomatik an der Universität Marburg sicher. Wie schaffen es Gefühle, wie schafft es Ihr Geist, den Organismus so zu beeinflussen, dass Sie gesund oder krank werden? Ganz ist man dem noch nicht auf die Schliche gekommen. Ein gemeinsamer Nenner fast aller Geheilten ist die ausgeprägte Bereitschaft, den Kampf gegen die Krankheit aufzunehmen. Das wird von den meisten Forschern bestätigt. Dazu gehört vor allem die Weigerung, sich passiv in das Schicksal zu fügen. Wer wieder gesund werden will, überlässt es nicht allein den Ärzten für Heilung zu sorgen. Wenn Menschen Verantwortung für ihren Heilungsprozess übernehmen, gehen sie nur ganz selten konform mit der herkömmlichen Medizin, sie suchen zusätzlich ihre eigenen Wege.

Sie versuchen, ihre echten inneren Bedürfnisse zu erspüren, ihre Instinkte zu schulen, ihre Lebensziele und Wertvorstellungen zu überprüfen. Caryle Hirshberg hat bei ihren Studien die Überprüfung der seelischen Anteile an der Entstehung der Krankheit als wichtigsten Selbstheilungsfaktor ausgemacht.

Heilende Zusammenhänge sehen

„Kohärenz“ lautet dafür das wissenschaftliche Zauberwort: Das ist die Fähigkeit, in schwierigen Situationen die eigenen Ressourcen zu entdecken und zu mobilisieren. Die Betroffenen verfügen über ein Gefühl für Zusammenhänge (Kohärenz) des Lebens, das eine schützende und heilende Wirkung entfalten kann. Sie versuchen ihr Problem in ihren Lebenszusammenhang zu stellen, zu analysieren, es in den Griff zu bekommen und einen tieferen Sinn darin zu sehen, der sie weiterbringen wird – trotz widriger Umstände. Dieses so genannte Kohärenzgefühl ist ein tief im Menschen verankertes Vertrauen darauf, dass das Leben es unter allen Umständen wert ist, sich dafür zu engagieren.

Die Frage, die sich schnell aufdrängt: Sollen sich Schwerkranke nun eher auf ihre Selbstheilungskräfte als auf die Schulmedizin konzentrieren? Das wäre ein großer Fehler, denn man sollte alle Möglichkeiten zur Heilung wahrnehmen, traditionelle und neue Wege gehen. Sinnvoll ist es auf alle Fälle, sich vertrauenswerte Ärzte und Ärztinnen zu suchen, die auch die Gefühle und die individuelle Auseinandersetzung mit der Krankheit nicht außer Acht lassen, die ihre Patienten ermutigen, zusätzlich zur Schulmedizin etwas für sich selbst zu tun. Denn der Heilungsprozess ist etwas sehr Persönliches.

Viele Menschen verändern während einer schweren Krankheit ihr Leben. Sie stellen sich selbst in den Mittelpunkt und versuchen zu tun, was sie schon immer tun wollten, wovon sie vielleicht immer geträumt haben. Manche holen sich auch psychotherapeutische Hilfe, wenn sie bestimmte Lebensprobleme lösen wollen. Einige meditieren, andere wenden sich verstärkt ihrem Glauben oder der Natur zu. Geborgenheit in der Familie oder in der Partnerschaft ist ebenso wichtig wie ein Freundeskreis oder eine Selbsthilfegruppe, die einen auch in schlechten Tagen auffangen. Das gibt die gefühlsmäßige Sicherheit, die in solchen Krisen die Heilung unterstützen kann und somit überlebenswichtig ist.

Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist

Aber wie das mit Wundern so ist: Sie ereignen sich letztlich doch, ohne dass man sie vorhersagen kann. Bei vielen Menschen lässt sich der drohende Tod oder die schlimme Erkrankung nicht besiegen. Das kann man dem Betroffenen nicht vorwerfen. Der Krebsforscher Professor Walter Gallmeier, unter dessen Leitung in Nürnberg über Spontanheilungen geforscht wird: „Spontanremissionen kann man nicht herbeiführen, weder Arzt noch Patient kann das bewusst auslösen, dass heißt, man kann sie auch nicht schuldhaft versäumen.“ Wer an seiner Krankheit stirbt, dem kann man nicht vorwerfen, er habe nicht genug gekämpft oder seine Selbstheilungskräfte nicht genügend mobilisiert. Andererseits macht Gallmeier uns aber auch Hoffnung: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist!“

Wie sehen Sie das?

P. S.: Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg befasst sich ebenfalls seit längerem mit dem Phänomen der Selbstheilung. Das Handicap bei der Erforschung der Spontanheilung liegt in der Sache selbst. „Wir kommen ja sozusagen immer erst nach dem Essen dazu“, formuliert es der Mediziner Dr. Herbert Kappauf vom Institut für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Klinikum der Stadt Nürnberg wo – gefördert vom DKFZ – ebenfalls Fallgeschichten von Spontanheilungen gesammelt und ausgewertet werden. „Solche Remissionen sind leider nichts, was man messen kann!“

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