Depression: Interview mit Dr. Rome über den Einsatz von Antidepressiva
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Seitdem Prozac 1987 von der amerikanischen Gesundheitsbehörde freigegeben wurde, haben sich nahezu 6 Millionen Amerikaner dieses Medikament in ihr Arzneischränkchen gestellt. Es handelt sich um das meistverordnete Präparat gegen Depressionen. Doch neue Psychopharmaka lindern Beschwerden mit geringeren Nebenwirkungen.
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Prozac und andere Arzneimittel mit ähnlicher Wirkung bilden eine neue Generation von Antidepressiva, die zur Behandlung schwerer depressiver Zustände und der sogenannten Zwangskrankheit eingesetzt werden.
Diese neuartigen Antidepressiva scheinen sich auch positiv auf störende Charaktereigenschaften, wie Schüchternheit, zwanghafte Handlungsweisen, Furcht vor Ablehnung und Überempfindlichkeit, auszuwirken.
Obwohl diese Arzneimittel die Beschwerden lindern, stellen sich wegen der stimmungshebenden Wirkung zunehmend ethische Fragen.
Um mehr darüber zu erfahren, führte der Mayo Clinic Gesundheitsbrief ein Interview mit Dr. Jeffrey D. Rome, Psychiater an der Mayo Clinic.
Frage:
Was ist Prozac?
Dr. Rome:
Prozac gehört zu einer Gruppe von Anti-depressiva, den sogenannten selektiven Serotoninwiederaufnahme-Hemmern (SSRI)
Im Augenblick sind, auch in Deutsch-land, folgende Präparate auf dem Markt: Fluoxetin (Prozac®, Fluctin®) und Paroxetin (Seroxat®, Tagonis®), Fluvoxamin (Fevarin®) und Sertralin (Gladem®).
Frage:
Wie funktionieren diese SSRIs?
Dr. Rome:
Sie wirken auf einen bestimmten Neurotransmitter im Gehirn, das Serotonin. Ein Neurotransmitter ist eine Substanz, die bei der Aussendung und beim Empfang von Signalen durch die Gehirnzellen (Neuronen) beteiligt ist.
SSRIs sorgen dafür, daß eine größere Menge an Serotonin zwischen den Neuronen zur Verfügung steht, so daß die Signale leichter übermittelt werden können. Experimente haben ergeben, daß Serotonin eine Schlüsselrolle bei den verschiedenen Gemütszuständen spielt, besonders bei Depressionen.
Frage:
Für welchen Zeitraum werden die SSRIs verschrieben? Können sie unbegrenzt eingenommen werden?
Dr. Rome:
Es gibt keine starren Regeln. Es ist allgemein üblich, SSRIs bei schweren Depressionen für mindestens 6 Monate zu verordnen.
Bei einigen Zuständen, wie etwa Zwangskrankheit, kehren die Beschwerden mit großer Wahrscheinlichkeit zurück. Hier müssen sie auf Jahre verordnet werden.
(Anmerkung: Prozac ist der einzige SSRI, der mit Genehmigung der amerikanischen Gesundheitsbehörde zur Behandlung von Zwangsneurosen eingesetzt werden darf.)
Frage:
Welche sind die Nebenwirkungen der SSRIs?
Dr. Rome:
Meine Kollegen und ich sehen bei den SSRIs nur wenig ernsthafte Probleme. Die kurzzeitigen Nebenwirkungen sind im Normalfall gering. Dies ist ein entscheidender Vorteil gegenüber anderen Antidepressiva. SSRIs machen nicht abhängig, so daß dies nicht zu Mißbrauch führen kann, wie das bei Schlaf- oder Beruhigungsmitteln manchmal der Fall ist.
Wenn Nebenwirkungen auftreten, kommt es zu einem veränderten Schlafrhythmus, der sich normalerweise in Schlaflosigkeit ausdrückt. Dies ist ein koffeinähnlicher Effekt, der zu Angstzuständen und Ruhelosigkeit, Verdauungsbeschwerden, Appetitverlust, sexuellen Problemen, wie Libidoverlust, und zu gelegentlichen Hautausschlägen führt.
Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, daß es bei den SSRIs nicht zu Langzeitnebenwirkungen kommen kann. Doch bis zum jetzigen Zeitpunkt liegen noch keinerlei Hinweise darauf vor.
Frage:
Vor einigen Jahren wurde Prozac in einem wissenschaft-lichen Bericht in Zusammen-hang mit Selbstmord erwähnt. Haben weitere Hinweise diese Hypothese bestärkt?
Dr. Rome:
Die neueren Studien, die über SSRIs, u.a. auch über Prozac, durchgeführt werden, deuten darauf hin, daß das Risiko hinsichtlich der Selbstmordneigung relativ niedrig ist. Wahrscheinlich liegt es in der gleichen Größenordnung wie die Risiken, die in Verbindung mit anderen Antidepressiva auftreten. SSRIs vermin-dern vielmehr bei vielen Patienten. die an schweren Depressionen leiden, das Risiko von selbstzerstörerischen Verhaltensweisen.
Frage:
Wie reagieren die Patienten allgemein auf SSRIs?
Wenn Depressionen vorliegen, hellt sich die Stimmung auf. Bei Zwangskrankheit ist bei den Gedankengängen, die sich sinnlos im Kreise drehen, sowie bei den irrationalen Verhaltensweisen ein rückläufiges Auftreten zu verzeichnen.
Bei Beschwerden, die mit Angstzuständen einhergehen, wird der Patient ruhiger. Reagiert eine Person auf ein Medikament nicht positiv, probieren wir unter Umständen ein anderes aus.
Frage:
Können SSRIs auch persönliche Charaktermerkmale verändern, wie etwa Empfindsamkeit, Schüchternheit, zwanghaftes Verhalten und Mangel an Lebensfreude?
Dr. Rome:
Ja. Denken Sie jedoch daran, daß das, was Sie als einen individuellen Charakterzug betrachten, unter Umständen ein wesentlicher Bestandteil einer zugrundeliegenden Erkrankung ist, wie etwa einer Depression. Ein Patient, der unter Depressionen leidet, zeigt – wenn überhaupt – nur sehr wenig Lebensfreude.
Sie haben aber recht, in bestimmten Fällen können sich diese störenden Charaktereigenschaften tatsächlich bessern.
Frage:
Können Sie ein Beispiel nennen?
Dr. Rome:
Nehmen wir beispielsweise einen Patienten, der so sehr auf Reinlichkeit bedacht ist, daß seine Lebensqualität durch das Bedürfnis, stets alles ordentlich und sauber zu halten und Keime zu vermeiden, negativ beeinträchtigt wird.
Dieses Verhalten stellt zwar keine wirkliche Zwangsneurose dar, das Bedürfnis, öfter sich die Hände zu waschen und Fußböden zu schrubben, kann jedoch die intakte Gefühlswelt verändern.
Wir haben herausgefunden, daß SSRIs helfen können, dieses Verhaltens-muster zu durchbrechen. Im Idealfall heißt das, wenn der Boden einmal gereinigt wurde, ist die Angelegenheit erledigt, und der Patient beharrt nicht mehr darauf, die Arbeit wieder von vorne zu beginnen.
Frage:
Orientieren sich nun aufgrund der günstigen Wirkung bei dieser Art von Veranlagung die Psychiater bei der Verordnung von stimmungsaufhellenden Medikamenten neu?
Dr. Rome:
Richtig. Die Risikofreiheit und die Wirksamkeit der SSRIs haben dazu beigetragen, daß der Einsatzbereich der stimmungsaufhellenden Medikamente ausgedehnt wurde. Wir können heute eine medikamentöse Behandlung bei Leiden in Betracht ziehen, die wir früher nicht mit Medikamenten therapiert hätten.
Frage:
Was bedeutet dies für Jugendliche? Wir schärfen ihnen stets ein, die Lösung von Problemen nicht in Medikamenten zu suchen.
Dr. Rome:
Das ist eine wichtige Frage. Die Verfügbarkeit dieser Medikamente hat das Interesse an den ethischen Fragen neu geweckt, die sich auf den Unterschied zwischen ärztlich verordneten Stimmungsaufhellern und dem illegalen Einsatz von Medikamenten beziehen, die die Psyche beeinflussen.
Es geht aber nach wie vor um die altbekannte Frage sachgerechter oder mißbräuchlicher Anwendung. Werden SSRIs gezielt verordnet, können sie für ein Leiden wie Depressionen eine Behandlungsmöglichkeit sein.
Frage:
Persönliche Charaktereigenschaften können demnach durch einen chemischen Wirkstoff sehr leicht beeinflußt werden – welche Rückschlüsse läßt dies auf die sogenannte Persönlichkeit zu?
Dr. Rome:
Ich denke nicht, daß die Entdeckung eines neuen Medikamententyps, der bei der Kontrolle der Psyche und des Verhaltens unterstützend wirkt, wirklich das verändert, was ich unter dem Begriff Persönlichkeit verstehe. Es hat schon immer Substanzen gegeben, die die Gefühlswelt und die Verhaltensweise von Menschen beeinflussen.
Es gibt andere Faktoren, die ebenfalls das beeinträchtigen, was wir unter Persönlichkeit verstehen. Das Alter zum Beispiel. Der Alterungsprozeß wirkt sich auf Emotionen und Verhaltensweisen aus.
Die Lebenserfahrung ist ein weiterer Faktor. Auch unser Gesundheitszustand hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir uns verhalten. Wenn wir krank sind, empfinden und handeln wir anders, als wenn wir gesund sind.
In dem Buch „Listening to Prozac ” gibt es eine Stelle, an der die Komplexität des menschliches Geistes und auch die Schwierigkeit beschrieben wird, das Wesen der Persönlichkeit zu bestimmen. Sie lautet „Wenn unser Geist so einfach strukturiert wäre, daß wir ihn erfassen könnten, würden wir zu einfach strukturiert sein, um ihn zu erfassen.”
Frage:
Was würden Sie jemandem empfehlen, der nicht unter wirklichen Depressionen leidet, sich aber ganz einfach „wohler fühlen” möchte?
Dr. Rome:
Die Entscheidung, Psychopharmaka einzunehmen, ist eine ernsthafte Entschei-dung. Jeder Patient sollte soweit wie möglich Wege finden, um sein Leben angenehm und befriedigend zu gestalten, ohne ein Medikament dazu einnehmen zu müssen.
Fühlt sich ein Patient psychisch nicht wohl, sollte er einen Arzt, Psychiater oder auch eine psychologische Beratungsstelle aufsuchen. Nachdem die Diagnose gestellt ist, erhält der Patient verschiedene Therapiealternativen zur Auswahl. Eine Möglichkeit kann in der Einnahme von Medikamenten bestehen.
Medikamente allein stellen oft eine unvollständige und unbefriedigende Lö-sung dar. Es kann sein, daß eine Veränderung der Aktivitäten, eine Beratung über Möglichkeiten der sozialen Eingliederung in die Gesellschaft oder auch die gemeinsame Besprechung eines Problems ausreicht, um das psychische Wohlbefinden zu heben. Die Ansicht, daß die SSRIs jemandem, der sich psychisch gut fühlt, ein Gefühl der Euphorie vermitteln, ist nicht richtig.
Frage:
Trifft es Ihrer Meinung nach zu, daß SSRIs die Notwendigkeit einer Psychotherapie bzw. „Gesprächstherapie” verringern?
Dr. Rome:
Möglicherweise. Die vollständige ärztliche Versorgung eines Patienten besteht nicht allein darin, ihm ein SSRI zu verordnen und zu sagen: „In 6 Monaten sehen wir uns wieder.“ Sie erfordert vielmehr einen fortgesetzten Dialog über Gesundheit, Beschwerden, Reaktionen auf die Medikamente und über die Lebensumstände.
Andererseits können diese Präparate, da sie so gut vertragen werden und so effektiv sind, möglicherweise die Lang-zeit-Psychotherapie verkürzen, die manche Patienten brauchen, um mit sich selbst und mit ihrer Umgebung gut zurechtzukommen.
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