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Depression: Anerkannte Volkskrankheit oder Tabuthema?

Sie hielten eine Depression immer für eine Form von Schwäche und dass man mit der richtigen Einstellung und Selbstdisziplin alles überstehen kann. Wenigstens galt das für Sie bis zu dem Zeitpunkt, als bei einem Ihnen nahestehenden Menschen eine Depression festgestellt wurde und die Behandlung begann. Nachdem Sie mit ihm gesprochen haben und die neuen medizinischen Möglichkeiten kennen, haben Sie Ihre Meinung geändert. Sie haben gelernt, dass die Depression tatsächlich eine schwere, manchmal sogar lebensbedrohliche Erkrankung darstellt. Menschen mit einer Depression sind nicht einfach traurig, schwach oder melancholisch. Sie leiden unter einer klar umrissenen und behandelbaren Krankheit.

Wer bekommt eigentlich Depressionen und warum?

Depressionen können in jedem Alter auftreten. Typischerweise erscheint die erste Episode im Alter zwischen 25 und 44 Jahren. Bei älteren Menschen kommt es nicht häufiger vor, aber sehr wahrscheinlich wird die Erkrankung in dieser Altersgruppe häufiger übersehen. Depressionen tauchen selten bei verheirateten Menschen (vor allem Männern) auf; gleiches gilt für solche, die in einer langen, stabilen Beziehung leben. Dagegen sind geschiedene oder allein stehende Personen häufiger davon betroffen.

Schwere Depressionen, Dysthymien und Winterdepressionen sind eher bei Frauen zu beobachten. Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede beruhen wahrscheinlich auf biologischen Faktoren wie Hormonen und unterschiedlichen Konzentrationen an Neurotransmittern.

Mögliche Auslöser

Eine Depression hat immer mehrere Ursachen. Experten glauben, dass eine Kombination aus Veranlagung (Depressionen treten oft familiär gehäuft auf) und Umweltfaktoren wie Stress oder eine schwere (körperliche) Krankheit zu einem Ungleichgewicht der Neurotransmitter führen, die für eine Depression typisch sind. Im Folgenden finden Sie einige Ursachen von Depressionen:

  • ererbte Vulnerabilität – Wenn in Ihrer Familie schon Depressionen aufgetreten sind, tragen Sie ein erhöhtes Risiko, auch daran zu erkranken. Forscher haben einige Gene identifiziert, die eventuell mit manischer Depression zusammenhängen. Sie suchen nach weiteren Genen, die mit anderen Formen der Depression in Verbindung stehen.
  • Auslöser in der Umwelt – Belastende Ereignisse, besonders ein Verlust oder ein drohender Verlust, können Depressionen auslösen. Dazu gehören der Tod einer geliebten Person, eine Scheidung, das Ende einer bedeutsamen Beziehung, der Verlust des Arbeitsplatzes, finanzielle Probleme und der Verlust von Gesundheit und Unabhängigkeit.
  • Medikamente – Die langfristige Einnahme bestimmter Medikamente kann Symptome einer Depression bei manchen Leuten hervorrufen. Dazu gehören der Beta-Blocker Propanolol (Dociton®), einige andere Blutdruck-Präparate, Arzneimittel gegen Arthrose und Parkinson. Selten werden depressive Symptome auch von steroidhaltigen Mitteln (Prednison, Cortison und orale Kontrazeptiva) oder Anti-Krebsmitteln hervorgerufen.
  • Krankheiten – Menschen mit chronischen Krankheiten wie etwa Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Diabetes, Krebs und Alzheimer sind depressionsgefährdet. Studien zeigen einen noch zu klärenden Zusammenhang zwischen Depressionen und Herzerkrankungen. Depressionen treten bei bis zu 50 Prozent aller Herzinfarkt-Patienten auf. Untersuchungen haben ergeben, dass Männer, die an Depressionen litten, dreimal häufiger Herzkrankheiten hatten als nicht-depressive Männer. Forscher vermuten, dass Depressionen lebensbedrohliche Änderungen des Herzrhythmus bei Patienten verursachen können, die sich gerade von einem Herzinfarkt erholen. Eine andere Studie belegt, dass depressive Männer mit höherer Wahrscheinlichkeit an der Koronaren Herzkrankheit erkranken. Eine Schilddrüsen-Unterfunktion, auch wenn sie nur geringfügig ausgeprägt ist, kann zu Depressionen führen. Und Depressionen können ein Signal für eine noch verborgene Erkrankung sein: Pankreaskrebs, Gehirntumor, Multiple Sklerose, Alzheimer und Parkinson.
  • Persönlichkeit – Einige Charakterzüge können Menschen für Depressionen anfällig machen: Ein geringes Selbstwertgefühl und übertriebene Abhängigkeit, Selbstkritik, Pessimismus und eine geringe Belastbarkeit.
  • Alkohol, Nikotin und Medikamentenmissbrauch – Früher glaubten die Experten, dass depressive Menschen Nikotin, Alkohol und Stimmungsaufheller benutzen, um sich aus ihrem Seelentief zu ziehen. Aber neue Studien zeigen, dass die Einnahme dieser Substanzen Depressionen und Angstzustände verstärken kann. Etwa 30 Prozent aller depressiven Menschen und 60 Prozent aller Manisch-Depressiven nehmen zu viel Alkohol und Medikamente ein. Wenn in der Familie Alkoholismus vorkommt, steigt das Risiko, manisch-depressiv zu werden. Hinzu kommt, dass depressive Menschen mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit nikotinabhängig sind.
  • Ernährung  – Ein Mangel an Folsäure und Vitamin B12 kann die Symptome einer Depression hervorrufen. Und eine geringe Konzentration dieser beiden Nährstoffe im Blut kann auch die Wirkung der Antidepressiva herabsetzen.

So stellt man eine Depression fest

Um eine Depression zu diagnostizieren, wird Ihr Arzt mit einer körperlichen Untersuchung beginnen. Ferner wird er Tests vornehmen, die Erkrankungen ausschließen sollen, bei denen ähnliche Symptome vorkommen. Wenn der Arzt Anzeichen einer schweren Depression wahrnimmt oder einen Selbstmord befürchtet, wird er den Patienten vielleicht an einen Psychiater überweisen oder sofort in ein Krankenhaus einliefern.

Kinder, Jugendliche und ältere Personen können anders auf Depressionen reagieren. Bei diesen Gruppen können die Symptome eine andere Form annehmen oder von anderen Symptomen maskiert werden. Für die manische Phase sind folgende Symptome typisch:

  • Stimmungsschwankungen – Sie können sich ungewöhnlich gut fühlen, verspüren ein übertriebenes Selbstwertgefühl und halten sich für besonders großartig.
  • Verhaltensänderungen – Vielleicht brauchen Sie auf einmal weniger Schlaf als gewöhnlich und platzen regelrecht vor Schaffenskraft. Vielleicht reden Sie besonders viel, Ihnen jagen tausend Ideen durch den Kopf und Sie lassen sich leicht ablenken. Einige Menschen stürzen sich in riskante Aktivitäten und gehen verschwenderisch mit ihrem Geld um.

Trotz zunehmender Häufigkeit noch ein Tabu

Bildgebende Verfahren wie zum Beispiel die Kernspintomographie zeigen, dass Menschen mit einer Depression eine verringerte Aktivität in bestimmten Hirnregionen im Vergleich zu Menschen ohne Depression aufweisen. Das deutet darauf hin, dass eine Depression mit einer veränderten Funktion bestimmter Nervenzellen in Verbindung steht.

Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass in Deutschland mehr als 10 Prozent aller Personen im Laufe ihres Lebens eine behandlungsbedürftige Depression durchleben. Aber nur ein kleiner Prozentsatz wird behandelt. Das mag an falscher Scham oder Mangel an Akzeptanz liegen. Depressionen sind ebenso häufige Begleiter von Erkrankungen älterer Menschen wie Herzschwäche, Schlaganfall, Diabetes, Krebs, Alzheimer-Demenz, Parkinson sowie Schilddrüsenerkrankungen und andere hormonelle Störungen.

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