Angstzustände: Logotherapie
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Stellen Sie sich vor, eine angehende Chirurgin fürchtet jedesmal, wenn der Klinikchef den Operationssaal betritt, daß ihre Hände zittern. Bald genügt diese Befürchtung, daß ihre Hände wirklich zittern. Die Angst läßt sie nicht mehr los, und das Zittern wird immer schlimmer. Sie sieht ihre Zukunft als Chirurgin in Gefahr.
Kennen Sie ähnliche Situationen? Daß Sie sich verschreiben, sobald Ihnen jemand über die Schulter sieht? Daß Sie, wenn Sie vom Chef gerufen werden, vor Aufregung ins Schwitzen geraten und sich damit blamieren? Daß Ihnen vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, gerade dann eine Aufgabe mißlingt, wenn es darauf ankommt? Manche fürchten sich so sehr, in wichtigen Situationen wieder einen Schweißausbruch zu bekommen, daß er sich prompt einstellt. Bald zittern oder schwitzen sie schon, wenn sie nur daran denken. Mit der Zeit geraten sie in einen Teufelskreis von Angst und Schweiß und vermehrter Angst, aus dem sie sich nicht mehr selbst befreien können.
Angst ist eigentlich eine gesunde Eingebung der Natur, die uns bewahren soll, uns leichtfertig gefährlichen Situationen auszusetzen. Aber sie kann sich verselbständigen und an ganz unsinnigen Dingen festmachen: als Angst vor Spinnen, vor dem Fahrstuhl, vor großen Plätzen, vor einem Publikum usw. Damit ist die „neurotische“ Angst geboren.
Die Logotherapie stärkt die seelische Widerstandskraft
An diesem Punkt setzt eine Gesprächstherapie an, die sich „Logotherapie“ nennt (griechisch logos = Wort, Sinn). Sie lotet nicht die Tiefen der Seele und die Vergangenheit aus, wie es zu dem jetzigen Problem kam – so arbeitet die Tiefenpsychologie mit der Psychoanalyse nach Sigmund Freud. Vielmehr fragt die Logotherapie, was Sie jetzt und in Zukunft tun können, um geheilt zu sein. Sie ist eine „Höhenpsychologie“: Mit dem Blick nach vorn und oben sucht sie eine positive Motivation, die als Zündfunke für eine Veränderung dienen kann.
Die Logotherapie geht davon aus, daß jedem Menschen ein heiler, unzerstörbarer Personenkern innewohnt, eine Kraft, die sich mobilisieren läßt. Auch wenn der Mensch tief am Boden ist – von Angst, übermäßiger Trauer oder einer Sucht getrieben –, erinnert ihn die Logotherapie an das Heile, das in ihm steckt und ihm nicht genommen werden kann. Der Begründer der Logotherapie, der Wiener Psychiater Prof. Viktor E. Frankl (1905 bis 1997) ging davon aus, daß der Mensch als geistiges Wesen mit einem Funken ausgestattet ist, der Eigenveränderung und Weiterentwicklung möglich macht. Dieser Funke kann durch äußere Umstände wie Erziehung oder Enttäuschungen verschüttet werden, aber nicht verloren gehen, solange der Mensch lebt.
Die Logotherapie will diesen Schöpfungsfunken wieder entzünden, damit Sie gegen Ihr Leiden angehen können. Die widrigen Umstände, die Ihr Leiden befördert haben, haben Sie überlebt. Also sind Sie an ihnen nicht zerbrochen, sagt die Frankl-Schülerin und Logotherapeutin Dr. med. Elisabeth Lukas. Nutzen Sie die Chance, den Blick nach vorn zu lenken, auf ein Lebensziel – nicht auf Unerreichbares hin, sondern nur auf den nächsten Schritt zu sinnvollem Tun.
Für eine Suchtkranke würde es zum Beispiel nicht genügen, ganz am Ende zu sein, um den Weg aus ihrer Sucht zu finden. Die Aussicht auf Abstinenz allein wird sie kaum genügend motivieren, den leidvollen Entzug durchzustehen. Sie muß dahinter ein Ziel sehen, für das sich die Anstrengung lohnt. Ein Logotherapeut oder eine Logotherapeutin wird also immer den „Sinn“, ein Lebensziel, mit ihr herausarbeiten, zu dem die Abstinenz die Bedingung ist.
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