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Diese Auswirkungen hat das Abrechnungssystem auf Ihre Versorgung

Seit dem Jahr 2003 gibt es eine Änderung Im Gesundheitssektor, die womöglich Ihre Patientenrechte betrifft. So werden Krankenhausbehandlungen von den Krankenversicherungen nicht mehr nach ihrer Dauer vergütet, sondern nach Fallpauschalen. Diese werden abgeleitet aus den sogenannten DRGs (Diagnosis related groups). DRG bedeutet „diagnosebezogene Fallpauschale“. Es wird nun nach Diagnose bezahlt und weniger nach den individuellen Notwendigkeiten.

Ziel dieser bedeutsamen Änderung ist die Verkürzung der Liegezeiten und dadurch eine Kosteneinsparung im stationären Bereich. Das hat bisher auch funktioniert: Die Liegezeiten sind von 8,9 Tagen in 2003 auf 8,6 Tage im Jahr 2005 gesunken, die Tendenz ist weiter fallend.

Paradoxon: In Einzelfällen steigt die Aufenthaltsdauer allerdings an, denn die Krankenhäuser sind bestrebt, die vorgesehenen Behandlungszeiten auch ja nicht zu unterschreiten, da sonst die Pauschale gekürzt wird!

Was bedeutet diese „Pauschalierung“ für Ihre Patientenrechte?

Sie erkranken, müssen in eine Klinik, eine Diagnose wird gestellt. Dieser Diagnose wird nun eine Fallpauschale zugeordnet, die die notwendigen Behandlungskosten und die Behandlungsdauer gewissermaßen im Vorhinein festlegt. Stellen Sie sich vor, Sie kommen mit Gallenblasensteinen zur laparoskopischen OP (Entfernung der Steine über eine Bauchspiegelung) ins Krankenhaus. Nach „Statistik“ müssen Sie in vier Tagen wieder fit sein, denn dann werden Sie entlassen. Ein längerer Aufenthalt ist in dem festgelegten Kostenrahmen nicht vorgesehen.

Für den Fall eines unkomplizierten Verlaufes Ihrer Erkrankung ändert sich wenig für Sie,eventuell profitieren Sie sogar von dem neuen Anrechnungssystem. Im Rahmen seiner Einführung sind nämlich die bisherigen Abläufe in den Krankenhäusern alle hinterfragt und optimiert sowie Umstrukturierungen vorgenommen worden. Dadurch werden die Leistungen jetzt effizienter erbracht, für Ihre Versorgung bedeutet dies im Einzelfall sogar eine Verbesserung. Und das wünscht man sich eigentlich auch für seine Patientenrechte.

Aber: Was geschieht bei einem Krankheitsverlauf, der nicht der Norm entspricht? Was geschieht beim Auftreten von Komplikationen?

Kommt es zu Komplikationen, zum Beispiel zu einer verlängerten Wundheilung nach einer Gallenblasenoperation, kann es sein, dass Sie noch mit Bauchschmerzen und deutlichen Verdauungsproblemen entlassen werden. Ihr Hausarzt soll sich dann um Sie kümmern!

So können Sie sich vor einer „blutigen Entlassung“ schützen

Denken Sie mit, und informieren Sie sich über die notwendige Behandlung. Lassen Sie sich nicht mit „Pauschalen“ abspeisen. Fühlen Sie sich nicht ausreichend behandelt, schalten Sie Ihren Hausarzt und den Sozialdienst des Krankenhauses ein. Niemand darf Sie verfrüht in eine ungeklärte häusliche Versorgungssituation entlassen! Ein Telefonat Ihres Hausarztes mit dem Kollegen im Krankenhaus kann manchmal Wunder wirken!

Mögliche Folgen für die Rechte von schwer oder chronisch kranken Patienten

Aus ökonomischen Gründen droht auch bei den Patienten mit chronischen und schweren Erkrankungen die zu frühe Entlassung aus dem Krankenhaus („blutige Entlassung“). Der Genesungsprozess wird verlagert auf das häusliche Umfeld. Das ist vor allen Dingen für allein lebende alte Menschen ein Problem. Eine Untersuchung des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen hat gezeigt, dass sich diese Patienten seit Einführung des neuen Anrechnungssystems schlechter behandelt und bei ihrer Entlassung subjektiv kränker fühlen.

Es tritt dann vermehrt der sogenannte „Drehtüreffekt“ auf. Hierbei wird der Patient schon kurz nach seiner Entlassung wieder aufgenommen, sei es wegen der nicht beherrschbaren Situation zu Hause oder weil es bereits vorab insgeheim so geplant war. Dann können nämlich statt eines einzigen langen Krankenhausaufenthaltes mehrere kurze mit neuer Diagnose und neuer Fallpauschale abgerechnet werden.

Perspektive: Der Nutzen des neuen Systems liegt in der höheren Transparenz der Abläufe in den Kliniken, es kann umstrukturiert und verschlankt werden.

Aber: Es fehlen „Auffangnetze“, um alten und multimorbiden Patienten in den jeweiligen Einzelsituationen gerecht zu werden.

Das sagen die Politiker dazu

Im Krankenhausfinanzierungsgesetz ausdrücklich festgeschrieben ist eine begleitende Studie auch über die Auswirkungen der Einführung des neuen Abrechnungssystems auf Ihre Patientenrechte. Der diesbezügliche Forschungsauftrag ist aber noch nicht einmal vergeben. Bei den vielen Arbeitsgruppen, die es in Deutschland gibt, sollte sich doch eine finden lassen, der man den Auftrag zur Begleitforschung erteilt!

Die Verantwortlichen im Gesundheitsministerium äußern sich bisher nur sehr zurückhaltend und verneinen das Auftreten von vorzeitigen Entlassungen oder „Drehtüreffekten“.

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