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"Verwendbar bis" ist meist nur ein Anhaltswert

von unserer Amerika-Korrespondentin Jenny Thompson

Letztes Wochenende habe ich meiner Schwester geholfen, ihren Umzug vorzubereiten; natürlich haben wir auch einen ganzen Stapel Sachen aussortiert. Plötzlich fing sie laut an zu lachen, als sie eine Box mit freiverkäuflichen Medikamenten fand und darin eine Flasche mit Aspirin, die schon zwei Jahre über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus war.

Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, was diese Aufschrift „verwendbar bis“ bedeutet. Wie schlimm mag es sein, Medikamente nach diesem Mindesthaltbarkeitsdatum einzunehmen? Wenn sie bis dahin „verwendbar“ sind, sind sie danach ineffektiv? Oder schaden sie sogar?

Mindesthaltbarkeitsdatum: Alles halb so wild?

Nachdem ich ein bisschen recherchiert habe, bin ich auf einige bewährte Informationen gestoßen, die dem Standarddenken wiedersprechen, man solle ein Medikament wegschmeißen, nachdem es „abgelaufen“ ist.

In Amerika erließ die Medikamenten-Behörde 1979 Richtlinien für das Mindesthaltbarkeitsdatum aller verschreibungspflichtigen und freiverkäuflichen Medikamente. Aber der behördliche Auftrag an die Pharmaunternehmen war nicht, herauszufinden, wie lange ein Medikament leistungsfähig und sicher ist. Vielmehr mussten die Firmen ein frei wählbares Datum setzen und dann Tests durchführen, um zu garantieren, dass das Medikament bis zu diesem Datum sicher und leistungsfähig ist.

Wenn nun eine Firma ein Mindesthaltbarkeitsdatum für ein Medikament wählt, zum Beispiel 18 Monate, dann stellt man das Medikament nicht in ein Regal und wartet eineinhalb Jahre und probiert dann aus, was das Medikament noch kann. Statt dessen wird es extremer Feuchte, Hitze und Licht ausgesetzt, den drei Feinden der Medikamente. Danach werden chemische Analysen durchgeführt, um herauszufinden, ob das Medikament seine Aufgabe noch erfüllt

Seit der Einführung waren sich Medikamenten-Behörde und Pharmaunternehmen darüber einig, dass diese Tests strikt genug sind, so dass die meisten Medikamente auch nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum noch wirksam sind. Diese Tatsache wurde zwar nicht geheim gehalten, aber auch nicht überall herumerzählt.

Aber Mitte der 80er Jahre begann der größte Medikamentenkäufer, Fragen zu stellen.

Der größte Medikamentenkäufer in Amerika ist das Militär. Und da das Militär riesige Vorräte an Medikamenten hat, sind dort Haltbarkeitsdaten ein wichtiges und auch teures Thema. Stellen Sie sich vor, dass jedes Medikament, das das Militär besitzt, einen Tag nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums aussortiert würde, da würden Millionen Dollar in den Abfluss geschüttet.

1985 waren die Arzneimittelvorräte des Militärs $1 Milliarde Dollar wert. Die Chemiker der Medikamenten-Behörde wurden beauftragt, herauszufinden, welche Arzneimittel nach Ablauf noch weiterverwendet werden können. Das Ergebnis: Von den über 100 getesteten Mitteln waren noch 90 % leistungsfähig und sicher, in manchen Fällen noch Jahre nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum.

Als Ergebnis dieser Untersuchungen gab das Militär Mitte der 90er fast 4 Millionen Dollar aus, um Medikamente auf ihre Haltbarkeit zu testen und sparte dadurch über 260 Millionen Dollar, weil festgestellt wurde, dass viele Medikamente noch lange nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum brauchbar sind.

Es gibt aber auch Ausnahmen

Aber nicht alle Medikamente sind so langlebig. Nitroglycrin, Insulin und einige flüssige Antibiotika müssen vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum verbraucht oder weggeworfen werden.

Theoretisch waren also die Aspirin meiner Schwester wohl gut, sie waren ja erst zwei Jahre abgelaufen. Tatsächlich hat die Firma Bayer vier Jahre altes Aspirin getestet und es war immer noch so wirksam wie am ersten Tag. Die große Frage dagegen lautet: was geschieht mit dem Aspirin und den anderen Medikamenten in Ihrem Arzneischrank?

Wie ich schon erwähnte, sind die Schuldigen an der Medikamentenalterung Hitze, Feuchtigkeit und direktes Licht. Ironischer weise ist daher das Arzneischränkchen im Bad, das jeden Tag durch die Feuchtigkeit beim Duschen „bedampft“ wird, nicht der beste Platz. Aber ein Eisschrank ist perfekt: kalt, trocken und dunkel.

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