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Schatz, schläfst du schon?

Eigentlich ist das mit Schlaf auch kein großes Problem: Man legt sich hin, Augen zu und los. Nur manchmal gibt es da ein winzig kleines Problem: den Menschen neben sich.

Gerade schickte ich mich an, im Reich der Träume zu versinken. Ein erster zarter Schnarcher kam über meine Lippen. Da hörte ich sie. Die Stimme meiner Holden. „Schatz, schläfst du schon?“

Erschrocken fuhr ich hoch. „Ja, warum?“

„Weil ich noch nicht schlafe!“

„Dann tu es doch einfach“, antwortete ich mit einem lauten Gähnen und ließ den Kopf wieder fallen.

Ich hatte Glück. Meine Hirnaktivitäten hatten sich von der kurzen Unterbrechung nicht wieder beleben lassen. Alle Synapsen waren und blieben auf „Schlapfprogramm“ geschaltet. Wohlig spürte ich, wie der Schlaf mich zärtlich ummantelte. Schon ganz nah war ich dem Reich der Träume. Da hörte ich sie wieder. Die Stimme meiner Holden.

„Was macht man denn, wenn man nicht schlafen kann?“

„Weiß ich nicht“, murmelte ich schlaftrunken zurück. „ICH kann ja schlafen.“

Stille. Es herrschte wieder wunderbar Stille im Schlafzimmer. Ich schloss die Augen. Ein seliges Lächeln umspielte meinen Mund. Aus der Ferne sah ich den Sandmann winken. „Komm ins Reich der Träume“, rief er. „Folge mir!“

„Ich komme“, rief ich ihm zu und schon war ich wieder auf den Weg ins Paradies der Schläfer und Träumer. Ein paar Schritte noch und ich hätte es erreicht.

Doch was war das?

Das Tor in dieses Paradies war fest verschlossen. Und irgendjemand pochte heftig dagegen. Irritiert öffnete ich die Augen.

Es pochte tatsächlich. Aber nicht an der Tür zum himmlischen Schlaf, sondern neben mir. Meine Holde klopfte wie wild auf ihrem Kissen herum.

„Was machst du denn jetzt?“, fragte ich laut gähnend. „Ich will schlafen!“

„Das will ich auch“, seufzte sie. „Vielleicht klappt es ja, wenn ich das Kissen weichklopfe?“

„Klopf Du“, gähnte ich. „Aber lass mich jetzt schlafen. Ich möchte wirklich nur schlafen, schlafen, schlafen …“

Das letzte „schlafen“ kam mir kaum noch über die Lippen. Ich stand bereits wieder vor dieser Tür ins Schlafparadies. Und siehe da, sie stand weit offen für mich.

Doch was war das?

Gerade als ich meinen Fuß hineinsetzen wollte, wurde ich unsanft von hinten zurückgehalten. So sehr ich mich auch mühte, es gelang mir nicht, die Schwelle zu übertreten. „Nein“, rief ich verzweifelt. „Ich will rein!“

Von meinem eigenen Ruf wurde ich wach. Oder war ich es schon? Weil mich von hinten die Hand der Holden gepackt hielt. Weil ich sie von hinten sagen hörte: „Ich finde das ungerecht. Du schläfst immer so gut ein und ich liege wach.“

„Dann trink halt Zuckerwasser“, murmelte ich. „Und lass mich endlich schlafen.“

„Das soll helfen?“

„Meine Mutter hat das früher bei mir gemacht, wenn ich nicht schlafen konnte!“

„Und was hat es gebracht?“

„Karies!“

„Sehr witzig. Sag mir lieber, was wirklich hilft.“

Ich überlegte kurz und antwortete: „Seinem Schatz beim Schlaf zuhören. Das beruhigt und dann schläft man selber ein.“

„Das beruhigt mich nicht. Das regt mich auf. Weil du dann schläfst während ich wachliege. Und das finde ich ungerecht.“

„Dann ist das halt ungerecht“, brummte ich. „Ist mir doch egal!“

Ich hatte gerade ein ganz anderes Problem: Meine auf „wohligen Schlafrhythmus“ geschalteten Hirnsynapsen begannen sich in meinem Kopf zu räkeln und zu strecken. Offensichtlich hatten sie beschlossen, langsam wieder in den Wachrhythmus zu wechseln. Hier half nur entschlossenes Handeln.

„Dann zähl eben Schafe. Das hilft immer“, rief ich verzweifelt in das dunkle Zimmer. „Es hilft immer.“

„Glaub ich nicht!“

„Probier es aus. Ich will SCHLAFEN, SCHLAFEN, SCHLAFEN!“

„Nun werd‘ nicht gleich laut. Ich probier es ja schon aus!“

Ich schloss die Augen. „Komm, lieber Sandmann. Führe mich ins Paradies der himmlischen Träume!“

Der Sandmann nickte und lächelte. Doch er streckte mir nicht die Hand aus, um mich zu führen. Er grinste hämisch. Und begann zu zählen:

„Fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn …“

Irritiert öffnete ich erneut die Augen und lauschte. „Neunzehn, zwanzig, einundzwanzig …“

Das war eindeutig die Stimme meiner Holden, die ich da hörte.

„Was in aller Welt machst du da?“, fragte ich hellwach. Meine Synapsen im Kopf hatten beschlossen, die Frühschicht einzuläuten.

„Na, zählen!“

„Aber man zählt doch leise. Ganz, ganz leise!“

„Woher soll ich das wissen, wenn mir das niemand sagt?“

Zerknirscht drückte ich meinen Kopf zurück ins Kissen und lauschte.

„Bibisch, bibisch, bibisch…“, hörte ich ganz leise neben mir. Meine Holde zählte tatsächlich stumm vor sich hin. Nur ihre Lippen bewegten sich und machten ein sanft säuselndes Geräusch. Und siehe da. Ein paar Minuten und rund 180 Bibischs später hörte ich sie ruhig und gleichmäßig neben mir atmen. Sie war eingeschlafen.

Auch eine Viertelstunde später hörte ich sie noch neben mir atmen. Sehr sanft. Sehr leise. Tief schlafend. Sogar eine halbe Stunde später noch. Denn ich war hellwach: Frühschicht im Kopf.

Und was macht man in so einer Situation? Nun es gibt Menschen, die verzweifeln. Es gibt welche die stehen auf und schreiben. Und während sich langsam das Morgengrauen über dem jungen Tag breitmacht, tippe ich an diesem letzten Satz. Ganz leise. Denn wir wollen die Holde doch nicht wecken? Nein, nein. Dieses Huhn rupfe ich am Morgen!

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