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Meine neue Sekretärin: Wer schnarcht da am Besprechungstisch?

Als sie bei der Besprechung einschlief und unter dem Besprechungstisch anfing, laut zu schnarchen, beschlich mich erstmals das Gefühl, dass ich mit der Auswahl meiner neuen Sekretärin keinen guten Griff getan hatte.

Ich tat erst einmal so, als würde ich dieses ungehörige Benehmen nicht bemerken. Auch die Besprechungsteilnehmer zeigten Stil genug, mich nicht auf das merkwürdige Verhalten meiner neuen Sekretärin anzusprechen. Vielleicht hatte sie ja letzte Nacht nur schlecht geschlafen. Oder es war anstrengend gewesen. Oder beides.

So besprachen wir also munter weiter und ignorierten die lauten Schlaf- und Schnarchgeräusche, die gleichmäßig unter dem Tisch hervorkamen und den Raum fluteten.

Sicher. Es ist heutzutage nicht leicht, gutes Personal zu bekommen. Deshalb ist mir die Entscheidung, eine neue Sekretärin einzustellen, auch nicht leicht gefallen. Man muss so vorsichtig sein.

Dabei muss ich zugeben: Im Vorstellungsgespräch hat die Neue einen guten Eindruck hinterlassen. Sie hörte mir aufmerksam zu, als ich ihr meine Vorstellung von Arbeit und Disziplin vorstellte. Und als ich sie abschließend fragte, ob sie das auch verstanden habe und sie sich vorstellen könnte, mit mir zu arbeiten, hat sie genickt. Zumindest kam mir das so vor. Vielleicht hat sie sich aber auch nur hinter dem Ohr gekratzt und dabei den Kopf etwas vorgestreckt. Je länger ich darüber nachdenke, um so wahrscheinlicher wird diese Version.

Zugegeben: Etwas irritierend war auch, dass Sie gleich nach unserem Gespräch unbedingt raus wollte. Sie musste mal, gab sie mir zu verstehen. Ein alles in allem ungewöhnlicher Abschluss für ein Vorstellungsgespräch. Die Stelle hat sie trotzdem bekommen, weshalb sie gestern auch mit zu dieser Besprechung durfte. Hier allerdings hat sie alle Defizite offenbart, die man auch mit dem klügsten Vorstellungsgespräch als Arbeitgeber nicht oder nur sehr rudimentär herausbekommt.

Nicht nur, dass sie unter dem Tisch eingeschlafen ist. Vielmehr zeigte sie sich schon bei der Begrüßung der Besprechungsteilnehmer ungewöhnlich freundlich. Zu freundlich für meinen Geschmack. Ich schwänzle ja auch nicht um mir fremde Leute herum in der Hoffnung, dass aus dem zufälligen Körperkontakt etwas mehr werden könnte. Ein Streicheln am Bauch zum Beispiel. (Nicht, dass ich mir das nicht ab und an je nach Besprechungsteilnehmerin vorstellen könnte. Aber erstens ist meine Holde dagegen und zweitens weiß ich schließlich, was sich gehört. Meistens wenigstens.)

Meine neue Sekretärin weiß das nicht. Und um das unmissverständlich deutlich zu machen, setzte sie dem ganzen die Krone auf, als sie schließlich aufwachte. Das regelmäßige Schnarchen unter dem Tisch wechselte in ein kurzes Japsen und Gähnen, gefolgt von einem wohligen Seufzen. Offensichtlich räkelte sich die Dame unter dem Tisch. Dann lugte sie schließlich mit etwas verschlafenen Augen unter jenem Tisch hervor und blickte freudig in die Runde.

Alle Augen waren auf meine neue Sekretärin gerichtet. Und was tat die? Sie kam zu mir und sprang auf meinen Schoß. Dort rollte sie sich ein. Grinsende Gesichter blickten mich an. Meine Sekretärin interessierte es nicht. Sie hatte die Augen schon wieder fest verschlossen. Die Zunge hing ihr leicht aus dem Mund. Sie schnarchte bereits wieder.

„Pucki“, zischte ich. „Runter. Wir müssen arbeiten!“ Meine Sekretärin interessierte das nicht im geringsten. Genau so wenig, wie sie sich dafür interessierte, was wir in der Runde zu besprechen hatten. Zurück am Auto musste ich sie deshalb furchtbar maßregeln. „Das geht so nicht. Wenn du mich begleitest, musst du dich benehmen. Und ich habe dir tausend Mal gesagt, du sollst nicht von jedem, der es dir gibt, Essen annehmen. Du sollst auch nicht durch fremde Büros strolchen. Und vor allem sollst du nicht bei der Arbeit schlafen. Du bist gekündigt. Fristlos!“

„Wuff“, machte meine jetzt ehemalige Sekretärin und sprang auf die Rückbank des Autos, wo sie sich sofort einrollte und einschlief. Ja, so ein Arbeitstag ist furchtbar anstrengend. Und gutes Personal ist wirklich sauschwer zu bekommen. Hundsgemein sowas!

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