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Männer und die Kunst der Komplimente: Ihr neues Foto

Mit diesem einem Satz begannen die Probleme. Meine Holde fragte mich: „Hast Du mal ein schönes Foto von mir? Das brauche ich für eine Seite.“

Als folgsamer Mann machte ich mich natürlich sofort auf die Suche einem hübschen Bild von meiner Holden. Ich fand auch eines und mailte es ihr. Eine Minute später hörte ich aus dem oberen Stockwerk, wo meine geliebte Holde vor dem Laptop saß, einen spitzen Schrei. Weitere fünf Sekunden später stand sie bei mir im Büro.

„Das hältst du für ein schönes Foto? Sehe ich wirklich so aus?“

„Aber natürlich halte ich das für ein schönes Foto. Da bist du wundervoll getroffen.“

„Ich sehe doch nicht so aus. Schau dir mal den Bildwinkel an. Meine Nase ist riesengroß, meine Frisur verrutscht und mein Blick wirkt, als würde ich gleich einschlafen. Also bitte, du hast doch bestimmt noch andere Fotos von mir.“

Sie verschwand mitsamt Laptop wieder nach oben, während Pucki, unser Haus- und Hofhund, und ich ein wenig ratlos im Büro herumhingen.

„Pucki, du musst mir helfen“, beschloß ich schließlich und hob den Hund auf meinen Schoß. „Wir gehen jetzt alle Fotos von der Holden durch. Wenn Dir eins gefällt, dann bellst du.“

Vielleicht hatte Pucki meine Anweisung nicht ganz genau verstanden oder ihr gefiel keines der Fotos. Während die Diashow am Computerbildschirm ablief (Holde in den Bergen, Holde am Strand, Holde am Schreibtisch, Holde beim Glühweintrinken, Holde nachdenklich, Holde tut so, als sei sie nachdenklich) schlummerte der Hund friedlich ein.

„Na du bist mir eine Hilfe“, brummte ich und setzte Pucki ab. Derweil zeigte der Bildschirm ein sehr nettes Foto meiner Holden mit einem Glas Wein in der Hand. Das gefiel mir. Zwei Klicks und das Foto war auf dem Weg zu ihr. Zwanzig Sekunden später und wieder ertönte von oben ein spitzer Schrei. Zweiundzwanzig Sekunden später stand die Holde wieder neben mir.

„Sag mal, spinnst Du? Ich kann doch kein Wein-Foto von mir ins Internet stellen. Die Leute müssen ja denken, dass ich den ganzen Tag an der Weinflasche hänge. Und hast du gesehen, wie ich auf dem Foto in die Kamera blinzele?  Da sehe ich ja so aus, als wäre das mein fünftes Glas. Du ruinierst meinen Ruf. Außerdem ist das Foto unmöglich!“

Ich protestierte: „Ich habe sogar Pucki gefragt, welches Foto ihr von dir gefällt!“

„Ach und bei diesem Foto hat sie aufgeregt gewedelt, oder was?“

„Nein, eigentlich ist sie eingeschlafen.“

Meine Holde blickte mich entgeistert an. „Du kannst einen verrückt machen. Da bittet man dich einmal um einen kleinen Gefallen und dann bekommt man lauter Katastrophenfotos präsentiert.“

„Ich habe halt keine anderen Fotos von Dir. Es gibt keine anderen Fotos von Dir!“

Totenstille im Raum. Ein paar quälend lange Sekunden. Derweil stemmte meine Holde ihre Arme in die Hüfte und schaute mich mit funkelnden Augen an. „Willst du mir etwa sagen, dass es unmöglich ist, nette Fotos von mir zu machen?“

„Aber nein. Es gibt wunderschöne Fotos von Dir. Holde am Strand. Holde in den Bergen. Holde nachdenklich.“

„Ach!“ Meine Holde machte eine wegwerfende Handbewegung. „Und warum findest Du dann kein schönes Foto. Also jetzt zeig mal alle her!“

„Bitteschön“, antwortete ich und ließ die Bildschirm-Diashow von vorne starten. Von hinten kamen die Kommentare dazu: „Das geht ja gar nicht … zu dick … zu blass … zu dünn … zu wenig an … zu viel an … Nase zu groß … ungünstiger Blickwinkel … so kann ich doch unmöglich aussehen … das Foto musst du aber sofort löschen … das auch … ach um Gottes Willen … das soll ich sein? … mach das bloß weg … ich bekomme gleich einen Schreikampf … das war nett, mach das noch mal – ach nein, doch nicht … und das da löscht du aber bitte jetzt sofort. Das ist ja vollkommen unmöglich … also da sehe ich ja aus, als würde ich gleich einschlafen … oh mein Gott, diese Frisur, warum hast du mir denn nicht gesagt, dass ich so rumlaufe …“ So ging das etwa zehn Minuten.

Nach der kleinen Diashow herrschte Schweigen in meinem Büro. Pucki hatte sich derweil sicherheitshalber ins Wohnzimmer in ihr Körbchen verkrümelt. Für Verstimmungen in ihrem Rudel hat sie eine ebenso feine Nase wie für Wurst, Käse und alles andere, was ihr essbar erscheint.

„Die Fotos kannst du ja wohl alle löschen“, ächzte meine Holde. „Da ist nicht ein einziges vorteilhaftes Bild von mir dabei. Und dass das klar ist: Ich lasse mich von Dir nie mehr fotografieren. Da bekommt man ja Minderwertigkeitskomplexe.“

„Ach papperlapp“, erwiderte ich. „Für mich bist du wunderschön.“

Herrje. Es sind immer die Einschränkungen in kleinen Nebensätzen, über die wir Männer stolpern. Oder über erklärende Zusätze wie „für mich“.

„Für dich?“, wiederholte meine Holde und zog die zwei Worte wie einen gut durchgekauten Kaugummi auseinander. „Ich bin also nur für dich schön? Tatsächlich bin ich also hässlich?“

„Aber natürlich nicht“, beeilte ich mich zu sagen. „Du bist auch für andere schön. Ich wollte damit nur sagen, dass du für mich besonders schön bist.“ Doch alle Versuche, die Situation zu retten, nutzten nichts. Meine Holde war auf 100.

„Wahrscheinlich bist Du nur aus Mitleid mit mir zusammen. Weil ich so hässlich bin.“

„Du bist nicht hässlich. Schau Dir Deine Fotos an.“

„Danke, die habe ich mir gerade angesehen.“

„Also für mich sind die Fotos schön.“

„Danke, tausend mal Danke. Ich habe verstanden. Für dich sind die Fotos schön. Jaja. Schon gut.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, stapfte meine Holde aus dem Büro und ließ mich mit der in Endlosschleife laufenden Bildschirm-Diashow allein. Es geht ja auch anders. Wo waren noch mal die Bilder von Gundel Gaukeley? Die habe ich ihr dann geschickt. Haben ihr prima gefallen. Und jetzt kauf ich ihr noch einen Besen!

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