Osteoporosemedikamente: Abwägen von Vorteilen und Nebenwirkungen
unseren Experten des Mayo Clinic Gesundheits-Brief in Täglich Gesund zum Thema Osteoporose
vom 16. Dezember 2008, 16:00 Uhr
GNL5356
Berichte in den Medien über Osteoporosemedikamente, die Kieferprobleme verursachen sollen, haben Sie stutzig gemacht: Sollen Sie aufhören, sie weiter einzunehmen? Sie sollten jedoch keine voreiligen Schlüsse ziehen.
In der Tat ist es richtig, dass es einige Berichte über das Absterben von Teilen des Kieferknochens (Osteonekrose) gibt, die im Zusammenhang mit der oralen Einnahme von Bisphosphonaten stehen - einer Medikamentenklasse zur Behandlung von Osteoporose, zu der Alendronat (Fosamax), Ibandronat (Bonviva), Risedronat (z. B. Actonel) und andere zählen. Bei der Bisphosphonat-assoziierten Kieferknochennekrose liegt der Knochen über einen größeren Zeitraum frei.
Entweder wurde der Knochen operativ freigelegt, oder er liegt zum Beispiel durch eine entzündliche Pforte frei. Sie kann mit Schmerzen, Schwellungen, Infektionen oder einem Taubheitsgefühl einhergehen.
Das Risiko für eine Osteonekrose ist allerdings sehr gering. Es wird geschätzt, dass in den USA unter den Millionen von Osteoporose betroffenen Menschen, die Bisphosphonate gegen Osteoporose einnehmen, etwa 20 Fälle von Osteonekrose pro Jahr auftreten.
Osteoporose birgt das größere Risiko
Im Gegensatz dazu ist das Gesundheitsrisiko hoch, welches mit Osteoporose verbunden ist. Osteoporose lässt die Knochen spröde werden, sie neigen dann dazu zu brechen. Nach Angaben des Kuratoriums Knochengesundheit haben etwa 25% der Bevölkerung über 50 Jahren in Deutschland Osteoporose, das entspricht knapp 8 Mio. Menschen. Der Frauenanteil liegt mit 6,5 Mio. bei 39%, der Männeranteil mit 1,3 Mio. bei 9,7%. Mit zunehmendem Lebensalter steigt der Anteil der Betroffenen in der Gesamtbevölkerung: Ab 75 Jahren liegt er derzeit bei 59%. Die Hälfte aller Frauen und ein Viertel der Männer werden im Verlauf ihres Lebens einen Osteoporose bedingten Knochenbruch erleiden. Wenn Sie sich einen Knochen brechen, steigt Ihr Risiko für eine Behinderung, dauerhaft in einem Pflegeheim zu leben oder sogar an den Folgen zu sterben.
Bisphosphonate gehören zu den wirksamsten Waffen gegen die Osteoporose. Sie können das Risiko für Hüft- oder Wirbelsäulenbrüche um 50% bis 60% verringern. Für die große Mehrheit der Menschen, die Osteoporose haben oder ein erhöhtes Erkrankungsrisiko tragen, sind die Vorteile durch die Einnahme von Bisphosphonaten weitaus höher als das geringe Risiko einer Kieferknochenosteonekrose.
Was weiß die Medizin über die Zusammenhänge?
Kieferknochenosteonekrose ist eine neu beschriebene Erkrankung, die schwierig zu behandeln ist, und sich häufig durch Schmerzen, Schwellungen, lockere Zähne und einen freiliegenden Kieferknochen auszeichnet. Fast alle der ersten aufgetretenen Erkrankungsfälle traten bei Menschen mit Knochenkrebs oder einer Krebsart auf, die in die Knochen gestreut hatte. Diese Menschen hatten erheblich höhere intravenös verabreichte Dosen von Bisphosphonaten bekommen, um unerträgliche Knochenschmerzen zu lindern und ihre brüchigen Knochen zu schützen. Seit 1996 wurde über 368 Fälle von Kieferknochenosteonekrose berichtet. Nur in 15 der dokumentierten Fälle hatten die Betroffenen orale Bisphosphonate gegen Osteoporose eingenommen.
Etwa 60% der Fälle traten nach einem operativen Eingriff im Mund auf oder nachdem ein Zahn gezogen worden war. Andere Risikofaktoren sind dauerhafte Zahnfleischerkrankungen und ein Alter über 65 Jahren.
Bislang ist weder der Zusammenhang zwischen Bisphosphonaten und dem Auftreten von Osteonekrose genau bekannt noch, warum sie im Kieferknochen auftritt. Wenn Sie eine Verletzung im Mund haben wie sie beispielsweise beim Ziehen eines Zahnes auftritt, schaffen langsam heilende Gewebe ein günstiges Umfeld für die Entwicklung einer Osteonekrose. Der Knochen ist abgestorben, weil er möglicherweise aufgrund einer zu geringen Blutversorgung schlecht heilen konnte oder eine Störung der Knochen bildenden Zellen vorlag.
Da die bisphosphonat-assoziierte Kieferknochenosteonekrose eine so neue Erkrankung ist und weil viele Menschen Bisphosphonate einnehmen, kann das genaue Risiko für die Entstehung dieser Erkrankung noch nicht eingeschätzt werden. Bei etwa 190 Millionen Verordnungen, die seit 1996 weltweit für orale Bisphosphonate ausgestellt wurden, wurde nur in 15 Fällen von Kieferknochenosteonekrose im Zusammenhang mit der Einnahme von oralen Bisphosphonaten berichtet.
Die amerikanische Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration (FDA) untersucht zusätzlich einige hundert Fälle, in denen möglicherweise infolge der Einnahme von oralen Bisphosphonaten Kieferknochenosteonekrosen aufgetreten sind. Selbst wenn sich der Verdacht in allen Fällen erhärtet, sehen die besten Schätzungen so aus, dass das Risiko, diese unerwünschte Komplikation zu entwickeln, zwischen 1 zu 100.000 und 1 zu einer Million liegt.
Es ist wichtig, dass Sie sich Folgendes verdeutlichen: Die Dauer der oralen Einnahme von Bisphosphonaten sowie die Höhe der Dosis kann das Risiko beeinflussen, eine Kieferknochenosteonekrose infolge der Einnahme zu entwickeln. Für Menschen, die an Krebs erkrankt sind und denen Bisphosphonate intravenös verabreicht werden, wird das Risiko auf zwischen 3% und 12% geschätzt.
So reduzieren Sie Ihr Risiko für Kieferprobleme
Gestützt auf das zurzeit sehr begrenzte Wissen können Sie Ihr ohnehin sehr geringes Risiko, eine Kieferknochenosteonekrose zu entwickeln, weiterhin senken, indem Sie:
- eine gute Mundhygiene betreiben und Ihren Zahnarzt regelmäßig zur professionellen Zahnreinigung und für Kontrolluntersuchungen besuchen.
- Eingriffe an den Zähnen möglichst vornehmen lassen, bevor Sie mit der Einnahme von Bisphosphonaten beginnen.
Es ist nicht bekannt, ob der monatelange Verzicht auf die Einnahme von Bisphosphonaten vor einem kieferchirurgischen Eingriff das Risiko für eine Kieferknochenosteonekrose senkt. Am besten ist es, wenn Sie vor einem Eingriff Ihren Zahnarzt darüber informieren, dass Sie Bisphosphonate einnehmen und mit ihm besprechen, ob es sinnvoll ist, die Einnahme eine Weile auszusetzen.