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Rückenschmerzen: Therapiemöglichkeiten

Die meisten versuchen es mit Pillen oder Spritzen, manche mit Nadeln. Einige leiden vor sich hin und hoffen auf Spontanheilung, andere suchen ihr Heil auf dem Operationstisch. Patienten mit Rückenschmerzen stehen vor einer großen Auswahl. Das Spektrum der Therapiemöglichkeiten fällt groß aus. Es gibt keinen Königsweg, doch ein Zauberwort lautet „multimodale Therapie“, also die Kombination mehrere Therapien.

Bei Rückenschmerzen muss man zunächst zwischen unspezifischen und spezifischen Schmerzen unterscheiden. Bei den unspezifischen Symptomen liegen keine eindeutigen körperlichen Ursachen vor. Bei den spezifischen Schmerzen beschuldigen die Mediziner einen definierten und nachweisbaren Befund als Ursache. Dazu zählen etwa ein Bandscheibenvorfall, eine Stenose des Wirbelkanals, ein Wirbelkörperbruch, Abnutzungserscheinungen (Arthrose), eine Entzündung oder ein Tumor.

Als typische Symptome gelten starke Rückenschmerzen im unteren Bereich, die bis ins Gesäß, Bein oder in den Fuß ausstrahlen. Sie verstärken sich unter Umständen beim Husten, Niesen oder Pressen. Möglich sind Gefühlsstörungen oder Lähmungserscheinungen in einem Bein, Kribbeln oder Taubheit am Oberschenkel und ein Kontrollverlust beim Wasserlassen bzw. Stuhlgang. Man muss hier zwischen akuten und chronischen Schmerzen unterscheiden.

Am Anfang jeder Therapie von Rückenschmerzen steht eine klinische Untersuchung. Der Weg führt nicht automatisch „in die Röhre“, zur Computer- oder Kernspintomografie. Die klinische Untersuchung gibt dem Arzt Hinweise darauf, ob die Schmerzen von der Wirbelsäule ausgehen. Dieser Fall tritt bei rund drei Viertel der Betroffenen auf. Bei etwa jedem vierten Patienten liegt die Ursache in einer Störung des Iliosakralgelenks. Das bezeichnet die gelenkige Verbindung zwischen Kreuz- und Darmbein. Solcheiliosakralen Dysfunktionen folgen überwiegend aus Fehlhaltungen, Abnutzungserscheinungen oder einer Beinverkürzung. Neurologische Ausfälle existieren nicht.

Zur Behandlung von Rückenschmerzen stehen dem Arzt nach Angaben der beiden Heidelberger Wirbelsäulen-Spezialisten Dr. Andreas Werber und Professor Marcus Schiltenwolf im Wesentlichen folgende Therapie-Strategien zur Verfügung:

  • Medikamentöse Therapien, wobei vor allem nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) und Entzündungshemmer (NSAID) verwendet werden. Diese erhalten die Patienten als Tabletten, Zäpfchen oder Salbe. Als weitere Optionen gelten schwach wirksame Opioide, eventuell stark wirksame sowie so genannte Ko-Medikamente (Antidepressiva und Bisphosphonate). Bei akuten Schmerzen kann der Patient eine Wärmetherapie erfahren. Manche Therapeuten setzen auf unterstützende diätetische Maßnahmen. Dies funktioniert etwa mit B-Vitaminen und anderen Nährstoffen zur Nervenregeneration.
  • Injektions-Therapien, so genannte interventionelle Verfahren
  • Operative Eingriffe wie etwa die klassische Bandscheiben-Operation

Ebenso wie bei den interventionellen Verfahren gibt es „massive Zuwachsraten“, beklagen Werber und Schiltenwolf. So sei in Deutschland die Zahl der Operationen an der Lendenwirbelsäule (LWS) zwischen 2006 und 2009 von 165.579 auf 254.000 gestiegen. Diese Zunahme der chirurgischen Eingriffe an der LWS habe nicht zu einem „belegbaren Gewinn an Lebensqualität der Rückenschmerz-Patienten“ geführt. Gestiegen seien dafür die Kosten und die Zahl der Komplikationen.

Ähnlich sehen dies die Krankenkassen. 85 Prozent der operativen Eingriffe bei Patienten mit Rückenschmerzen gelten als überflüssig, behauptet zum Beispiel die Techniker Krankenkasse (TK). Nach Auswertungen eigener Daten erfolgten bei den TK-Mitgliedern im Jahr 2006 etwa 11.000 Wirbelsäulen-Operationen. 2011 waren es rund 19.000 Eingriffe. Unter Berücksichtigung des Zuwachses an Mitgliedern der Kasse sei die Zahl der operativen Eingriffe in dieser Zeit damit um 25 Prozent gestiegen.

Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der TK habe diesen Trend bestätigt. Jedem zehnten Patienten mit Rückenschmerzen sei von seinem Arzt empfohlen worden, „sich unter das Messer zu legen“, so die Krankenkasse. Von den Patienten mit chronischen Schmerzen habe jeder sechste Patient eine Operation empfohlen bekommen. „Dabei sind 85 Prozent der verordneten Eingriffe unnötig“, sagte Frank Herrmann von der TK. Er stützt seine Aussage auf erste Auswertungen des TK-Angebots „Zweitmeinung vor Wirbelsäulen-Operationen“.

Schmerz-Experten und Wirbelsäulen-Spezialisten einigten sich, dass bei Rückenschmerzen operative Maßnahmen nur in wenigen Fällen Sinn machen. Als Ausnahmen gelten Tumoren oder massive Fehlstellungen. Bandscheibenvorfälle gelten als Ausnahme, wenn sie mit akuten Schmerzen sowie neurologischen Schäden (Lähmungen oder Störungen der Blasen- und Darmfunktionen) einhergehen. Als Grund für diese empfohlene Zurückhaltung bei Bandscheiben-Operationen gilt, dass der Eingriff zu Komplikationen führen kann. Er bietet keine ausreichende Sicherheit, dass die Schmerzen nach der Operationen nicht mehr auftreten.

Die Spezialisten empfehlen Patienten mit chronischen Rückenschmerzen heute überwiegend eine konservative Therapie: eine multimodale Therapie. Hierunter versteht man laut Werber und Schiltenwolf „beim Vorliegen chronifizierender oder bereits chronischer Schmerzen“ die Anwendung verschiedenartiger Therapieweisen.

Das bedeutet einerseits Körpertherapie, etwa Ausdauer- und Kräftigungstherapie auch an Geräten sowie Körperwahrnehmung und -training. Gleichrangig erfolgt eine Psychotherapie. Diese setzt man entweder als kognitive Verhaltenstherapie oder als psychodynamische Therapie ein. Es geht dabei um ein „körperlich und psychologisch aktives Therapieprogramm“. Passive Maßnahmen stellen keine Lösung dar. Selbst bei akuten Rückenschmerzen ist im Normalfall keine Bettruhe angesagt.

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