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Nackenschmerzen: Welche Therapien Ihnen wirklich helfen

Chronische Nackenschmerzen können die unterschiedlichsten Ursachen haben. Was ihnen aber gemeinsam ist: Die Frage, welche Behandlung am schnellsten hilft.

Schluss mit Mythen: Fakten aus einer Studie

Nackenschmerzen gehören zu den häufigsten schmerzhaften Beschwerden überhaupt. Von zehn Deutschen haben jährlich vier mehrere Tage lang oder andauernd unter Nackenschmerzen zu leiden. Es handelt sich dabei um ein Symptom, dessen Ursachen bisher von Medizinern noch nicht befriedigend erklärt werden können.

Unter der Leitung von Professor Scott Haldeman, Neurologe und Epidemiologe an der Universität Los Angeles, haben 50 Wissenschaftler und Ärzte verschiedener Fachrichtungen die aktuellen Forschungsergebnisse aus neun Ländern zu diesem Thema zusammengetragen und bewertet. Das Team untersuchte mehr als 1.000 Studien, die Entstehung, Diagnose und Therapie von Nackenschmerzen zum Thema hatten. Dabei brachten die Forscher einige überraschende Tatsachen zu Tage, die mit vielen populären Meinungen und Gerüchten zum Thema Nackenschmerzen aufräumen. Das sind die Fakten, die Professor Haldeman und sein Team herausgefunden haben:

Die meisten Nackenschmerzen sind unspezifisch

Das bedeutet, dass konkrete Ursachen sich nicht erkennen lassen. Mediziner gehen heute davon aus, dass es sich um ein hochkomplexes Leiden handelt, bei dem sowohl körperliche als auch emotionale Befindlichkeiten des Betroffenen eine Rolle spielen.

Je mehr Ärzte, desto schlimmer wird das Leiden

Die zweite, dritte und fünfte Meinung bringt den Betroffenen entgegen allen Erwartungen nicht etwa mehr Klarheit über ihr Leiden, sondern verlängert und verschlimmert die Schmerzen. Die naheliegendste Erklärung: Die Betroffenen konzentrieren sich von Arzt zu Arzt mehr auf ihr Leiden, ohne eine Besserung zu erfahren. Dadurch setzen sie sich einem enormen psychischen Stress aus. In diesem Zusammenhang werden zudem unzählige Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren wie CT und MRT durchgeführt, die man sich sparen kann. Denn die Aufnahmen unterscheiden sich meist nicht von denen gesunder Menschen.

Wichtig: Vertrauen Sie sich einem erfahrenen Arzt oder Chiropraktiker an, der zunächst andere, bekannte Ursachen für Ihre Beschwerden ausschließt. Zwar sind 94 Prozent aller Nackenschmerzen symptomlos, aber in 5 Prozent der Fälle ist ein durch einen Bandscheibenvorfall eingeklemmter Nerv der Übeltäter, in einem von 100 Fällen ist eine Entzündung, ein Tumor oder eine Knochenfraktur die Ursache.

Ruhe und Schonung sind die schlechtesten Therapien 

Wie die Auswertung der Studien zeigt, hatte jede Therapie, die Bettruhe, Krankschreibung oder eine Ruhigstellung mittels einer Halskrawatte vorschrieb, eine Verzögerung des Heilungsprozesses zur Folge. Erklärung: Durch eine Ruhigstellung verlieren die Halsmuskeln schnell an Kraft und können die Wirbelsäule weniger gut unterstützen und stabilisieren. Die Beschwerden werden also eher noch verschlimmert. Nur wenn Sie regelmäßig Sport treiben oder einer körperlich anstrengenden Tätigkeit nachgehen, sollten Sie sich bei Nackenschmerzen etwas Schonung gönnen, dabei aber aktiv bleiben.

Passive Behandlung bewirkt wenig

Passive Behandlungsmethoden wie Wärmekissen, Eispackungen, Strom- oder Ultraschalltherapie hatten keinen Einfluss auf die Dauer von Nackenschmerzen. Bei manchen Betroffenen konnten diese Therapien jedoch die Stärke der Schmerzen deutlich lindern.

Finden Sie heraus, was Ihnen am besten hilft

Ebenso wenig wie es die eine Ursache für Nackenschmerzen gibt, gibt es auch ein Allheilmittel. Die Auswertung der Studien ergab, dass bestimmte Therapien, die eine Verbesserung der Beweglichkeit der Nackenpartie zum Ziel hatten, in vielen Fällen Erfolg haben. Doch mussten die meisten Patienten erst verschiedene Behandlungsmethoden ausprobieren, bis sie die individuell am besten wirksamste herausgefunden hatten. Als am wirkungsvollsten haben sich physikalische Therapien erwiesen, bei denen der Betroffene unter Anleitung eines Arztes oder Chiropraktikers entsprechende Bewegungsübungen ausführt. Nahezu ebenso wirksam waren regelmäßiges Spazierengehen, Schwimmen oder leichte Aerobic-Übungen.

Sehr gut schlagen auch Kombinationen dieser Bewegungsübungen mit anderen Therapien an, die eine Reduktion der Steifigkeit sowie der entzündlichen Abläufe im Nackenbereich zum Ziel haben. Besonders effizient: Akupunktur und Massagen. Wenn Massagen aufgrund der Schmerzen dem Betroffenen nicht zuzumuten sind, können sie durchaus auch nach Einnahme von Schmerzmitteln erfolgen (Ibuprofen, Naproxen). Erkenntnisse darüber, ob sich Nackenschmerzen mit vorbeugenden Maßnahmen wie speziellen Stühlen, bestimmten Körperhaltungsübungen oder Nackenkissen vermeiden lassen, lieferte die Studie nicht. Ganz gleich, auf welche Art Sie das Leiden auch angehen: Wenn die Beschwerden sich nach zwei Wochen nicht gebessert haben, wechseln Sie zu einer anderen Therapie. Sobald eine Behandlung anschlägt, sollten Sie diese vier Wochen lang weiterführen. Eine längere Behandlung, so die Studie, bringt keine zusätzliche Besserung.

Bei Stress kommen Nackenschmerzen so richtig auf Touren

Die Auswertung der Studien zeigt deutlich, das Stress, Verkrampftheit und Ängstlichkeit Nackenschmerzen signifikant verschlimmern. Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga oder progressive Muskelentspannung nach Jacobson lindern die Beschwerden in vielen Fällen. Ebenfalls ein interessantes Ergebnis der Studie: Betroffene, die sich um sich selbst kümmern, indem Sie unterschiedliche Therapien aktiv angehen und ausprobieren, anstatt ihr Schicksal passiv in andere Hände zu legen, werden ihre Nackenschmerzen schneller wieder los.

Alternative vs. konventionelle Therapie

Falsche Haltung, psychische Probleme oder Verschleiß führen unter Umständen zu dauerhaften und damit chronischen Nackenschmerzen. Forscher der Universiy of York befassten sich nun damit, welche Therapien bei solchen Beschwerden besser helfen. Dazu verglichen sie Akupunktur und Alexandertechnik mit der klassischen, konventionellen Therapie. Letztere umfasst unter anderem Massagen oder eine medikamentöse Behandlung.

Die Wissenschaftler teilten rund 500 Patienten, die seit einem Vierteljahr oder länger unter Nackenschmerzen litten, in drei Gruppen auf. Ein halbes Jahr lang erhielten sie eine zufällig ausgewählte Behandlung. Die einen wurden zwölfmal für 50 Minuten mit Akupunktur behandelt. Die zweite Gruppe erlernte in 20 Sitzungen à 30 Minuten die Alexandertechnik und die dritte Gruppe wurde mit physiotherapeutischen Maßnahmen behandelt. Zu Beginn der Studie und ein halbes Jahr nach Behandlungsende bewerteten die Teilnehmer ihre Schmerzen mit Hilfe eines speziellen Fragebogens. Es zeigte sich, dass die alternativen Behandlungsweisen deutlich bessere Ergebnisse brachten. Bei der Akupunktur war ein Rückgang der Schmerzen um rund 32 Prozent zu verzeichnen, bei der Alexandertechnik um 31 Prozent. Die konventionellen Methoden brachten nur eine Verbesserung um 23 Prozent. Hinzu kommt: Als klinisch relevant gilt erst eine Schmerzlinderung von 25 Prozent.

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