Diese unscheinbare, im menschlichen Hinterkopf an der Gehirnbasis gelegene Drüse gab lange Zeit Anlass zu medizinischen Spekulationen: War sie überhaupt wichtig – und wenn ja, wofür? Die einen hielten sie für lebenswichtig, ja für den „Sitz der Seele“, andere glaubten höchstens, sie verursache „Mondsüchtigkeit“. Erst mit dem Aufschwung der Hormonforschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelang es, ihre Aufgaben (weitgehend) zu entschlüsseln.

Die Zirbeldrüse, ihrer Pinienzapfen-Form wegen auch Glandula pinealis genannt, enthält Zellen, die den Botenstoff Melatonin produzieren – und zwar je nach Helligkeit oder Dunkelheit der Umgebung weniger oder mehr. Trifft Sonne oder helles Lampenlicht auf den Sehnerv, ist die Zirbeldrüse wenig aktiv; bei Nacht steigert sie ihre Hormonausschüttung um das Vielfache, ebenso in den langen, dunklen Wintermonaten. (Das tut sie allerdings auch bei Blinden, deren Sehnerven keine Außenreize ans Gehirn leiten. Es muss daher noch andere, bislang unerforschte Informationswege der Zirbeldrüse geben.) Melatonin gilt als „Schlafhormon“, das den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert. Melatoninpräparate wurden daher als Mittel gegen den unangenehmen Jet Lag bei langen Flugreisen durch Zeitzonen entdeckt: Sie machen zur „rechten“ Zeit müde.

Frauen sollten sich jedoch mit dieser Hormoneinnahme besonders vorsehen: Ihre Eierstöcke speichern mehr Melatonin als alle anderen Körpergewebe. Zyklusstörungen sind daher nicht auszuschließen. Auch das weibliche Gemüt scheint auf Melatonin-Überschuss empfindlich zu reagieren: Rund 86 Prozent aller Menschen mit Winterdepression, fand man bei Studien in nördlichen Ländern, sind weiblichen Geschlechts, ihre Melatoninwerte im Blut weit höher als normal. Mit täglicher Lichttherapie (Sonne oder sehr starken Lampen) oder mit Schlafentzugs-Therapie (nur 4 – 5 Stunden Schlaf pro Nacht) lässt sich die Zirbeldrüse meist überlisten, die Depression aufhellen.

Auch helles Mondlicht wirkt tatsächlich auf die Zirbeldrüse – und damit auf die Eierstöcke, die unter Hormoneinfluss den Eisprung vorbereiten. Antike Fruchtbarkeitsriten zu Vollmond finden hier ihre wissenschaftliche Erklärung – und Frauen mit Zyklusstörungen einen oft heilsamen Trick: einige Monate lang den Schlafraum völlig abdunkeln, nur zu Vollmond drei Nächte lang Licht herein (oder eine schwache Lampe brennen) lassen. Das kann die Regel regulieren.

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