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Der essentielle Tremor

Zittert die Tasse in Ihrer Hand? Schwappt die Suppe vom Löffel, wenn Ihre Mutter oder Ihr Vater isst? Sie denken an eine Alterserscheinung oder befürchten Schlimmeres. Doch dieses Händezittern hat wenig mit dem Alter oder einer Parkinson-Krankheit zu tun. Es ist ein Zeichen einer häufigen Koordinations- und Bewegungsstörung mit dem Namen „essentieller Tremor“ (Tremor = Zittern). Die Bezeichnung „essentiell“ bedeutet, dass das Zittern nicht mit einer Krankheit im Zusammenhang steht. Etwa 1,5 Millionen Deutsche, die meisten von ihnen älter als 60 Jahre, leiden an dieser Störung.

Versuchen Sie, ein Stück Papier für kurze Zeit in der Hand zu halten. Sie bemerken, dass Ihre Hände zittern. Der Grund dafür ist das Schlagen des Herzens und das Dehnen und Zusammenziehen des Brustkorbs beim Atmen. Diese Bewegungen des Körpers erzeugen eine Art Welleneffekt in der Muskulatur. Im Normalfall nimmt man diese Bewegungen nicht wahr. Unter Stress oder beim Genuß von Stimulantien wie beispielsweise Koffein treten sie stärker hervor. Obwohl der essentielle Tremor in einigen Fällen die Stimme, den Kopf und das Gesicht zum Zittern bringt, ist er gewöhnlich wenig störend. Für einige Menschen wirkt er dennoch bedrückend. Er kann es Ihnen erschweren, die Dinge zu tun, die Ihnen Spaß machen.

Formen des Tremors

Im Unterschied zu diesen normalen Bewegungen tritt der essentielle Tremor häufiger auf und ist deutlicher wahrnehmbar. Er begleitet das Halten von Gegenständen wie beispielsweise einer Tasse (Haltetremor) oder gezielte Bewegungen wie zum Beispiel das Führen der Tasse zum Mund (Aktionstremor). Darin unterscheidet er sich wesentlich vom Tremor bei einer Parkinson-Erkrankung. Der Parkinson-Tremor tritt in Ruhe auf, wenn die Hand weder etwas zu halten noch etwas zu bewegen hat. Darüber hinaus ist der Parkinson-Tremor mit anderen Symptomen verknüpft, während sich der essentielle Tremor isoliert zeigt.

Der essentielle Temor entwickelt sich langsam in den mittleren oder späteren Lebensjahren. Etwa 50% der Betroffenen haben nahe Verwandte, die daran leiden. Seine Ursache konnten Experten bisher nicht eindeutig klären. Sicher ist, dass sie in den Schaltkreisen des Gehirns liegt, welche die Bewegungen kontrollieren. Dabei spielt eine Hirnregion (Thalamus) eine Rolle. Der essentielle Tremor bedarf nicht von vornherein einer Therapie. Allerdings beeinträchtigt ein stark ausgeprägtes Zittern im Lebensstil. In diesem Falle oder bei Beunruhigung empfiehlt es sich, eine ärztliche Praxis aufzusuchen.

Unterschiede zur Parkinson-Krankheit

Viele Menschen bringen einen Tremor mit der Parkinson-Krankheit, einer bekannten degenerativen Krankheit, in Verbindung. Jedoch wies bisher keine Studie nach, dass das Auftreten eines essentiellen Tremors das Risiko einer Parkinson-Krankheit erhöht. Darüber hinaus unterscheiden sich die beiden Tremortypen folgendermaßen:

  • Der essentielle Tremor tritt in Erscheinung, wenn der Betroffene die Hände benutzt: beim Bewegen (Aktionstremor) oder beim Halten von Gegenständen (Haltetremor). Der Tremor bei der Parkinson-Krankheit tritt am meisten hervor, wenn Ihre Hände ruhen (Ruhetremor).
  • Der essentielle Tremor zieht keine anderen gesundheitlichen Störungen nach sich. Bei der Parkinson-Krankheit sind neben dem Tremor eine gebeugte Körperhaltung, Steifheit der Glieder, langsame Bewegungsabläufe, Sprachprobleme und in Einzelfällen Gedächtnisverlust vorhanden.
  • Der essentielle Tremor erfasst die Hände, den Kopf und die Stimme. Der Tremor bei der Parkinson-Krankheit betrifft die Hände, nicht den Kopf und die Stimme.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Entscheidung Ihres Arztes über die Behandlung des Tremors hängt davon ab, wie lange Sie betroffen sind und wie schwerwiegend die Auswirkungen auf Beruf und Lebensstil sind. Für viele Patienten reichen klärende und beruhigende Worte sowie Veränderungen des Lebensstils aus. So vermeiden sie zum Beispiel belastende Situationen und verzichten auf Stimulantien.

Der Neurologe grenzt den essentiellen Tremor von einem Zittern anderer Ursache ab. Zunächst fordert er Sie unter Umständen auf, eine Schriftprobe abzugeben, ein Glas Wasser zu trinken oder ein Blatt Papier zu halten. Eventuell veranlasst er weitere Untersuchungen, um andere mögliche Ursachen auszuschließen. Zu diesen gehören Schilddrüsenerkrankungen, Schwermetallvergiftungen, Nebenwirkungen von Medikamenten und neurologische Erkrankungen wie die Parkinson-Krankheit.

Maßnahmen bei stark ausgeprägtem Tremor

Verschreibungspflichtige Medikamente mit Wirkung auf das Zentralnervensystem gelten häufig als Behandlung erster Wahl. Dazu gehören Betablocker zur Behandlung eines Bluthochdrucks wie Propranolol (z. B. Dociton ®) und das Medikament Primidon (z. B. Liskantin ®), das man gegen Anfallsleiden einsetzt. Andere Medikamente sind Tranquilizer wie Clonazepam (z. B. Rivotril ®) oder Diazepam (Valium ®). Die Medikamente helfen bei einem Tremor in 40 bis 60% der Fälle. Methazolamid, das man beim Glaukom (grüner Star) einsetzt, gilt bei Patienten mit Stimm- und Kopftremor als hilfreich.

Bei wenigen Patienten, deren essentieller Tremor eine schwere Behinderung darstellt, ist unter Umständen eine Operation nötig. Bei diesem Eingriff (Thalatomie) zerstört man einen winzigen Teil des Thalamus. Dieser ist ein tief im Gehirn liegendes Schaltzentrum. Die Zerstörung eines kleinen Bereichs des Thalamus auf einer Gehirnseite vermindert den Tremor der gegenüberliegenden Körperseite. Bei 70 bis 80 Prozent der Patienten mit dieser Operation stellen die Ärzte eine deutliche Verminderung des Tremors fest. Dennoch vermindert diese Operation lediglich den Tremor einer Körperseite. Die Neurochirurgen operieren im Normalfall nicht beide Seiten des Thalamus, da die Gefahr eines Sprachverlustes und anderer Komplikationen zu groß ist.

Behandlung, aber keine Heilung

Die Hoffnung der Ärzte richtet sich auch auf ein neues, chirurgisch implantiertes Gerät, den Thalamus-Stimulator (nähere Informationen finden Sie im folgenden Absatz). Mit dessen Hilfe können sie eines Tages eine weitere, vielversprechende Behandlung für den schweren essentiellen Tremor anbieten.

Die meisten Personen mit essentiellem Tremor benötigen keine Behandlung. Sollte diese Störung Ihre Lebensfreude jedoch in stärkerem Maße beeinträchtigen, könnte Ihnen Ihr Arzt helfen. Medikamente und Operation sind keine Heilung bei essentiellem Tremor, können das Zittern jedoch in Grenzen halten.

Implantierbaren Geräts zur Tremorbehandlung

Die amerikanische Gesundheitsbehörde Food and Drug Administration (FDA) ließ im August 1997 ein in das Gehirn implantierbares Gerät zu. Es trägt dazu bei, das starke Zittern und Schütteln bei essentiellem Tremor oder der Parkinson-Krankheit zu mindern. Der Thalamus-Stimulator besteht aus einer schrittmacherähnlichen Einheit im Brustkorb. Mittels einer Elektrode leitet sie elektrische Impulse in den Thalamus. Wissenschaftler vermuten, dass die Impulse Signale des Thalamus unterbrechen, die eine Rolle in der Entstehung des Tremors spielen.

Bei einer kleinen Anzahl von Personen mit essentiellem Tremor oder der Parkinson-Krankheit fällt der Tremor so stark aus, dass er einer solchen Behandlung bedarf. Medikamente bringen in vielen Fällen eine Erleichterung. Wenn diese nicht wirken und ein schwerer Tremor vorliegt, stellt die Implantation eines Thalamus-Stimulators eine Behandlungsoption dar. Das Implantat ist nur zur Behandlung des Tremors einer Körperseite zugelassen. Die Operation zur Implantation birgt gesundheitliche Risiken: Zum Beispiel eine Sprachstörung (verwaschene Sprache) oder eine Infektion. Die Ärzte der Mayo Clinic meinen jedoch, dass der Stimulator vielen Menschen die Fähigkeit wiedergeben kann, einfache alltägliche Tätigkeiten wie Essen oder Trinken selbst zu verrichten.

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