MenüMenü

Mit Strom gegen Migräne und Clusterkopfschmerzen

Etwa jeder Zehnte in Deutschland leidet regelmäßig unter Migräne-Attacken oder Clusterkopfschmerz. Dabei treten bei dem Betroffenen mehrfach täglich unter einseitigen, um das Auge lokalisierten Schmerzattacken auf. In einigen Fällen schlagen Medikamente nicht an.

Für diese Patienten kommt eine neue Therapie in Betracht. Dabei pflanzen Ärzte zwei Elektroden im Nackenbereich ein. Die elektrischen Reize wirken auf den Hinterhauptsnerv (Okzipitalnerv). Sie mindern die Schmerzen bei mehr als 70 Prozent der Patienten mit chronischem Clusterkopfschmerz. Das zeigt eine aktuelle Übersichtsarbeit.

Okzipitale Nervenstimulation

Bei Migräne-Attacken spüren 40 Prozent der Patienten eine deutliche Besserung. Die „Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung“ (DGKN) empfiehlt, die okzipitale Nervenstimulation (ONS) in einer Fachklinik zu erwägen. Dies gilt insbesondere für chronische Clusterkopfschmerz-Patienten mit hohem Leidensdruck und bisher erfolgloser medikamentöser Prophylaxe.

Für die ONS kommen Patienten in Frage, die trotz Medikamente gleichbleibend unter chronischem Clusterkopfschmerz oder chronischer Migräne leiden. Die Mediziner setzen diesen Patienten bis zu zwei kleine Elektroden direkt unter der Haut am Nacken ein. Der Eingriff erfolgt unter Vollnarkose oder örtlicher Betäubung.

Ob das Verfahren wirkt, prüfen die Patienten mit einem Gerät in Größe einer Scheckkarte. Damit schalten sie die Elektroden an und aus. „Es kann vier bis sechs Wochen dauern, bis der Therapieeffekt einsetzt.“ Das erläutert Professor Dr. Andreas Straube, Kopfschmerzspezialist am Universitätsklinikum Großhadern in München. Schlägt die Methode an, pflanzen Spezialisten einen solchen Generator dauerhaft im Fettgewebe oberhalb des Schlüsselbeines ein. Alternativ erfolgt dies unterhalb des Rippenbogens oder in der Gesäßregion.

Langfristige Effekte bei Clusterkopfschmerzen

Klinische Neurophysiologen erproben die ONS seit fünf Jahren. Eine aktuell erschienene Übersichtsarbeit fasst die Ergebnisse von 58 Menschen mit Clusterkopfschmerz und mehr als 200 Migräne-Patienten zusammen und belegt die Wirksamkeit.

Bei etwa 72 Prozent der Betroffenen mit Clusterkopfschmerz lässt die Schmerzhäufigkeit und -intensität um mehr als 50 Prozent nach. „Auch noch nach fünf Jahren war ein Großteil der Betroffenen schmerzfrei“, so der DGKN-Experte Straube. Bei Migräne-Patienten hingegen stünden Langzeitstudien noch aus. Die bisher beobachteten Erfolgsraten seien weniger stabil als bei Clusterkopfschmerz-Patienten.

Es ist noch unklar, wie genau die ONS wirkt. „Wahrscheinlich unterbinden die elektrischen Reize die Weiterleitung der Schmerzsignale im Hirnstamm“, vermutet Straube. Das ONS-Verfahren sei dennoch sicher und reversibel und die Risiken überschaubar. „Schlägt die Stimulation nicht an, werden die Elektroden entfernt. Bis auf den Hautschnitt bleiben keine körperlichen Veränderungen zurück.“

Potenzial noch nicht ausgeschöpft

Weitere Behandlungen neurologischer Krankheiten, die auf elektrische Stimulation setzen, werden zurzeit erprobt. „Das therapeutische Potenzial neurophysiologischer Methoden scheint längst nicht ausgeschöpft“, erklärt Straube. „Wir verfolgen insbesondere Methoden, bei denen elektrische Wellen von außen wirken. Diese erfordern keinen Hautschnitt.“

Dazu zählt die transkutane Nervus-Vagus-Stimulation. Dabei stimulieren die Forscher Kopfschmerz-Patienten und Patienten mit epileptischen Anfällen mehrere Stunden täglich im Bereich der linken Ohrmuschel elektrisch.

Begriffserklärungen

Migräne bezeichnet anfallartige, pulsierende Kopfschmerzen. Sie treten wiederholt und einseitig auf und können Stunden bis Tage andauern. Die Migräne wird oft von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmscheu, visuellen Symptomen oder neurologischen Ausfällen begleitet.

AlsClusterkopfschmerz bezeichnet man besonders bei Männern auftretende schwerste, einseitige, hinter dem Auge lokalisierte Schmerzattacken von 15 bis 180 Minuten Dauer. Sie treten bis zu acht Mal pro Tag über Wochen bis Monate mit monate- bis jahrelangen beschwerdefreien Intervallen auf. Typischerweise kommt es zu Augenrötung, Nasenlaufen, gleichseitiger Hautrötung und Schwitzen.

© FID Verlag GmbH, alle Rechte vorbehalten