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Pflanzliche Heilmittel: Weder Kräutermedizin noch harmlose Zuckerpille

„Das Vertrauen von Patienten in die pflanzlichen Heilmittel ist ungebrochen. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung nutzen Naturheilmittel und schätzen vor allem die Wirksamkeit und gute Verträglichkeit von hochwertigen Phytopharmaka.“ Das sagt Professor Michael Popp, Vorsitzender des Komitees Forschung Naturmedizin e.V. (KFN) in München und Chef des Phytopharmaka-Unternehmens Bionorica.

Pflanzliche Heilmittel müssen heute die selben Anforderungen erfüllen wie chemisch-synthetische Arzneimittel. Sie müssen therapeutisch wirksam, in der Anwendung unbedenklich und verträglich sein und eine konstante pharmazeutische Qualität haben. Diese Anforderungen zu erfüllen stellt eine schwere Aufgabe dar. Aus diesem Grund trifft auf moderne Phytopharmakologie nicht „Kräuter“-, sondern Hightech-Medizin zu.

Hochwertige pflanzliche Heilmittel sind keine „Zuckerpillen“, die keine unerwünschten Nebenwirkungen haben können, weil sie aus der Natur kommen. Wie alle Arzneimittel können Phytopharmaka überdosiert werden. Sie können die Wirkung anderer Medikamente verstärken oder schwächen. Unerwünschte Wirkungen treten bei korrekter Anwendung selten auf.

Eine wichtige Aufgabe stellt vor allem die Wahl des Präparates dar. Ginkgo ist nicht gleich Ginkgo und Johanniskraut nicht gleich Johanniskraut. Das Spektrum der modernen pflanzlichen Heilmittel ist groß.

Baldrian als mögliche Alternative

Ein Beispiel für ein pflanzliches Heilmittel, auf das wir hier näher eingehen, lautet Baldrian für Menschen mit Schlafstörungen. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung leiden unter Schlafstörungen, hat die Techniker Krankenkasse (TK) 2010 errechnet. Dementsprechend hoch fällt der Verbrauch von Schlafmitteln aus. Besonderes oft greifen ältere Menschen zu Schlaftabletten. Gerade für sie haben die typischen Nebenwirkungen chemischer Schlafmittel (Schwindel und Sturzgefahr) gefährliche Folgen.

Laut Prof. Dr. Dr. Martin E. Keck vom Züricher Zentrum für Naturwissenschaften in München gibt es verträglichere Alternativen. Schlafhilfen aus Baldrianextrakten oder in Kombination mit Hopfen, Melisse und Passionsblume eignen sich seiner Meinung nach besser. Sie hätten sich in einer großen Zahl von klinischen Studien als Alternative zu den synthetischen Hypnotika und Sedativa erwiesen. Dies erklärte Keck laut einer Mitteilung des KFN.

Weißdorn für ein starkes Herz

Ein zweites Beispiel heißt Weißdorn für Patienten mit altersbedingter Herzschwäche. Für ein gesundes Herzaltern stellt eine gesunde Lebensweise die wichtigste Voraussetzung dar. Als weitere Schutzmaßnahmen, um den Prozess des Alterns zu bremsen und das Herz zu schützen, gelten Impfungen gegen Grippe-Viren und Pneumokokken. Des Weiteren empfehlen sich eine regelmäßige Zahnhygiene und die medikamentöse Therapie bei Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen.

Ein pflanzliches Arzneimittel kann gerade bei nachlassender Herzleistung ein weiterer Mosaikstein einer herzschützenden Gesamtstrategie sein. Wissenschaftler der „Cochrane Collaboration Group“ (internationales unabhängiges Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten) analysierten kontrollierte Studien. Dabei kam heraus, dass ein Weißdorn-Spezialextrakt bei leichteren Formen der Herzschwäche die typischen Symptome lindern und die Herzfunktion bessern kann.

Lavendelöl gegen Angst

Das dritte Beispiel ist ein spezielles Lavendelöl (Silexan). Es soll bei ängstlicher Unruhe nicht nur die Angst-Symptome mindern, sondern die Schlafqualität zudem verbessern. Eine kontrollierte Studie mit 221 Patienten aus Praxen von Allgemeinärzten oder Psychiatern zeigte die Wirksamkeit.

Belege für ein hohes Abhängigkeitsrisiko, so wie bei manchen chemisch-synthetischen Präparaten, gibt es nicht. Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen gehören in die Hand spezialisierter Ärzte. Man sollte sie nicht in der Selbstmedikation mit dem pflanzlichen Heilmittel behandeln.

Ginkgo für Ruhe im Ohr

Ein viertes Beispiel lautet Ginkgo biloba für Menschen mit Tinnitus. Bei diesem häufigen Leiden gibt es bislang keine Heilung. Eine Linderung bietet nach wissenschaftlichen Erkenntnissen vor allem eine multidisziplinäre Betreuung mit einer Kombination von kognitiver Verhaltenstherapie und Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT). Diese Spezialtherapie mit einem pflanzlichem Heilmittel erwies sich gegenüber einer herkömmlichen Behandlung (Beratung, evtl. Hörgerät und Rausch-Generator) als überlegen. Dies berichteten niederländische Wissenschaftler im Mai 2010 online im Ärztefachblatt „Lancet“ berichten.

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