Ethnomedizin: Den Medizinmann gibt es nicht
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Die bei uns bekannten Bezeichnungen wie Schamane, Medizinmann oder -frau für die ganzheitlich orientierten indianischen Mediziner benutzen die Indianer selbst weniger. Sie unterscheiden eher nach der Spezialisierung ihrer Mediziner in Heiler, Priester, Seher, Beschwörer, Heiliger Clown, Heiliger Mann usw. Dies spiegelt die vielfältigen Funktionen wider, die die Medizinmänner und -frauen einnehmen, beispielsweise als Magier, Künstler, Mythenerzähler, Priester, Psychotherapeut, Soziologe, Lehrer und politischer Führer. Sie besitzen ein großes Wissen bezüglich psychologischer und spirituell-geistiger Zusammenhänge.
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Alle Dinge in der Natur, sichtbare und unsichtbare (etwa Tiere, Pflanzen, Wolken, Winde, Gestirne), gelten als mögliche Quellen spiritueller Kraft, die sich die Heiler zu Nutze machen können, indem sie sich zum Beispiel in den Zustand der Trance versetzen. Aber auch im eigentlichen medizinischen Bereich sind die indianischen Mediziner seit alters her sehr erfahren. Beispielsweise waren sie schon sehr früh fähig, Wunden zu reinigen und zu nähen, Knochenbrüche zu richten, den Puls zu fühlen, Blut zu stillen und Schädeloperationen durchzuführen. Sie kennen darüber hinaus die Heilkräfte einer großen Anzahl von Pflanzen, die sie an speziell ausgewählten Orten sammeln. Dabei werden die benötigten Pflanzen nicht einfach gepflückt, sondern den Pflanzen wird erklärt, wozu man sie benötigt, und sie werden um die Erlaubnis gebeten, sie pflücken zu dürfen, „sonst hilft ihre Kraft nicht“. Da nach indianischer Auffassung der Mensch nicht einfach nur nehmen darf, ohne zu geben, hinterlässt der Medizinmann dort, wo er Pflanzen oder Pflanzenteile sammelt, eine kleine Gabe, zum Beispiel etwas Maismehl, Tabak oder eine Münze.
Zum Medizinmann oder Schamanen wird man berufen, sei es durch eine schwere Krankheit mit Todesnähe-Erfahrung oder durch Visionserfahrungen (durch Einsamkeit und Fasten). Aber auch die Fortführung der Familientradition kann manchmal für die Berufung zum Heiler ausreichen. Neben der Berufung bedarf es einer längeren Ausbildungszeit, bis die Medizinmänner und -frauen die Gesänge, Gebete, Mythen, Sandbilder, rituellen Handlungen auch nur für einige ausgewählte Heilungszeremonien erlernt haben. Traditionellerweise wird das Wissen mündlich übermittelt, auch wenn dazu heute moderne Kom- munikationsmittel verwendet werden, das heißt, alle Gesänge (bis zu über 300 für eine Heilungszeremonie) müssen auswendig gelernt werden. Damit ist auch verständlich, dass kein Medizinmann alle Zeremonien beherrschen kann. In der Regel beschränkt sich seine Kenntnis auf eine oder zwei vollständige Zeremonien neben einigen anderen in Kurzform. So gibt es je nach Krankheit und benötigtem Ritual einen Spezialisten.