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Musiktherapie: Heilende Klänge

Wie alle Heilmethoden geht es bei der Musiktherapie und Musikmedizin um die Ganzheitlichkeit. Die beiden Verfahren setzen an verschiedenen Polen des leibseelischen Zusammenhangs an, um einbesseres Gleichgewicht dieser Pole zu erreichen.

Musiktherapie: Eine Ur-Heilform

Musik spricht den gesamten Menschen mit Leib und Seele an. Auf diese Weise heilt sie. Das weiß die Menschheit offenbar, seit es eine Heilkunde gibt. Ob im alten Indien, China oder bei den Persern, in Ägypten oder dem klassischen Griechenland – immer galt die Musik als zentrales Element der Gesundheitsfürsorge.

Die Medizin der Neuzeit vernachlässigte lange Zeit die Ganzheit Mensch. Doch nachdem Psychotherapeuten große Erfolge mit der Musiktherapie machten, wenden sich viele körperorientierte Schulmediziner der Musik in der Medizin zu.

Anästhesiologen (Narkoseärzte), Schmerztherapeuten, Intensivmediziner und Internisten nutzen die modernen technischen Möglichkeiten, um die Wirkungen der Musik auf den Organismus nachzuweisen.

Am Anfang war das Ohr

Klang ist Schwingung, welche die Materie durchdringt – das beweist die Physik.

Auf den Menschen übt Musik eine besondere Kraft aus. Das bestätigt zum Beispiel die Embryologie, die Wissenschaft vom vorgeburtlichen Leben.

Musiktherapie Schwangere Frau© Adobe Stock

Das Kind im Mutterleib nimmt bereits Klänge auf. Zuerst handelt es sich um eine Klangempfindung; eine Fähigkeit, die ein Leben lang erhalten bleibt.

Schon früh entwickelt sich der Hörsinn. Welche Töne das Kind im Mutterleib wahrnimmt, bestimmt seine körperliche und seelische Entwicklung.

Warum wirkt Musik auch auf Erwachsene heilend? Dahinter stecken anatomische Gründe. Im Innenohr befindet sich eine große Anzahl von Nervenzellen bzw. Sinnesrezeptoren. Diese nehmen die eindringenden Schallwellen auf und wandeln sie in elektrische Impulse um.

Diese Impulse setzen sich auf zwei Wegen fort: Der eine Weg führt direkt in das Hörzentrum des Gehirns. Wir hören und wissen, dass wir hören.

Der andere Weg führt in das limbische System. Dabei handelt es sich um einen Teil des Gehirns, der für die Gefühle zuständig ist.

In der Tat reagieren wir auf Musik eher gefühls- als verstandesmäßig. Gefühle (das limbische System) beeinflussen die gesamten Prozesse im Körper.

Hören und musizieren

Musiktherapie begegnet uns in zwei Formen: als Musikhören (rezeptive Musiktherapie) und als Selbermusizieren (aktive Musiktherapie). Beide Formen haben ihre speziellen Anwendungsgebiete und können ineinander übergehen.

Beide schaffen Kontakte, wecken Gefühle, Erinnerungen und Assoziationen (Verknüpfungen), die der Mensch dann verarbeitet – sei es im Gespräch mit dem Therapeuten oder in weiteren Klangimprovisationen durch die Klienten. In diesem Sinne gilt Musiktherapie als eine Form von Psychotherapie.

Bei der aktiven Musiktherapie geht es nicht um das Spielen eingelernter Stücke. Die Klienten improvisieren meist in einer Gruppe auf (selbstgewählten) Instrumenten Klänge. Sie spielen etwa zu einem bestimmten Thema wie Gewitter oder vorüberziehende Karawane. Nach einem anfänglichen Tohuwabohu beginnen die Spielenden bald aufeinander zu lauschen und fügen sich zusammen. Ein Rhythmus entsteht und plötzlich liegt Musik im Raum.

Dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Hauptsache, die Spielenden äußern sich in Klang und Rhythmus und geben dem Therapeuten den Schlüssel für die Weiterarbeit in die Hand. Gleichzeitig wirken die selbstproduzierten Klänge und Rhythmen selber auf sie ein.

Unterschied zwischen Musiktherapie und Musikmedizin

Bei der Musiktherapie handelt es sich um eine Form der psychotherapeutischen Behandlung. Sie setzt die Gegenwart eines Musiktherapeuten voraus und schließt mit einem therapeutischen Gespräch ab.

Bei der aktiven Musiktherapie beteiligen Sie sich selbst meist improvisierend mit einem Instrument oder der Stimme. Die rezeptive, passive Musiktherapie stellt das gemeinsame Hören von Musik mit dem Therapeuten in den Mittelpunkt.

Die Musikmedizin ist funktionale Musik, also Musik mit einer bestimmten Aufgabe. Sie nutzt gezielt messbare seelisch-körperliche Wirkungen auf den Organismus aus. Sie ist nach überprüfbaren Kriterien ausgewählt bzw. komponiert.

Diese Kriterien oder Gesichtspunkte ermittelte man vorher in Studien mit vielen Patienten und bezog sie auf bestimmte Krankheitsbilder. Bei der Anwendung braucht kein Therapeut anwesend zu sein. Sie lässt sich mit Hilfe von Tonträgern allein zu Hause durchführen.

Wem hilft die Therapie?

Die Wirkung von Musik spielt sich unterhalb der Verstandesebene in den tieferen Schichten ab. Das lässt sich (psycho)therapeutisch gerade bei jenen Menschen aller Altersstufen nutzen, deren Gesundheitsprobleme sprachlich nicht erreichbar sind oder die eine Gesprächstherapie ablehnen. Musiktherapie kommt in Frage für:

  • psychosomatisch Leidende, die ihr seelisches Problem in körperliche Symptome abdrängen. Sie wollen oder können nicht zulassen, dass es ins Bewusstsein gelangt.
  • sehr alte Menschen, die zu keiner Gespächstherapie zu bewegen sind und für die diese sinnlos wäre. Sie sind aber spielerisch durchaus zu mobilisieren.
  • verhaltensgestörte oder autistische Kinder, die sich jedem Zuspruch verweigern.
  • zwangsneurotische Menschen, die ein seelisches Problem auf bestimmte quälende Verhaltensweisen schoben.
  • psychisch Kranke.
  • geistig und körperlich Behinderte.

Sorgfältig ausgewählte Musik, die man rezeptiv aufnimmt, bringt mit ihren Schwingungen Körper, Seele und Geist in einen harmonischen Einklang. Aus dem Grund stellt sie eine große Hilfe dar für Menschen mit

  • eingeschränktem Gefühlsleben
  • Kontaktschwierigkeiten
  • Bewegungsstörungen (alters- oder krankheitsbedingt)
  • Essstörungen wie Anorexia nervosa (Magersucht) oder Bulimie (Esssucht)
  • Stressleiden aller Art
  • überstark einseitiger Orientierung auf einem bestimmten Gebiet („Kopflastige“)

Die Vorteile der Musikmedizin in der Klinik

Musiktherapeuten arbeiten vorzugsweise an Kliniken und Rehabilitationszentren. Viele sind als niedergelassene Therapeuten tätig. Die Kosten für die Therapie außerhalb der Kliniken übernehmen die Kassen nicht immer. Wenn der Arzt Sie zur Musiktherapie überweist, haben Sie größere Chancen. Erkundigen Sie sich bei Ihrer Krankenkasse.

Musik hilft darüber hinaus körperlich Leidenden. Die rezeptive Form des Anhörens von Musik wirkt stark auf das zentrale Nervensystem. Aus diesem Grund setzt man es in manchen Krankenhäusern auf Intensivstationen und zur Operationsvorbereitung ein, um Ängste abzubauen und Narkosemittel einzusparen.

Krebspatienten vertragen eine belastende Chemotherapie besser, wenn sie während der Infusionen selbst ausgewählte Musik anhören. Dies ergab ein Projekt der Münchner Universitätsklinik Großhadern. Sie führten angstlos ihre Meditationen oder Visualisierungen und benötigten weniger Mittel zum Schlafen oder gegen das Erbrechen. Des Weiteren reagierten diejenigen Patienten dankbar, die wegen Transplantation wochenlang in Isolation blieben.

Musik für die Abwehrkräfte

In Zahnarztpraxen wirkte sich Musik im Wartezimmer und während der Behandlung entspannend und damit schmerzlindernd aus. Zur Zeit laufen Forschungen, die klären sollen, ob Musik in der Medizin nicht generell die Abwehrkräfte stärkt.

Bis vor kurzem grenzten sich Musikmedizin und Musiktherapie weitgehend gegeneinander ab. Inzwischen vermischen sich die Grenzen, weil immer klarer wird, wie wenig sich die Wirkung der Musik in „psychisch“ oder „körperlich“ aufteilen lässt. Psychologisch orientierte Musiktherapeuten und internistisch orientierte Musikmediziner arbeiten oft zusammen, wobei jede Seite ihre Schwerpunkte einbringt.

Musik zur Selbsthilfe

Musik kann man im Alltag gezielt beichronischen Zuständen einsetzen, die mit der Seele in innigem Wechselspiel stehen. Geeignete Musik beruhigt oder regt an, beeinflusst das Herz-Kreislaufsystem, die Atmung, den Stoffwechsel, die Hormonausschüttung und dämpft das Schmerzempfinden. Das wiesen Wissenschaftler mit modernen Messmethoden wie EKG, Hirnstrommessungen (EEG) und Laborkontrollen nach.

Bekannte Musiktherapeuten wie Prof. Hans-Helmut Decker-Voigt (Hamburg) und Mediziner wie Prof. Dr. Ralf Spintge (Lüdenscheid) und Prof. F. K. Maetzel arbeiten zusammen. Sie bringen bei Polymedia CDs heraus, die Sie mit einem beigefügten Handbuch als Ergänzung einer ärztlichen Therapie für sich selbst nutzen können.

Aus dem Programm „Musik & Gesundheit“ erschienen bisher CDs zur Herz-/Kreislaufstärkung, für Verspannungsschmerz, Tinnitus (Ohrgeräusche), Schlafstörungen, Stressbewältigung und Visualisierung beim Älterwerden. Die Regelmäßigkeit der Anwendung bringt den Erfolg.

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