Lasst haarige Männer um mich sein
Sylvia Schneider in Naturmedizin aktuell
vom 24.08.2007 06:00 Uhr
GNL5356
Natürlich von Tag zu Tag, Einfälle und Ausfälle
Immer mehr Männer werden zu Pflegefällen. Und das ist zum Teil auch gut so. „Ein echter Mann muss nach Waffenöl, Leder und Schweiß riechen“, hieß es früher. Danach kam dann die Zeit, in der Männer sich und uns mit Brisk und Old Spice, toupiertem Brusthaar und Goldkettchen quälten. Heute salben sich Männer, die etwas auf sich halten, mit Pre shave-Lotion, After-shave-Balm, Post-shave-Healer und Extremely-different-moisturing-Creme. Ab und an ist auch ein Body-Peeling dran. Keine Pflege übrigens ohne fortgeschrittene Englisch-Kenntnisse. Männer sind in den vergangenen Jahren für Körperpflege sensibilisiert worden.
Während Opa und Uropa mit Haarausfall und Wohlstandsbauch – oder etwas vornehmer: Embonpoint – noch wohlgelitten waren, geht das heute gar nicht mehr. Die Männer werden ästhetisch in die Pflicht genommen. Die Messlatte liegt deutlich höher. Sie sollen männlich schön, schlank und gepflegt sein. Inklusive Waschbrettbauch. Um ein wirklicher Mann zu werden, soll der Mann sich überdies so verhalten, wie ich es neulich in einem Buch über die Zukunft der Männer las: „Ein richtiger Mann zu sein, bedeutet zu wissen, was zu tun ist, um das zu bekommen, was man und wie haben will.“ Aha. Mit der passenden Creme wird das schon klappen, Jungs. Nur Mut.
Auf in den Kampf um Frauen und mehr Gehalt
Frauen und Vorsetzte schätzen gepflegte Männer. Geschniegelt und gebügelt punkten sie nach Kräften. Fast 90 % der in einer Nivea-for-men-Marktstudie befragten Männer glauben, dass ein gepflegtes Äußeres berufliche Vorteile bringt. Das strafft nicht nur die Haut, sondern auch das Selbstbewusstsein. Das wiederum erhöht sie Chancen für die nächste Gehaltserhöhung. Beides ist gut für die Wirkung auf die Damenwelt. Sexuelle Attraktivität (= gute Gene) und Geld (= Sicherheit) pushen die weibliche Paarungsbereitschaft. Und das ist letztlich der Punkt, um den sich alles dreht.
Das weiß die Kosmetikindustrie sehr wohl zu nutzen. Der Markt wächst. Denn dieser Trend verträgt sich nicht mit Falten, Tränensäcken und pickeliger Haut. Die Prominenten und Möchtegerns machen vor, wie es geht. Masken, Schminke, Selbstbräuner, Strähnchen, extremes Körpertraining und Schönheitsoperationen – inzwischen hat die Männerwelt alles adaptiert, was einst Frauen vorbehalten war.
Immer mehr Männer stehen auf eine nackte Kanone
Damit werden Männer auch immer ein Stück weiblicher. So weiblich, dass viele jetzt nicht einmal mehr ihr männliches Brusthaar dulden wollen. Diese frühere Erkenntnis gilt nicht mehr: „Dem Mann ist die Behaarung eine Zierde, der Frau jedoch gereicht sie zur Schande.“ Heute wird die Brust rasiert, bis kein Härchen mehr zu ahnen ist. Der Rasierer beziehungsweise Wachs oder Enthaarungspaste gehen dabei immer öfter auch weiter „nach Süden“, um das Genital-Haar auszuradieren. Trendsetter der nackten Kanone war einmal mehr David Beckham. Was früher Männlichkeit und einen ausgeprägten Charakter verhieß (denken Sie nur mal an Sean Connery), ist heute so was von out, das glauben Sie gar nicht.
Einen Hoffnungsstrahl für das Brusthaar brachte uns allerdings der Bär, der die Welt veränderte: Knuts menschlicher Ziehvater Dörflein avancierte zum Frauenschwarm mit ungebremster und ursprünglicher Männlichkeit. Selbst Knut krümmte ihm kein Haar.
Auf die Frage einer Kollegin in einem Interview für die „Brigitte“, was Männer denn als Erstes tun sollten, wenn sie rundum gut aussehen wollten, antwortete das bekannte Designer-Duo Viktor & Rolf: „Ein gutes Buch lesen!“. Eine prima Idee. Vielleicht könnte ja David Beckham damit einmal den Anfang machen.
Wie sehen Sie das?
P. S.: Die Statistik spricht übrigens eine andere Sprache. Seit Jahren kommt bei entsprechenden Umfragen immer wieder heraus, dass der durchschnittliche deutsche Mann maximal zweimal in der Woche seine Unterwäsche wechselt. Also wird auch geschwindelt, dass sich die Balken biegen. Oder verhunzt uns die Generation Old Spice etwa die Statistik?