Können Sie ohne Reue genießen?
GNL5356
Ernährungsgewohnheiten
Können Sie ohne Reue genießen?
Am Jahresanfang nehmen wir uns meist viel vor. Etliche gute Vorsätze wollen wir in die Wirklichkeit umsetzen. Endlich abnehmen, gesünder essen, mit dem Rauchen aufhören, keinen Alkohol mehr trinken. Doch oft ist unserer „innerer Schweinehund“ stärker als der gute Wille. Macht nichts, sagen Psychologen. Kleine Sünden sind erlaubt. Ja, sie sind sogar gesund.
Von allen Seiten werden wir – wie junge Leute es heute nennen – zugetextet. Wir sind im Visier der Gesundheitserzieher und Fitnessfanatiker, die uns auf den Pfad ihrer eigenen Tugend bringen wollen. Sie argumentieren dabei mit Zahlen, die leider tatsächlich wahr sind: Wir Deutschen sind Weltmeister im Saufen, essen fast nur noch Lebloses aus der Fast-Food-Küche, bei 80 % aller Bundesbürger bleibt die Küche meistens kalt, wir verhelfen der Süßwaren-Industrie zu Milliarden-Umsätzen, lassen unsere Zähne verfaulen und unsere Körper verfetten. Dazu könnte das Bundesgesundheitsministerium sagen: Leben schadet Ihrer Gesundheit!
Es ist ein Paradox unserer Wohlstandswelt: Erst werden wir von allen Seiten umworben, schnell die Tütensuppe warm zu machen, die Tiefkühlpizza in die Mikrowelle zu schieben, den vorgefertigten Zupfkuchen zu backen oder das fertige Spaghettigericht zu kochen, und dann müssen wir uns dieses von Gesundheitsaposteln gleich wieder vorwerfen lassen. Schlechtes Gewissen sitzt immer mit am Tisch. Doch wir übersehen dabei eines: Wir sind von Natur aus anfällig dafür, uns das Leben leicht zu machen. Unser Gehirn ist im Laufe von Jahrmillionen zu einem komplizierten Schaltmechanismus gewachsen, dessen Basisprogramm immer noch lautet: Stress und Schmerz vermeiden, Nahrung und Lust gewinnen – und zwar so einfach wie möglich. Am Ende sind es dann meist doch die Kilos auf den Rippen und die ersten gesundheitlichen Auswirkungen, die uns zur Besinnung bringen. Und dann werden wir schon wieder anfällig – nämlich auf Diät-Apostel zu hören, die uns eine Wunderkur nach der anderen verkaufen wollen.
Doch die kleinen Sünden haben durchaus auch entwicklungsgeschichtlich gesehen ihren Sinn: Wenn Sie Ihre Sinne mit wohlschmeckenden Speisen füttern, werden in Ihrem Gehirn bestimmte Belohnungs- und Lustzentren angeregt. Alles, was Sie zum Überleben brauchen, ist an diese Zentren gekoppelt – Essen, Trinken, Sexualität. Auch unsere kleinen Laster schlagen hier zu Buche. Der Genuss von schönen Dingen – einer duftenden Mahlzeit, einem Glas schönen Wein, einem Stückchen Schokolade – ist für viele Menschen ein wichtiges Pendant zur Hektik unserer modernen Informationsgesellschaft. Sie tanken mit dieser Belohnung Kraft, um wachsendem Stress besser begegnen zu können. Die kleinen Sünden helfen Ihnen, Leistungsdruck zu vermindern. Sie heben Ihre Stimmung, wenn Sie mal „durchhängen“. Sie entspannen und bereichern unsere gemeinsamen Stunden. Und sie lassen uns auch einmal Kummer und Sorgen vergessen, zumindest kurzfristig.
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