Können Ihre Medikamente Schuld an überflüssigen Pfunden sein?
Dr. Ulrich Fricke in Täglich Gesund
vom 1. März 2010, 16:00 Uhr
GNL5356
Dass Medikamente für Übergewicht sorgen, ist keinesfalls selten. Selbst so gängige Mittel wie Antidiabetika oder Betablocker können das Gewicht in die Höhe treiben. Oft entsteht sogar ein Teufelskreis: Denn Übergewicht ist einer der wesentlichen Risikofaktoren für Diabetes oder Herzkrankheiten - also genau für die Erkrankungen, gegen die die Mittel eigentlich helfen sollen.
Diese Medikamente können zu Übergewicht beitragen:
- Betablocker (z. B. bei Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Schilddrüsenüberfunktion)
- Neuroleptika (bei Psychosen)
- Antidepressiva
- Östrogene (z. B. bei Wechseljahrsbeschwerden, „Pille)
- Progesteron (bei Wechseljahrsbeschwerden)
- kortisonhaltige Medikamente
- Insulin und andere Antidiabetika
- Migräne-Mittel
Diabetiker benötigen Insulin oder Anti-Diabetes-Medikamente, damit der Blutzucker besser in ihre Körperzellen aufgenommen wird. Der Nachteil: Die Wirkstoffe senken zwar den Blutzuckerspiegel, aber dadurch wird ein ständiges Hungergefühl erzeugt. Denn auf zu wenig Zucker im Blut reagiert das Sättigungszentrum im Gehirn mit dem Signal, mehr Nahrung aufzunehmen.
Abhilfe könnten hier z. B. so genannte Analoginsuline schaffen, die chemisch anders aufgebaut sind als herkömmliches Insulin und kürzer wirken (zwei bis drei Stunden). So wird verhindert, dass Sie ständig Appetit haben. Zu den Analoginsulinen zählen z. B. Lispro (Humalog®) oder Insulin Aspart (Novorapid®). Auch der Diabetes-Wirkstoff Metformin beeinflusst das Gewicht nicht. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob diese Medikamente eine Alternative für Sie sein könnten.
Antidepressiva: Ärzte nennen Übergewicht als gravierendste Nebenwirkung
Auf Ihr Körpergewicht achten sollten Sie auch dann, wenn Sie auf Psychopharmaka angewiesen sind. Auf einem Kongress in Madrid im Jahr 2007 stellten Wissenschaftler der Universität Salzburg die Ergebnisse einer europaweiten Umfrage vor, in der sie 4.200 behandelnde Psychiater nach den gefährlichsten Nebenwirkungen dieser Medikamente befragt hatten: 84 % nannten die Gewichtszunahme. Insbesondere die trizyklischen Antidepressiva (z. B. Clomipramin oder Doxepin) und so genannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (z. B. Fluoxetin oder Sertralin) steigern über einen längeren Einnahmezeitraum Ihr Hungergefühl genauso wie Lithium, das gegen Depressionen und Cluster-Kopfschmerzen eingesetzt wird. Bei MAO-Hemmern (Antidepressiva, z. B. Selegilin oder Tranylcypromin) hingegen müssen Sie nicht mit Übergewicht rechnen.
Senken Sie jedoch niemals ohne vorherige Rücksprache mit Ihrem Arzt die Dosis der Psychopharmaka. Sonst drohen erhebliche Nebenwirkungen wie Schwindelgefühle, Nervosität oder Müdigkeit.
Eine Alternative zu vielen Dickmachern unter den Psychopharmaka ist u. a. Johanniskraut, das sich bei leichten bis mittleren Depressionen, innerer Unruhe oder Angstzuständen bewährt hat.
Betablocker hemmen die Fettverbrennung
Zu den am häufigsten verordneten Medikamenten gehören Betablocker. Auch sie können langfristig zu unerwünschten Fettpölsterchen führen, da sie Ihren Energiestoffwechsel und die Fettverbrennung um etwa 10 % herabsetzen.
Wenn Sie z. B. als Bluthochdruck-Patient Schwierigkeiten haben, unter Betablockern Ihr Gewicht zu halten, könnte Ihnen ein Wechsel zu ACE-Hemmern oder Diuretika helfen. Allerdings sind diese Mittel selten eine echte Alternative, wenn Sie unter einer koronaren Herzerkrankung leiden oder bereits einen Herzinfarkt hatten.
Überlegen Sie sich in diesen Fällen gemeinsam mit Ihrem Arzt andere Strategien, wie Sie Ihr Gewicht halten können, etwa mit Hilfe einer Diät oder vermehrter körperlicher Bewegung (die ja Ihrem Herzen ohnehin zugute kommt).
Kortison: Wassereinlagerungen lassen das Gewebe anschwellen
Gefahr für die schlanke Linie droht auch durch kortisonhaltige Medikamente. Das Hormon setzt Ihren Stoffwechsel herab und wirkt darüber hinaus appetitanregend. Gleichzeitig sammelt sich Wasser im Gewebe an. Vor allem im Gesicht sowie im Hals- und Nackenbereich „quellen" die Betroffenen regelrecht auf.
Bei diesen chronischen Erkrankungen kommt Kortison zum Einsatz:
- Asthma
- chronische Darmentzündungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa)
- rheumatische Erkrankungen
- Allergien
- Nierenentzündungen
- chronische Bronchitis (COPD)
Bei einer langfristigen Therapie sollte Ihr Arzt immer versuchen, die Dosierung so gering wie möglich zu halten und das Kortison nur über einen begrenzten Zeitraum einzusetzen. Gewichtszunahmen aufgrund von Wassereinlagerung im Gewebe finden sich übrigens auch bei Hormonpräparaten (z. B. östrogenhaltige Medikamente während der Wechseljahre oder die „Pille").
Bei Migräne-Patienten können die Wirkstoffe Pizotifen, Flunarizin oder Cinnarizin für ein andauerndes Hungergefühl sorgen. Eine Alternative zu diesen Migräne-Tabletten bietet Ihnen das Mutterkraut.
Die hier genannten Wirkstoffe sind nur die häufigsten, die zu Übergewicht beitragen können. Wenn Sie andere Medikamente im Verdacht haben, sollten Sie auf jeden Fall Ihren Arzt darauf ansprechen. In den meisten Fällen wird es eine für Sie bessere Alternative geben.