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Muss Strafe sein und wie wird sie eingesetzt, ohne zu schaden?

von Dr. Andrea Schmelz, Chefredakteurin von „Gesundheit und Erziehung für mein Kind“

Fast alle Eltern lehnen körperliche Strafen ab. Ob auch andere Strafen schädlich sind und wie Sie Ihr Kind trotzdem zur Einhaltung von Regeln und Grenzen bewegen können, verrät Ihnen dieser Artikel.

Eltern eines Neugeborenen können sich kaum vorstellen, ihr Kind jemals strafen zu müssen oder zu wollen. Ist aus dem hilflosen Baby aber erst ein trotziges Kleinkind geworden oder ein „rotzfrecher“ Kindergartenbengel, kommen Eltern kaum ohne gelegentliche und angemessene Strafen aus.

Eine Strafe ist die unangenehme oder schmerzhafte Antwort auf ein unerwünschtes Verhalten, beispielsweise das Nicht-Einhalten von Regeln oder Missachten von Grenzen. Dahinter steckt die Idee, dass der Bestrafte, um der Strafe in Zukunft zu entgehen, das unerwünschte Verhalten unterlässt. Strafen sind jedoch nicht selten unwirksam, weil sie den Widerstand des Kindes sowie seinen Trotz herausfordern und sich bei manchen Kindern eine „Jetzt erst recht!“-Mentalität entwickelt. Bei ohnehin eher aggressiven Kindern können Strafen die Aggressivität noch verstärken, ein Kind aber auch einschüchtern und verängstigen. Besser und sinnvoller als herkömmliche Strafen sind die Auszeit oder die Anwendung logischer Folgen, die tatsächlich dazu führen, dass das Kind sein Verhalten ändert.

Babys wollen ihre Welt erforschen und probieren aus Neugier oft Dinge aus, die Eltern ihnen einfach nicht erlauben können. Strafen sind hier völlig sinnlos, da ein Baby nicht mit Vorsatz handelt und Sie als Eltern nicht absichtlich ärgern will, auch wenn es zum fünften Mal in Folge fasziniert die Erde aus dem Blumentopf buddelt. Gestalten Sie die Umgebung so, dass Ihr Kind nach Möglichkeit keine gefährlichen oder auch wertvollen bzw. zerbrechlichen Gegenstände erreichen kann. Lassen sich „magische Anziehungspunkte“, die nicht für Babys geeignet sind, nicht entfernen, hilft ein ernst gemeintes und mit bestimmter Stimme vorgetragenes „Nein“. Halten Sie gleichzeitig die Hand vor den betreffenden Gegenstand. Bleiben Sie konsequent, auch wenn Ihr Kind wütend schreit und sich wiederholt dem betreffenden Gegenstand nähert. Nein verstehen bereits Kinder im zweiten Lebenshalbjahr. Anfangs müssen Sie Ihr Kind sicher noch mehrmals vom Schauplatz entfernen und eventuell mit etwas anderem ablenken, bis es die gesetzte Grenze einhalten kann.

Für die meisten Eltern kommen körperliche Strafen als Erziehungsmittel nicht in Frage – und doch ist es mehr als 90 Prozent aller Eltern schon ein- oder mehrmals passiert, dass ihnen die Hand „ausgerutscht“ ist und sie ihrem Kind eine Ohrfeige verpasst haben.

Mein Tipp: Hat Ihr Kind Sie dermaßen „auf die Palme gebracht“, dass Sie es geschlagen haben, stellen sich meist sofort danach Reue und Schuldgefühle ein. Begeben Sie sich dann am besten auf Augenhöhe mit Ihrem Kind und entschuldigen Sie sich. Sie dürfen Ihrem Kind durchaus sagen, dass Sie sich sehr über sein Verhalten geärgert haben, nur sollten Sie ihm klarmachen, dass Ihre Reaktion darauf, der Schlag, falsch von Ihnen war.

Gezielte Klapse auf die Hand, wenn ein Kind bestimmte Dinge immer wieder trotz Verbot in die Hand nimmt, sind leider immer noch relativ verbreitet. In diesen Fällen ist es jedoch sinnvoller, den begehrten Gegenstand zumindest zeitweise außer Reichweite oder aber das Kind in ein anderes Zimmer zu bringen.

Bestrafen Sie Ihr Kind nur dann, wenn es die Regeln, gegen die es verstößt, auch kennt. Zeigt sich ein unerwünschtes Verhalten zum ersten Mal, sollten Sie Ihrem Kind zunächst erklären, warum es das nicht darf, bzw. es wenigstens vorwarnen. Besonders bei lebhaften Kindern ist es wichtig, nicht zu viele starre Regeln aufzustellen, die das Kind gar nicht einhalten könnte! Strafen oder auch der Entzug von Begünstigungen (z. B. Spielplatzbesuch) sollten in logischem Zusammenhang mit dem Vergehen stehen. Eine logische Folge ist z. B., dass ein Kleinkind nicht mehr zum Einkaufen mitgenommen wird, solange es immer wieder Wutanfälle an der Supermarktkasse bekommt, weil Sie ihm die gewünschten Süßigkeiten nicht kaufen. Bei Kindern bis zum Schulalter ist es zusätzlich wichtig, dass die Strafe auch in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit dem Fehlverhalten steht. Ein Kleinkind kann nur dann erkennen, dass sein gerade gezeigtes Verhalten falsch war, wenn Sie ihm dies unmittelbar danach klarmachen. Es also abends zu strafen, wenn es mittags den Bruder im Streit gebissen hat, ist völlig sinnlos.

Die Strafe muss angemessen sein. Überzogene Strafen fordern Rachegelüste und Aggressionen geradezu heraus. Eine Auszeit (übrigens eines der besten und wirksamsten Mittel!) zum „Wieder-Einkriegen“ in einem anderen Raum sollte beispielsweise so lange in Minuten dauern, wie Ihr Kind Jahre alt ist. Stundenlanges Verbannen ins Kinderzimmer wegen einer frechen Antwort wäre überzogen. Seien Sie konsequent! Wenn Sie ein unerwünschtes Verhalten mit Strafe belegt haben, sollten Sie jedes Mal prompt reagieren. Vermeiden Sie Androhungen, die Sie ohnehin nicht halten können! Sätze wie „Ich nehme dich nie wieder mit, wenn …“ laufen ins Leere und führen nur dazu, dass Ihr Kind Sie gar nicht mehr ernst nimmt, da Sie die ausgesprochene Drohung nicht wahrmachen (können).

Strafen, auf die Sie besser verzichten:

Liebesentzug: z. B. stundenlanges Ignorieren des Kindes, Sätze wie „Jetzt habe ich dich nicht mehr lieb!“ oder „Jetzt bin ich aber sehr traurig über dich“.

Ohne Essen ins Bett schicken: unbedingt vermeiden, da ein Kind nie zur Strafe ins Bett gehen oder hungern sollte – Essen und Schlafen sind Grundbedürfnisse, die nicht missbraucht werden dürfen!

Hausarrest: nur sinnvoll, wenn das Fehlverhalten mit Zuspätkommen oder Weglaufen zusammenhängt; Hausarrest immer nur für ein bis drei Tage verhängen.

Fernsehentzug: eine der härtesten Strafen für Kinder, die aber den Fernseher nur zusätzlich interessant macht; nur sinnvoll, wenn das Vergehen mit dem Fernsehkonsum zusammenhängt. Mehr zum Thema lesen Sie auch hier:

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