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Lispeln und Stottern: Was können Sie dagegen tun und wann sollten Sie Hilfe in Anspruch nehmen?

von Dr. Andrea Schmelz, Chefredakteurin von „Gesundheit und Erziehung für mein Kind“

Jedes vierte Vorschulkind hat Sprachstörungen, jedes zehnte braucht deswegen eine Therapie. Lispeln und Stottern treten häufig auf und verlieren sich oft auch wieder. Bei anhaltenden Problemen sollte Ihr Kind jedoch frühzeitig gefördert werden.

Sprechen scheint so einfach zu sein – und doch werden Sprachstörungen immer öfter diagnostiziert. Häufig steckt eine Hörstörung dahinter, insbesondere wenn Kinder in den ersten 18 Monaten bereits Auffälligkeiten zeigen, z. B. Verstummen nach der ersten Lallphase (dritter bis sechster Monat) oder ausbleibende erste Wörter. Wichtig: Bei jedem Kind mit gestörter Sprachentwicklung sollte unbedingt ein Hörtest gemacht werden, um Hörstörungen möglichst frühzeitig zu entdecken!

Für die Sprachentwicklung eines Kindes ist es außerordentlich wichtig, dass seine „Lehrer“, also die Eltern, viel mit ihm sprechen. Fernseher und Kassetten sind dazu völlig ungeeignet. Ab dem vierten Lebensjahr kommt eine weitere wichtige Instanz hinzu: der Kindergarten. Studien ergaben, dass Kinder in der Regel umso weniger Sprachförderung benötigen, je länger sie einen Kindergarten besucht haben. Nachgewiesen ist aber auch, dass Kinder mit Artikulationsstörungen, die bereits vier Jahre alt sind, später häufiger eine Lese-Rechtschreibschwäche entwickeln.

Daran erkennen Sie die häufigsten Sprachstörungen

Lispeln ist im Vorschulalter noch nicht therapiebedürftig, da es sich nach dem Zahnwechsel oft von selbst legt. Auch denken Kinder häufig schneller, als sie sich sprachlich ausdrücken können. Daher kommt es zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren bei vielen Kindern zum Entwicklungsstottern. Ist das Kind aufgeregt, „verheddert“ es sich leicht im Satz. Es spricht unflüssig, stockend und wiederholt oft Wörter oder Satzteile. Diese Phase sollte jedoch nicht länger als ein halbes Jahr anhalten.

Im Gegensatz dazu ist das „echte“ Stottern keine normale Phase der Sprachentwicklung. Etwa fünf Prozent aller Kinder (Jungen sind deutlich häufiger betroffen) stottern, wobei etwa 75 Prozent von ihnen ihr Stottern wieder überwinden. Meist tritt das Stottern zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr auf. Wichtig: Lassen Sie sich beraten, wenn Ihr Kind stottert und unter seinem veränderten Sprechen leidet, wenn es sich beim Sprechen sehr anstrengt bzw. gar nicht mehr sprechen mag oder wenn Sie selbst verunsichert sind. Erster Ansprechpartner ist der Kinderarzt, der durch gezielte Tests den Sprachentwicklungsstand feststellt und ggf. eine Sprachtherapie in die Wege leitet.

Was Eltern bei Sprachstörungen tun können

Damit Ihr Kind die Freude am Sprechen nicht verliert, sollten Sie es nie korrigieren oder dazu anhalten, einen falschen Satz oder ein falsches Wort richtig zu wiederholen. Es genügt völlig, das betreffende Wort bzw. den Satz selbst noch einmal korrekt zu sprechen. Sagt Ihr Kind etwa: „Papa Auto Opa abholt“, können Sie bestätigen: „Ja, der Papa holt den Opa mit dem Auto ab.“ Sprachgestörte Kinder sind häufig auch ungeschickt. Lassen Sie Ihr Kind daher viel turnen, schwimmen und basteln, das verbessert Körperbeherrschung und Feinmotorik. So wird gleichzeitig sein Selbstbewusstsein gestärkt, sodass Ihr Kind sich auch eher zu sprechen traut.

Erhöhen Sie beim Sprechen den Spaßfaktor. Einen spielerischen Zugang zur Sprache erhält Ihr Kind durch Rollenspiele, Sprechreime, Abzählverse, Rate- und Fingerspiele. So lernt Ihr Kind, dass Reden Freude macht.

Fördern Sie Ihr Kind bei Artikulationsstörungen

Bei Störungen der Lautbildung können zwei verschiedene Ursachen zu Grunde liegen, die einer unterschiedlichen Förderung bedürfen. Da Sie diese als Laie nur schwer unterscheiden können, macht es Sinn, beide Bereiche zu fördern, wenn nicht sofort eine Sprachtherapie erforderlich ist.

Hat Ihr Kind motorische Schwierigkeiten, die entsprechenden Laute zu bilden, ist es hilfreich, die Muskulatur von Lippen und Zunge zu trainieren. Üben Sie etwa das „sch“, indem Sie Ihr Kind Dampflok spielen lassen. Durch Spiele wie Wattebällchenblasen oder Grimassenschneiden kann Ihr Kind die Mundfunktion verbessern. Lassen Sie es auch verschiedene Geräusche produzieren, z. B. Schnalzen mit der Zunge.

Trotz normalem Gehör hat Ihr Kind Schwierigkeiten, verschiedene Laute zu differenzieren. Ähnliche Laute wie „t“ und „k“ werden beim Hören und infolgedessen auch beim Sprechen verwechselt. Üben Sie mit Ihrem Kind, genau hinzuhören, indem Sie es auf Alltagsgeräusche und Klänge aufmerksam machen, etwa die Klospülung, ein vorüber fahrendes Motorrad oder das Bellen eines Hundes.

Mein Tipp: Spielen Sie „Geräusche raten“. Knistern Sie z. B. mit Alufolie, rasseln Sie mit einer Tüte Nudeln oder schlagen Sie mit einem Kochlöffel auf einen Topfdeckel und lassen Sie Ihr Kind raten, womit Sie das Geräusch gemacht haben. Sie können auch ein „Geräusch-Memory“ basteln. Sammeln Sie leere Filmdöschen, füllen Sie jeweils zwei mit dem gleichen Inhalt (z. B. Reis, Wasser, Sand, Pfefferkörner, Perlen) und verschließen Sie die Döschen gut. Ihr Kind darf nun durch Schütteln die zusammengehörenden Paare erraten.

So helfen Sie Ihrem stotternden Kind

  • Lassen Sie Ihr Kind ausreden, auch wenn es etwas dauert. Bitte Ihr Kind weder unterbrechen noch in bester Absicht seine Sätze beenden! Es weiß genau, was es sagen möchte – geben Sie ihm die Zeit, die es dafür braucht.
  • Hören Sie richtig zu. Zeigen Sie Interesse an dem, was Ihr Kind sagt, und nicht, wie es das sagt. Sehen Sie Ihr Kind an, wenn es spricht, dann weiß es, dass Sie aufmerksam zuhören.
  • Bleiben Sie ruhig, auch wenn Ihr Kind schwer mit einem Satz kämpft. Wenn Sie selbst locker bleiben können, erkennt Ihr Kind, dass sein Stottern für Sie kein Problem darstellt. Das hilft ihm, weniger aufgeregt zu sein, wodurch sich das Stottern oft bessert.
  • Stärken Sie das Selbstvertrauen Ihres Kindes. Vermitteln Sie ihm, dass Sie es lieben, auch wenn es stottert. Erklären Sie ihm, dass alle Menschen Stärken und Schwächen haben und selbst Kinder, die nicht stottern, manchmal Schwierigkeiten mit dem einen oder anderen Wort haben. Damit machen Sie Ihr Kind stark gegen Hänseleien.
  • Verkneifen Sie sich „gute Ratschläge“ wie „Hol erst mal tief Luft“ oder, „Versuch doch einfach, langsam zu sprechen“. Damit setzen Sie Ihr Kind zusätzlich unter Druck, und es stottert noch mehr.
  • Informieren Sie Menschen, die öfter mit Ihrem Kind zu tun haben, über sein Stottern, damit sich diese ebenfalls förderlich für Ihr Kind verhalten. Sprechen Sie etwa mit Verwandten, Freunden, Nachbarn und Erzieherinnen im Kindergarten bzw. Lehrern in der Schule.

Wann ist die Hilfe eines Therapeuten notwendig?

Je früher bei einer auffälligen Sprachentwicklung therapeutische Hilfe in Anspruch genommen wird, umso größer sind die Erfolgsaussichten und umso kürzer ist der dafür erforderliche Behandlungszeitraum. Therapeutische Hilfe ist erforderlich, wenn Ihr Kind

  • mit drei Jahren nur von den engsten Bezugspersonen verstanden wird,
  • mit drei bis vier Jahren keine Sätze mit korrekter Wortfolge bilden kann,
  • mit vier Jahren noch auffällig anders spricht als Gleichaltrige,
  • altersgemäße Aufforderungen nicht versteht,
  • einen für sein Alter zu geringen Wortschatz hat.

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