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Einzelkinder richtig erziehen

Obwohl heute bereits die Hälfte aller Kinder ohne Geschwister aufwächst, existieren noch immer viele Vorurteile über Einzelkinder. So wird ihnen nachgesagt, sie seien egoistisch, kontaktarm und verzogen. Studien konnten jedoch zeigen, dass Einzelkinder genauso sozial, kontaktfreudig, durchsetzungsfähig und einfühlsam sind wie Kinder mit Geschwistern. Eine auf die besonderen Bedürfnisse Ihres Einzelkindes zugeschnittene Erziehung wie unser 12-Punkte-Programm trägt wesentlich dazu bei.

1. Ganz wichtig: der Freundeskreis

Spielkameraden sind für Einzelkinder besonders wichtig. Auch wenn Sie sich noch so viel Zeit nehmen und mit Ihrem Kind spielen, braucht es gleichaltrige Freunde als Ausgleich. Kinder unter sich spielen oft viel kreativer, als das mit einem Erwachsenen als Mitspieler möglich wäre, der doch immer mal wieder seine Logik ins Spiel einbringt. Gerade der beste Freund oder die beste Freundin sind als Verbündete gegen die übermächtigen Erwachsenen unschlagbar. Fördern Sie die Freundschaft, indem der Freund oder die Freundin manchmal bei Ihrem Kind übernachten darf oder auch mal mit Ihnen in den Urlaub fährt. Schon Kinder im Krabbelalter interessieren sich für Gleichaltrige. Gehen Sie immer freundlich auf andere Kinder zu – so bekommt Ihr Kind bereits frühzeitig eine positive Grundeinstellung anderen Kindern gegenüber.

2. Integration in einer Kindergruppe

Da auf Einzelkinder zu Hause in der Regel mehr Rücksicht genommen wird, sind sie meist schneller frustriert, wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen läuft. Oft wissen sie gar nicht, wie sie sich verhalten sollen, wenn ein anderes Kind ihnen in der Sandkiste die Schaufel wegnimmt oder sie von der Rutsche schubst. Das angemessene Verhalten können Einzelkinder nur in einer Gruppe von Gleichaltrigen lernen. Für dieses Training ist es nie zu früh. Besuchen Sie mit Ihrem Kind nach Möglichkeit ab dem zweiten Lebensjahr eine Krabbel- oder Spielgruppe. Auch der Besuch des Kindergartens ist unbedingt zu empfehlen, um die soziale Kompetenz einzuüben, die spätestens in der Schule nötig ist.

3. Selbständigkeit fördern

Eltern neigen gerade bei einem Einzelkind dazu, ihrem Liebling zu viel abzunehmen. Das mag gut gemeint sein, um dem Kind zu helfen. Aber dadurch kann es bestimmte Tätigkeiten, die es – mit etwas Mühe zwar und oft eben noch nicht fehlerfrei – schon selbst tun könnte, nicht einüben. Leider bleiben dann auch so manche Erfolgserlebnisse („Guck mal, Mama, hab die Socken alleine angezogen!“) aus. Lassen Sie Ihr Kind so viel wie möglich selber machen und ermuntern Sie es ausdrücklich dazu. Lassen Sie es häufig selbst entscheiden, z. B. welchen Pulli es anziehen möchte. Zeigen Sie ihm genau wie etwas geht, bzw. lassen Sie es häufig zusehen. Verkneifen Sie sich dann aber gute Ratschläge, wenn es probiert, etwas selbst zu machen, es sei denn, Ihr Kind fragt von sich aus um Rat.

4. Egoismus vorbeugen

Einzelkinder bekommen ganz selbstverständlich mehr Aufmerksamkeit. Achten Sie gezielt darauf, dass Ihr Kind sich nicht als „Nabel der Welt“ erlebt. Setzen Sie Grenzen und stehen Sie zu Ihren eigenen Bedürfnissen. Wollen Sie z. B. Ihre Ruhe haben, während Ihr Kind gerne mit Ihnen toben möchte, sollten Sie einen Kompromiss aushandeln wie: „Ich möchte jetzt für 15 Minuten Zeitung lesen, dann können wir bis zum Abendessen noch miteinander spielen.“ Achten Sie grundsätzlich auf einen positiven Umgangston, sodass niemand in der Familie herabgesetzt oder bloßgestellt wird. Bleiben Sie aber konsequent und räumen Sie Ihrem Kind nicht mehr Rechte ein als sich selbst.

5. Teilen lernen

Gehen Sie selbst mit gutem Beispiel voran und leben Sie Ihrem Kind das Teilen und Abgeben vor. Loben Sie Ihr Kind, wenn es etwas mit Ihnen teilt. Am besten lernt es das Teilen aber im Umgang mit anderen Kindern (siehe Punkt 2).

6. Großfamilien-Feeling

Gerade für Einzelkinder, denen Geschwister als „Verbündete“ gegen Mama und Papa fehlen, sind gute Kontakte zu weiteren Mitgliedern der Verwandtschaft besonders wichtig. Einen guten „Geschwister-Ersatz“ geben etwa Cousins und Cousinen ab. Fördern Sie den Kontakt auf Familienfeiern, durch gegenseitige Besuche und eventuelle Übernachtungen. Aber auch eine oder mehrere erwachsene Personen aus dem Verwandtenkreis (Großeltern, Onkel oder Tanten, speziell Paten!), zu der/denen Ihr Kind eine besondere Vertrauensbeziehung hat, sind als Mentor und vielleicht auch als Verbündete wichtig.

7. Enttäuschungen verkraften lernen

Lesen Sie Ihrem Kind nicht jeden Wunsch von den Augen ab, sonst lernt es den Wert eines Gegenstandes oder einer Unternehmung gar nicht mehr zu schätzen. Ein „Nein“ ist zunächst immer enttäuschend, doch muss jedes Kind erfahren, dass nicht alle Wünsche erfüllt werden können. Begründen Sie Ihrem Kind immer, warum es etwas nicht haben kann, und lassen Sie deutlich erkennen, dass dieses „Nein“ auf keinen Fall eine Ablehnung des Kindes bedeutet! Auf die Erfüllung großer Wünsche sollte ein Kind ruhig bis zu seinem Geburtstag oder bis Weihnachten warten oder sich das Gewünschte selbst zusammensparen.

8. Häusliche Pflichten

Damit Ihr Kind sich nicht zur „Prinzessin“ oder zum „Pascha“ entwickelt, ist es wichtig, ihm schon bald kleinere Pflichten im Haushalt zu übertragen. Bereits Zweijährige können helfen, die Blumen zu gießen, den Tisch zu decken oder abzuräumen; Drei- bis Vierjährige können Waschbecken (ohne Putzmittel!) oder Schuhe putzen. Diese Tätigkeiten fördern nicht nur den Sinn für die Gemeinschaft, sondern auch das Selbstwertgefühl („Toll, das kann ich schon! Ich bin eine Hilfe für Mama und Papa!“).

9. Bitte nicht überfordern

Bei Einzelkindern besteht in erhöhtem Maße die Gefahr, dass sie als Partnerersatz einspringen müssen oder die Eltern schon ganz genaue Vorstellungen davon haben, wie sich ihr Kind entwickeln und was aus ihm einmal werden soll. Gestehen Sie Ihrem Kind zu, dass es so sein darf, wie es eben nun mal ist. Machen Sie Ihre Zuwendung keinesfalls von Leistungen oder besonderem Wohlverhalten abhängig – Ihr Kind ist liebenswert mit all seinen Schwächen! Achten Sie gerade bei einem Jungen darauf, dass Sie ihm auch „unmännliches“ Verhalten zugestehen und seine mädchenhaften Seiten unterstützen. Dass Mädchen auch draufgängerisch und selbstbewusst sein dürfen, wird von den meisten Eltern viel bereitwilliger akzeptiert.

10. Perfektionismus eindämmen

Einzelkinder (wie übrigens auch Erstgeborene) neigen dazu, sich selbst zu überfordern und alles perfekt machen zu wollen. Dies ist nicht weiter verwunderlich, sind sie doch in den ersten Lebensjahren fast ausschließlich mit Erwachsenen zusammen, die alles so viel besser können und dem Kind allwissend erscheinen. Ein Geschwister, das – wie sie selbst – auch noch vieles nicht kann, wirkt in Familien mit mehreren Kindern ausgleichend. Geben Sie ruhig Ihre eigenen Schwächen oder Ihr Unwissen zu. Spornen Sie Ihr Kind nicht zu Höchstleistungen an, sondern sagen Sie ihm immer wieder, dass es etwas genau so, wie es das gemacht hat, gut gemacht hat. Verkneifen Sie sich bei Missgeschicken oder kleineren „Unfällen“ das „Siehst du, ich hab’s dir ja gleich gesagt …“. Bringen Sie stattdessen Ihr Vertrauen in seine Fähigkeiten zum Ausdruck, sagen Sie also besser: „Beim nächsten Versuch wird es schon klappen – ich bin sicher, dass du das schaffst!“

11. Ablösungsprozesse erleichtern

Bei Einzelkindern ist die Bindung an die Eltern nicht selten besonders eng. Sie können sich oftmals schwerer von den Eltern lösen (und umgekehrt!). Üben Sie als Eltern selbst immer wieder bewusst das „Loslassen“. Geben Sie Ihrem Kind einen gewissen Vertrauensvorschuss, dass es bestimmte Dinge wirklich schon eigenständig entscheiden oder erledigen kann. Spürt Ihr Kind instinktiv immer wieder Ihre Angst, die Sie um es haben, werden ihm das Erlernen neuer Fertigkeiten und die Erweiterung seines Aktionsradius sehr viel schwerer fallen. Sagen Sie Ihrem Kind immer, wenn Sie weggehen (nie heimlich gehen!) und wann Sie wiederkommen und halten Sie die Zeit genauestens ein. Geben Sie Ihrem Kind, wenn es woanders ist, für die Zeit der Trennung als Freund und Beschützer die Lieblingspuppe oder das Kuscheltier mit.

12. Freiräume schaffen

Ein Einzelkind kommt häufig in den Genuss eines ausgeklügelten Unterhaltungsprogramms (Ausflüge, Schwimmbad-, Museums- oder Zoobesuche), da die Eltern ihre Zeit gerne mit ihm verbringen und Langeweile erst gar nicht aufkommen lassen wollen. Nicht selten kommt dabei aber das Bedürfnis des Kindes nach unverplanter Zeit zu kurz. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind Freizeit im wahrsten Sinne des Wortes hat – also Zeit, in der keinerlei Aktivitäten geplant sind und das Kind seinen Tagträumen nachhängen kann, sich alleine beschäftigen oder ungezwungen mit anderen Kindern spielen kann.

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